Schwäbisch Hall Interview: Rolf Rehe versteht viel von Schriftsetzung

Eine Wiener Melange gehört für den 83-jährigen Rolf Rehe dazu, wenn er in seinem Stammlokal, dem Café Central in Wien, sitzt.
Eine Wiener Melange gehört für den 83-jährigen Rolf Rehe dazu, wenn er in seinem Stammlokal, dem Café Central in Wien, sitzt. © Foto: Kerstin Vlcek
Schwäbisch Hall / Kerstin Vlcek 29.06.2018
Rolf Rehe, der nach dem Krieg als Schriftsetzer beim Haller Tagblatt begann und in die USA ging, hat weltweit Zeitungen designt. Inzwischen lebt er in Wien – ein Besuch.

Wie haben Sie die Zeit mit den Amerikanern in Schwäbisch Hall nach dem Krieg erlebt?

Rolf Rehe: Wir hatten damals bei der Druckerei Schwend mit den Amerikanern zu tun. Das war 1950/51. Die haben für kurze Zeit eine Wochen- beziehungsweise Monatszeitung herausgegeben, die sie bei der Druckerei haben drucken lassen. Damals war ich schon sehr amerikanisch beeinflusst.

Wie kam es zu diesem amerikanischen Einfluss auf Sie?

Das war der Duft der großen, weiten Welt. Als der Krieg zu Ende ging, war ich zehn Jahre alt. Wir Kinder haben uns schnell mit den Amerikanern angefreundet. Da gab es keine Furcht. Sie hatten Chewing Gum (Kaugummi), den ich vorher nicht kannte, und Schokolade. Meine Mutter und andere Frauen haben für die ame­rikanischen Soldaten gewaschen.

Also sind Sie durch Chewing Gum und Schokolade in Berührung mit den Amerikanern gekommen...

Es gab auch noch das Amerikahaus beim Marktplatz. Das war auch schön. Man konnte dort Tischtennis und amerikanische Spiele spielen, auch ein paar englischsprachige Zeitschriften und Bücher lagen aus.

Die haben Sie dann auf Englisch gelesen?

Ich konnte damals kein Englisch. Aber ich habe mir die Bilder angeschaut. Und dann gab es die ersten amerikanischen Filme im Kino. Ich kann mich erinnern, ein Film war über Thomas Edison und der Film war ganz anders als deutsche, so leicht und unterhaltsam. Der ganze amerikanische Stil so freundlich, so ungezwungen. Das hat mich von Anfang an beeindruckt.

Sie haben dann ja ein paar Jahre später beim Haller Tagblatt angefangen...

Ja, dort habe ich den idealen Beruf für mich lernen können. Verleger Emil Schwend war sehr großzügig und hat mich aufgenommen. Unmittelbar nach dem Krieg gab es das Haller Tagblatt nicht. 1949 wurden die Zeitung und die Druckerei wieder aufgemacht. Da bin ich als Lehrling eingestiegen. Ich war damals 14 Jahre alt und habe Vollzeit gearbeitet. Ich war ein bisschen klein, ich war immer schon ein Spätentwickler, und vor die Setzkästen mussten sie einen kleinen Schemel hinstellen (lacht).

Haben Sie in dieser Zeit auch weiterhin Kontakte zu den Amerikanern gehabt?

Die Amerikaner haben einiges angeboten. Vom Amerikahaus aus gab es zum Beispiel ein Sommercamp auf dem Land. Da war ich dann auch dabei. Wir haben in Armeezelten übernachtet, es gab Ballspiele, Radfahren und Wandern im Angebot.

Also ist Ihre Faszination für Amerika noch weiter gewachsen?

Ich war dann wirklich amerikanisch angehaucht und bin ja auch in die USA gegangen. Nach New York und dann nach Indianapolis. Vor ein paar Jahren habe ich einen Bericht im Haller Tagblatt gelesen, dass der erste amerikanische Stadtkommandant für Hall aus Indianapolis kam. Unglücklicherweise habe ich das erst sehr spät erfahren. Denn als ich dorthin kam, so 1962/63, da war er schon verstorben.

Was haben Sie vor Ihrer Auswanderung nach Amerika gemacht?

