Bestatter Zigarettenasche in der Urne? Beschuldigter wieder im Beruf aktiv

Engelfiguren stehen zwischen Herbstlaub neben Urnengräbern auf einem Friedhof.
Engelfiguren stehen zwischen Herbstlaub neben Urnengräbern auf einem Friedhof. © Foto: Felix Kästle/dpa
THUMILAN SELVAKUMARAN 20.11.2013
Die Ermittlungen gegen einen Haller Bestatter sind in den letzten Zügen. Indes werden neue Vorwürfe laut: Ein ehemaliger Mitarbeiter spricht von Zigarettenasche in der Urne und wiederverwendeten Laken.

Der kleine Trauerzug schreitet mit gesenkten Köpfen den Waldfriedhof entlang. Die Luft ist kalt und trocken. Der Weg führt hinter die Kapelle. Kindliche Figuren zieren zwischen Blumen kleine Grabfelder. Totgeborene und Frühchen werden dort bestattet. Nach einer langen Odyssee, sagt ein Angehöriger in der Trauerrede, kann nun auch die Asche vom kleinen Jason Leon dort bestattet werden. Er weilte nur knapp einen Monat auf dieser Welt, starb vor drei Jahren.

Vor zwei Wochen wurde bekannt: Ein Haller Bestatter hatte nach der Kremierung eines 72-Jährigen dessen Witwe eine Urne ausgehändigt. Darin war allerdings nicht die Asche ihres Ehemanns, sondern die eines Säuglings. Die Eltern des Säuglings bekamen ein Amulett und eine Pyramide. Darin sollte die Asche von Jason Leon sein. Eine Überprüfung ergab: Beide Teile waren leer.

Schaden im sechsstelligen Bereich

Gegen den Bestatter, der bereits wegen Insolvenzverschleppung verurteilt ist, laufen weitere Ermittlungen wegen Betrugs. Kunden hatten bei ihm Vorsorgeverträge abgeschlossen und tausende Euro für die eigene Bestattung zurückgelegt. Das Geld landete nicht immer auf Treuhandkonten. Sein Verteidiger Michael Fust widerspricht dem nicht und nennt zahlen: „Es gab insgesamt rund 50 Vorsorgeverträge. 30 sind Bestandteil der Ermittlungen.“ Der Schaden liegt wohl im sechsstelligen Bereich.

Der beschuldige Bestatter hat laut Dokumenten, die dem HT vorliegen, Prozesskostenhilfe beantragt, die das Landgericht Heilbronn nun verweigert, „weil die beabsichtigte Rechtsverteidigung des Beklagten keine hinreichende Aussicht auf Erfolg hat“, heißt es darin. Fust bestätigt, dass es Probleme bei der Finanzierung seiner Rechtshilfe gibt.

Es wird allerdings auch in anderen Punkten gegen den Bestatter ermittelt – und diese Vorwürfe wiegen moralisch deutlich schwerer. Ein ehemaliger Mitarbeiter hat sich nun zu Wort gemeldet, der die vorhandenen Vorwürfe bestätigt. „Die Kühlung im Haus war immer abgeschaltet, die Leichen lagen teilweise zehn Tage.“ Sein damaliger Chef habe Energie sparen wollen, „obwohl das nicht so viel ausgemacht hätte“. Mit der Zeit, so der Informant, habe er sich am üblen Geruch gewöhnt. Andere Kollegen nicht – sie hätten brechen müssen. Zudem seien einige Kollegen schwarz beschäftigt gewesen – „wir mussten um unser Geld betteln“.

Der Bestatter habe zwei Seiten gehabt: „Zu Kunden war er super freundlich, hintenrum aber betrügerisch.“ Es seien etwa teure Särge für über 1000 Euro verkauft worden, teilweise landeten die Leichen später in günstige 40-Euro-Modelle, bevor sie kremiert wurden. „Die Tücher und Laken innen, sofern sie noch einigermaßen ansehnlich waren, wurden dann für den nächsten Toten wiederverwendet.“ Gelegentlich habe der Bestatter den Inhalt eines Aschenbechers in die Urne gekippt – „einfach so, ohne Grund“.

Ähnliche Vorwürfe sind auch der Haller Polizei bekannt, die noch ermittelt. Die Abschlussbefragung des Hauptbeschuldigten sei erledigt, so Polizeisprecher Hans Ulrich Stuiber. Bis zum Jahresende könne die Ermittlung abgeschlossen werden. „Da steckt noch sehr viel Arbeit drin“, meint Oberstaatsanwalt Peter Bracharz. Unklar sei, welche Anklagepunkte in Frage kommen. Der Beschuldigte selbst bestreite jegliches pietätloses Verhalten, so sein Anwalt. Er räumt aber den Särgetausch und „Unregelmäßigkeiten mit Vorsorgeverträgen“ ein.

"Er wollte Spuren verwischen"

Elko Röhrich, der zahlreiche Betroffene vertritt, geht zumindest im Fall der vertauschten Urnen vom „erfüllten Straftatbestand der Störung der Totenruhe“ aus. Verteidiger Fust entgegnet: „Mein Mandant kann es sich nicht erklären, wie das passieren konnte.“ Er habe erst jetzt von diesem Fehler erfahren. Briefe, die der Beschuldigte verfasst hat und die dieser Zeitung vorliegen, lassen ein anderes Bild zeichnen. Darin bittet der Bestatter bereits im Juni, die im Krematorium in Schwäbisch Gmünd aufbewahrten Urnen mit der Asche von neun Verstorbenen anonym bestatten zu lassen, darunter taucht der Name des 72-Jährigen aus Michelbach auf. Für Röhrich ist damit klar: „Er wollte Spuren verwischen.“

Der Beschuldigte selbst ist indes nach Bayern gezogen und arbeitet in einem Bestattungshaus in Giebelstadt, zwischen Würzburg und Bad Mergentheim. Den Betreibern dieses Hauses sind die Vorwürfe gegen ihren Mitarbeiter bekannt.