Erziehung Zunge herausstrecken erlaubt

Singen und bewegen: Musikpädagogin Ellen Wenger (rechts) ist bei der Traumkiste in Ingersheim zu Gast. Mit dabei ist die Kita-Leiterin Iris Wielgoß.
Singen und bewegen: Musikpädagogin Ellen Wenger (rechts) ist bei der Traumkiste in Ingersheim zu Gast. Mit dabei ist die Kita-Leiterin Iris Wielgoß. © Foto: Ute Schäfer
Ute Schäfer 14.07.2018

Es ist kein Wunder, sagt Ellen Wenger, dass es so viele Wörter gibt, die Sprache und Melodie zusammenbringen: Sprachrhythmus, zum Beispiel, oder Sprachmelodie sind nur zwei davon.

Kein Wunder ist es vor allem deshalb, weil sich bei Kindern das Singen und Sprechen gleichzeitig bildet. Das eine vom anderen also kaum zu trennen ist. „Wenn Kinder Schwierigkeiten mit der Sprache haben, können sie sich im Singen und in der Melodie oft trotzdem ausdrücken“, sagt Ellen Wenger. „Und selbst wenn Kinder die Worte nicht verstehen, weil sie eine andere Sprache sprechen, die Melodien und Bewegungen verstehen sie doch.“

Ellen Wenger ist Musikpädagogin, bei der Musikschule Crailsheim angestellt, und hat eine Zusatzausbildung für das SBS-Programm absolviert. SBS bedeutet „Singen – Bewegen – Sprechen“ und ist ein deutschlandweit einmaliges musikpädagogisches Bildungsprogramm, das Kinder im Kindergartenalter ganzheitlich fördert. Dabei besuchen Musikpädagogen der Musikschule die Einrichtungen und üben zusammen mit Kindern und Erzieherinnen Lieder, Singspiele und Reime ein.

Und genau das will Ellen Wenger heute mit den Kindern in der Kita Traumkiste in Ingersheim machen – aber natürlich nicht mit allen, selbst wenn alle wollten. „Das Programm ist sehr beliebt“, sagt Kita-Leiterin Iris Wielgoß. Doch ist die Gruppe zu groß, profitieren aber nicht die Kinder vom Angebot, die die Zielgruppe des Programms sind: diejenigen nämlich, die Schwierigkeiten in der Sprache haben. Meist Kinder mit Migrationshintergrund.

Ellen Wenger nun hat Sitzkissen auf dem Boden im Kreis ausgebreitet. Da setzen sich die Kinder hin. „Halli, hallo, wir machen jetzt Musik“, singt Ellen Wenger. Gemeinsam singen sie das Begrüßungslied und machen die passenden Bewegungen dazu. Manchmal klatschen auch alle rhythmisch im Takt.

Denn mit Singen und Sprechen ist es nicht getan. Die Bewegung gehört immer mit dazu. Und dann noch viel mehr: Denn jetzt dürfen die Kinder im Lied die Zunge herausstrecken und damit wackeln, was ihnen natürlich riesigen Spaß macht. Denn normalerweise dürfen sie das ja nicht. Doch jetzt sollen sie die Zunge sogar rollen und Luft und Töne durchzischen lassen. Die Kinder sind begeistert. „Das soll die Zunge lockern“, sagt Ellen Wenger. „Danach spricht und singt es sich gleich viel leichter.“

Überhaupt das Singen: Ellen Wenger singt die ganze Zeit, nur selten spricht sie und wenn, dann animiert sie auch die Kinder dazu. Und Wenger sorgt immer dafür, dass die Kinder in ihre Lieder einstimmen. Geschickt verwendet sie auch Strophen, in denen die Kinder Antwortzeilen singen müssen – und das tun sie alle. So lernen sie ihre Stimme kennen und haben Erfolgserlebnisse. Das stärkt sie. „Die Kinder sollen aber gar nicht bemerken, dass das hier eigentlich eine Förderung ist“, sagt Ellen Wenger. Wobei es eine ist, die auch funktioniert, wie zahlreiche Evaluationen in den vergangenen Jahren festgestellt haben.

„Ich finde es immer berührend, wenn mir Kinder singend antworten, die sonst nicht viel sprechen“, sagt Ellen Wenger. Kita-­Leiterin Iris Wielgoß bestätigt das. Sie erzählt von einem extrem ängstlichen Mädchen, das im „Kindi“ kaum den Mund aufbekam, aber im Zuge der SBS-Förderung richtig aufgetaut ist. „Sie redet jetzt zwar auch noch nicht sehr viel. Aber beim Freispiel trällert sie vor sich hin, dass es eine wahre Freude ist.“

Eine weitere Veränderung hat Iris Wielgoß in ihrer Einrichtung bemerkt. „Wir selbst singen jetzt mit den Kindern wieder mehr“, sagt sie und hat doch beobachtet, dass die jüngeren Fachkräfte das mit den Kindern eigentlich immer weniger tun. „Das SBS-Programm hat uns allen aber gezeigt, wie wichtig Singspiele und Singen sind.“

Nun hat Ellen Wengert mit den Kindern einen Tanz getanzt, jetzt setzen sich alle wieder hin. Ein Wortschatz-Lied kommt dran. Es gibt verschiedene davon. „Es war einmal ein Löffelchen, das tanzte auf dem Tisch“, heißt eines zum Beispiel, und das Lied ist erst aus, wenn jedes Besteckteil seine eigene Strophe bekommen hat.

In Ingersheim sind die Wassertiere dran. „Welches Tier schwimmt?“, fragt Ellen Wengert. Ein Kind antwortet „Seepferdchen“, alle machen eine passende Geste – bei Seepferdchen gar nicht so einfach – und singen den passenden Vers.

Viel zu schnell ist die SBS-Stunde vorbei, die Kinder singen das Abschiedslied und freuen sich aufs nächste Mal, wenn es wieder heißt: „Halli, hallo, wir machen jetzt Musik.“

Zahl

Anlauf steht hier, hier die Erklärung

Land fördert das Programm

Im Landkreis nehmen mehrere Musikschulen am SBS-Programm teil, die ­Musikschule Crailsheim
zum Beispiel in sieben Kindergärten mit 16 Gruppen in sieben Kindergärten. Die Musikschule in Hall geht mit SBS in drei Kindergärten. Auch die Musikschule Schwäbischer Wald/
Limpurger Land ist mit mehreren Kooperationen beteiligt.

SBS ist das „bisher einzige umfassende musikpädagogische Programm im Elementarbereich zur Umsetzung eines Bildungsplans im frühkindlichen Bereich“, loben die Kindertageseinrichtungen auf ihrer Homepage. „Alle Bildungs- und Entwicklungsfelder sowie die übergeordneten Ziele des Orientierungsplans“ im Land Baden-Württemberg seien im Programm verbindlich.

Für die Kinder ist das Programm kostenlos, es wird gefördert vom Land über das Programm „SPATZ“. Dies finanziert Sprachförderung in allen Tageseinrichtungen für Kinder mit Zusatzbedarf. Mehr auf www.kindergaerten-bw.de im Register „Sprache“. uts

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel