Uwe Jonski (52) steuert seinen Elektrorollstuhl ans Gleis. Auf den richtigen Bahnsteig kommt er nicht. „Die dürfen die Schranke nicht mehr aufmachen“, berichtet der Michelbacher, der an Multipler Sklerose, erkrankt ist.

Ein Pressesprecher der Bahn bestätigt, dass der ebene Übergang für Rollstuhlfahrer nicht mehr geöffnet werde. Ein Bahnmitarbeiter musste jedes Mal extra von Hand die Schranke bedienen. Der Mobilitätsservice der Bahn würde alternative Wege vorschlagen. Uwe Jonski kennt die. Er sagt: „Empfohlen wird, dass man auf Gleis 1 den Zug Richtung Öhringen nimmt.“ Für Rollstuhlfahrer bedeutet das einen Umweg über Heilbronn, wenn man beispielsweise nach Stuttgart will.

Mittel für Bahn wurden gekürzt

„I have a dream. Ich habe einen Traum von einem Bahnhof, auf dem alle Menschen willkommen sind“, zitiert Dieter Wolfarth vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC) Martin Luther King bei der Begrüßung der rund 60 Teilnehmer der Vor-Ort-Aktion. Wolfarth nennt Forderungen: „Große Aufzüge, eine breitere Unterführung, höhere Bahnsteige mit ebenem Zugang zu den Zügen, ein guter Zugang zum Park-and-Ride-Platz, verbesserte Bus­anschlüsse, laute und deutliche Ansagen, Infobildschirme auf jedem Bahnsteig, WC, Kiosk und ein grüneres Bahnhofsumfeld.“

Bahnhof Schwäbisch Hall Hessental Zustand Bündnis will besseren Bahnhof in Hessental

Schwäbisch Hall

Zufällig befragte Passagiere teilen die Einschätzung. „Dass ein Klo fehlt, das ist problematisch“, meint Thomas Albrecht (42), der von einem Geschäftstermin nach Hall zurückkommt. Max Ortius (18) wird im Sommer mit der Familie eine Radreise nach Berlin antreten. Ein Aufzug sei da beim Transport der Räder samt Anhänger hilfreich. Für ihn allein sei der Bahnhof als Einstiegsort gut geeignet. „Ich will aber nicht wissen, wie man sich als Mensch mit weniger Kraft fühlt, wenn man das Gepäck tragen muss.“

Laura Hecker (34), Grünen-­Ortsverbandssprecherin, sagt: „Ich habe zwei Kinder. Man kann den Bahnsteig erreichen, da einem oft der Kinderwagen getragen wird. Es geht, ist aber mit hohem Aufwand verbunden.“

Peter Aichelin von der Regionalgruppe des Verkehrsclubs Deutschland betont: „Das Haupt­ärgernis sind die fehlenden Anschlüsse. Es gibt noch viel Luft nach oben.“

Ingrid Kühnel vom Kreisverkehr stellt Verbesserungen in Aussicht: „Bis 2020 müssen alle Busse barrierefrei sein. Das schaffen wir auch.“ Über hohe Bordsteine fahren die Rollstühle an die Fahrzeuge ran, die der Fahrer bei Bedarf absenken kann. „Nur am Bahnhof geht es dann für die Rollstuhlfahrer nicht weiter“, beklagt sich Kühnel.

Für Grünen-Bundestagsabgeordneten Harald Ebner sitzt das Problem in Berlin. „Der Andi Scheuer gibt 9,4 Milliarden Euro für Autobahnen und Bundesstraßen aus und nur 1,5 Milliarden für die Bahn.“ Das sei ein Ungleichgewicht, das der CSU-Verkehrsminister vergrößere. Die Bahn erhalte nun 150 Millionen Euro weniger, das Geld für Straßen werde um 300 Millionen Euro erhöht.

Stadtrat Tillmann Finger (Die Partei) äußert sich im Stil der Satirepartei: „Eigentlich brauchen wir keine Veränderungen am Hessentaler Bahnhof. Wer es nicht bis zum Gleis schafft, der kann sich ja von seinem Pfleger tragen lassen. Ich glaube, da bin ich auf einer Linie mit den Verantwortlichen der Bahn.“

Bahnhof Hessental könnte Teil des nächsten Modernisierungsprogramms werden

Der Oberbürgermeister kann zu dem Vor-Ort-Termin nicht kommen. Er teilt aber auf Nachfrage mit: „Die Stadtverwaltung begrüßt das Engagement, das mit der gestrigen Aktion zum Ausdruck gebracht wurde, schließlich sind ihr die Missstände am Bahnhof Hessental bekannt.“ Die Verwaltung will das Bahnhofsgebäude kaufen, um Verbesserungen herbeizuführen. Dazu gebe es Ende Juli ein Gespräch mit einem Bevollmächtigten der Bahn. Kommt es zum Kauf, sei geplant, ein Café einzurichten, den Fahrkartenschalter beizubehalten und vor allem wieder ein WC anzubieten.

Ein Sprecher der Bahn stellt in Aussicht: „Wir gehen von einem barrierefreien Ausbau aus.“ Der Bahnhof Hessental könnte Teil des nächsten Modernisierungsprogramms werden. Entschieden sei noch nichts. Der Sprecher sagt: „In den vergangenen fünf Jahren wurden in Baden-Württemberg 400 Millionen Euro in die Bahnhöfe investiert.“ 545 von 685 der Bahnhöfe seien bereits barrierefrei und damit 80 Prozent. Nur eben der Bahnhof Hessental, der von täglich 2500 Reisenden genutzt wird, noch nicht.

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