Schwäbisch Hall Zeugen einer langen Tradition

Der romanische Westturm der Steinbacher Großcomburg zeugt von der Entstehungsgeschichte des Gebäudes als Kloster.
Der romanische Westturm der Steinbacher Großcomburg zeugt von der Entstehungsgeschichte des Gebäudes als Kloster. © Foto: Helga Steiger
Schwäbisch Hall / Helga Steiger 20.09.2018
Die Großcomburger Klosterkirche thront auf einem Bergrücken über dem Kochertal. Ihre drei Türme stammen aus der Zeit der Romanik.

Fast 1000 Jahre lässt sich die Geschichte einer Besiedlung auf der Großcomburg zurückverfolgen: Nachdem der „Kamberg“ von einer herrschaftlichen Familie erworben wurde, errichtete sich diese dort eine Burg und nannte sich nach dem neuen Herrschaftssitz. Dies sei ein durchaus zeittypisches Verhalten, wie Gerhard Lubich betont, der sich als Professor für Geschichte des Früh- und Hochmittelalters intensiv mit der Grafenfamilie beschäftigt hat.

Lubich kann nachweisen, dass die Grafen von Comburg-Rothenburg nur in wenigen Generationen durch urkundliche Erwähnungen greifbar sind. Am Ende des 11. Jahrhunderts sind vier Brüder genannt. Einer von ihnen, Burkhard, gründete in seiner Burg ein Kloster, wo eine Memorie, ein Stiftergedächtnis, eingerichtet werden sollte. Vor allem Familien, die keine männlichen Nachkommen hatten, gründeten solche Gedenkstätten, damit eine Fürsorge für das Seelenheil gewährleistet bleibt. Die Grafen von Comburg-Rothenburg starben mit dem letzten der vier Brüder, dem zweiten Klosterstifter Heinrich, um 1116 aus.

Kostenvoranschlag von 1706

Mit dem Bau der Comburger Klosterkirche wurde um 1078 begonnen. Eine Weihe ist für den 21. Dezember 1088 überliefert. Dieser Gründungsbau ist heute nur noch in seinen Fundamenten nachweisbar, denn zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde er durch einen Neubau ersetzt. Nur die romanischen Türme hat der damalige Bauherr, Dekan Ulrich von Guttenberg, stehen lassen. Bereits in einem ersten Kostenvoranschlag von 1706, der sich im Stadtarchiv in Hall befindet, wird deutlich, dass der barocke Neubau die damals bereits 600 beziehungsweise 500 Jahre alten Türme integrieren sollte. Ein gezeichneter Entwurf, vermutlich aus der Hand des Baumeisters Joseph Greissing, zeigt die neue Klosterkirche schließlich mit den romanischen Türmen, die dem Zeitgeschmack entsprechend mit barocker Ornamentik versehen und in den Obergeschossen aufgestockt werden sollten. Mit der Aufstockung hätten die Türme deutlicher über den höheren Dachfirst des Neubaus aufgeragt. Dies unterblieb jedoch, die Türme zeigen sich bis heute in ihrer ursprünglichen Höhe und in ihren alten Formen.

Ausgereifte Wasserversorgung

Eine besondere architektonische Lösung ist der Westturm, der mittig vor dem Westgiebel im Bereich des Kreuzgangs steht. In seinem Untergeschoss wurde bei einer archäologischen Grabung in den 1960er-Jahren eine Brunnenstube freigelegt, die das Zeugnis einer technisch ausgereiften Wasserversorgung des Klosters ist. Über der Brunnenstube befand sich ein hoher Raum, der im Zusammenhang mit dem Westchor der Mönche gesehen werden muss. Von hier aus konnten die Glocken, die in den drei oberen Geschossen des Turmes aufgehängt wurden, geläutet werden.

Während die unteren Geschosse des Turmes noch aus der ersten Bauzeit des Klosters um 1100 stammen, sind das oberste Glockengeschoss und der Turmhelm erst rund 100 Jahre später aufgesetzt worden. Damit ist der Comburger Westturm mit mehr als 40 Metern der höchste der aus romanischer Zeit erhaltenen Türme in Württemberg.

Mauerwerk aus Sandstein

Auf der Ostseite der Kirche rahmen zwei etwas niedrigere Türme den dortigen Chor, wo das Stiftergedenken eingerichtet wurde. Die jetzt stehenden Türme stammen allerdings nicht mehr vom ersten Bau. Sie sind in sehr qualitätvollem Großquadermauerwerk aus Sandstein in strenger Geschossgliederung errichtet, wie es in der Zeit um 1200 üblich war, so auch am Westturm von St. Michael. An den Comburger Türmen sind der Aufwand und die Qualität des Bauschmucks bemerkenswert.

Die Comburg: ein verkannter historischer Schatz

Als „himmlisches Jerusalem“ im Kochertal ist die Großcomburg durchaus bekannt, geschichtlich wie kunsthistorisch bedeutend. Imposant erhebt sich das ehemalige Benediktinerkloster über Steinbach. Doch in der Forschung fand es zuletzt wenig Beachtung – ein verborgener kultureller Schatz. Am Wochenende haben Historiker und Wissenschaftler das schlummernde Kleinod in den Mittelpunkt eines dreitägigen Symposiums auf der Comburg gerückt: um Licht ins Dunkel zu bringen und um ihre historische Bedeutung bekannter zu machen – eine Kooperation der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg mit dem kunsthistorischen Institut der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. In fast 20 öffentlichen Vorträgen gab es Einblicke in Geschichte, Architektur und Ausstattung der Großcomburg. In einer sechsteiligen Artikelserie wollen wir hier in den nächsten Wochen einen Streifzug durch die Tagung bieten. blo

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