Umzug Zum Gedenken an Justinus Kerner: Umzug wie vor 200 Jahren

Gaildorf / KLAUS MICHAEL OSSWALD UND VERENA BUFLER 14.08.2015
Der berühmte Arzt und Dichter Justinus Kerner trat 1815 eine Stelle in Gaildorf an. Eine Laienschauspiel-Truppe stellt seinen Umzug an Originalschauplätzen nach.

Immer wieder durchbricht ein freudiges „Hallo“ die spürbare Spannung unter den Laiendarstellern. Einige haben sich erst durch die Proben für den Kerner-Umzug kennengelernt. Andere wiederum verbindet seit geraumer Zeit die Liebe zum Schwäbischen Wald und das gemeinsame Ziel, die Schönheit dieses liebens- und lebenswerten Landstrichs interessierten Mitmenschen zu vermitteln.

Mittendrin: Michaela Köhler, Limes-Cicerone aus Großerlach, Naturparkführerin, Burgführerin auf der Ruine Löwenstein, Stadt- und Schlossführerin in Gaildorf. Diese Funktionen der vielbeschäftigten Frau sind an diesem Abend ausgeblendet. Im Mittelpunkt steht ihre Arbeit als „Drehbuch“-Autorin. Sie hat zu Papier gebracht, wie sich vor 200 Jahren der Umzug Justinus Kerners von Welzheim nach Gaildorf, wo der Literat und Mediziner zum Oberamtsarzt bestellt worden war, abgespielt haben könnte. Bis 1819 behandelte er in der Kocherstadt seine Patienten.

Arzt, Dichter und Heimatforscher

Geboren wurde Kerner 1786 in Ludwigsburg als Sohn eines Oberamtsmannes und Regierungsrates. Sein Leben erlosch 1862 in Weinsberg. Er war das sechste und jüngste Kind. Seine Kindheit verbrachte er in Maulbronn und Ludwigsburg, wo er die Lateinschule besuchte. 1804 bis 1808 studierte er Medizin in Tübingen. Dort knüpfte er Kontakte zu einem Kreis von Freunden der lyrischen Dichtung, unter ihnen Ludwig Uhland und Gustav Schwab. Das Trio bildete den Kern der Schwäbischen Dichterschule, zu der auch Eduard Mörike und Wilhelm Hauff zählten.

Der Arzt und Dichter war im 19. Jahrhundert auch Heimatforscher. In Weinsberg bewahrte er die Burg Weibertreu vor dem Abbruch und ließ sie, romantisch wie er war, zum Lustwandeln herrichten. In Mainhardt, wo ein Fußweg nach ihm benannt ist, hat Kerner 1837 die Genien-Statuen an den Mauern des römischen Kastells geborgen. Ab Herbst 1810 wirkte er als Mediziner in kleinen Orten. Kerner ist derjenige, der 1831 dem Mädchen von Orlach einen „Zustand des Besessenseyns“ attestierte, die Besetzung durch einen Geist. Er wurde daraufhin von einem anderen Arzt attackiert, der ihm vorwarf, den Aberglauben der Öffentlichkeit zu vermehren. Tatsächlich wandte er sich am Ende seiner beruflichen Laufbahn spiritistischen und okkultistischen Fragen zu. Doch er hat als Arzt auch Bleibendes geleistet, etwa die erstmalige klinische Beschreibung der bakteriellen Lebensmittelvergiftung Botulismus oder Studien über Botox, die er zuerst an sich selbst vornahm.

Proben bei 30 Grad

Beobachter der Probe staunen über Michaela Köhlers Wissen um Kerners Leben und Werk. Sie erfahren, dass Köhlers und Kerners Stammbaum der selbe ist: Sie ist Kerners vierfache Urenkelin. Insgesamt 14 Seiten umfasst ihre Textvorlage, mal spannend zu lesen, oft zum Schmunzeln anregend. Doch an diesem Abend soll Papier keine Rolle spielen: Mit der Bemerkung „im Kostüm und ohne Manuskript“ hatte sie ihre Mitstreiter zur Generalprobe eingeladen. Die meisten halten sich daran. Gaildorfs Bürgermeister Frank Zimmermann, der in die Rolle seines vor 200 Jahren amtierenden Vorgängers schlüpft, erweist sich als gelehriger Schüler: Die ihm auf den Leib geschriebenen Passagen hat er wunschgemäß auswendig gelernt.

Das Biedermeier-Häs indes, das er am Sonntag tragen wird, ist noch in der Reinigung. Dass er heute in Jeans und hellblauem Hemd den von Boris Fritz aus Welzheim verkörperten Doktor Kerner empfängt, tut nichts zur Sache. An sich selbst indes legt Michaela Köhler, die Kerners Frau „Rickele“ spielt, strengere Probenmaßstäbe an. Obwohl die Temperaturen noch bei 30 Grad liegen, setzt sie tapfer das zum Kostüm passende Häubchen auf.

Legerer die beiden Flößer Markus Zaklikowski und Steffen Johe, denen das Drehbuch eine dramatische Rolle zuschreibt. Dass sie mit einer schlitzohrigen Interpretation ihrer Rollen und Dialoge – „dürfen wir auch schwäbisch schwätzen?“ – den erfahrenen Mimen Boris „Kerner“ Fritz in entscheidenden Momenten aus dem Konzept bringen, nimmt der Probe das Steife.

Dass an Pfarrer Rainer Zube ein Schauspieler verloren ging, stellt er eindrucksvoll unter Beweis. Klein, aber fein ist seine Rolle, von Herzlichkeit geprägt die Begrüßungsszene. Nach einer Stunde ist dieser Probenabend zu Ende. Auf der Heimfahrt ruft sich Michaela Köhler die bisherigen Stationen des Projekts in Erinnerung. Sie freut sich, mit so einer „harmonisch gewachsenen, liebenswerten Truppe“ spielen zu dürfen.