Ich war zwei bis drei Jahre beim Haller Tagblatt und bin dann nach Stuttgart und 1960 in die USA gegangen. Ich war dafür schon prädestiniert. Ich hatte John Wayne, Cowboys, Dixieland-Jazz, He­mingway und Kalifornien im Kopf. Ich hatte auch schon Freunde drüben.

Wie haben Sie die Amerikaner in Deutschland kennengelernt?

Persönliche amerikanische Verbindungen hatte ich wenige. Meine Familie hatte mal, so um 1952 herum, einen Afroamerikaner zu Weihnachten eingeladen. Meine Mutter hat dann später für eine amerikanische Familie gearbeitet, als Haushälterin. Da hatte ich ein bisschen eine Verbindung.

Trotzdem ist in Ihnen die Faszination für das Land gereift?

Ja, vor allem die Freiheit dort drüben hat mich fasziniert. Hall war unmittelbar nach dem Krieg schon eine sehr konservativ geprägte Stadt. Das hat sich ja heute geändert.

Was haben Sie dann in New York gemacht?

Ich habe dort als Schriftsetzer bei Zeitungen gearbeitet. Dann gab es, ich glaube 1962, einen großen Zeitungsstreik. Eine Stunde am Tag sind wir mit Schildern „on strike“ im Kreis herumgelaufen und den restlichen Tag haben wir nichts gemacht. Deshalb bin ich dann nach Indianapolis gegangen.

Und wie ging es dort weiter?

Ich habe dort auch bei Zeitungen und Layoutsetzereien gearbeitet. 1967 habe ich mein Studium angefangen. In Bloomington an der Indiana University.

Hatten die Amerikaner Ressentiments gegen Sie als Deutschen?

Am Anfang in New York schon. Das war 15 Jahre nach dem  Krieg. Keine schlimmen Ressentiments, aber doch schon manchmal kühle Ablehnung. Aber ich würde sagen, im Allgemeinen waren und sind die Amerikaner unendlich freundlich, unendlich offen.

Also keine offene Ablehnung?

Nein, aber es gab damals im Fernsehen sehr viele Dokumentationen und Filme über die Nazis. Das hat man als Deutscher schon registriert. Ich hatte aber auch gute Karten mit meiner deutschen handwerklichen Ausbildung.

Inwiefern?

Ich habe nie Jobprobleme gehabt. Ich konnte mir fast einen Job raussuchen. Die deutsche handwerkliche Ausbildung war sehr angesehen.

Davon träumen heute viele…

Ja, mit Sicherheit. Ich war keinen Tag arbeitslos. Auch als ich studiert habe, habe ich abends bei der Zeitung als Schriftsetzer und Korrektor gearbeitet.

Und auf der Universität?

Ich habe fünf Jahre studiert und meinen Master of Arts auf dem Fachgebiet Journalismus gemacht. Und dann habe ich unmittelbar nach meinem Abschluss ein Angebot bekommen, dort zu lehren. Aber nicht Journalismus, sondern Grafikdesign, Typografie. Ich habe mich dann schon gefragt, ob ich das machen will, habe die Stelle aber angenommen und zehn Jahre lang gelehrt.

Und dann?

Mir ist langweilig geworden. Ich war sehr ambitioniert und wollte noch mehr machen… Nach dem sechsten oder siebten Jahr als Professor kann man ein Sabbatjahr machen. Ich habe mich mit Lesbarkeitsforschung beschäftigt. Eine Kernstunde in meinem Leben: Ich saß in meinem Büro und aus irgendeinem Grund habe ich mir plötzlich gedacht: „Das willst du eigentlich gar nicht. Mach doch mal, was du wirklich machen willst.“ Fazit: Ich wollte eine Tageszeitung neu gestalten. Das habe ich dann gemacht und den Miami Herald neu gestaltet.

Wie war das?

Ich saß in meinem Büro bei der Zeitung und manches Mal habe ich gedacht: „Meine Güte, für 350.000 Leser mache ich ein neues Design. Wenn ich etwas Blödes mache, dann bin ich beruflich erledigt.“ Mein Gehirn ist bei diesem Gedanken quasi eingefroren. Ich konnte mich nicht bewegen. Das ging so drei bis fünf Minuten. In den folgenden Jahren habe ich sehr viele Zeitungen gemacht. Ich habe sehr viel Glück gehabt.

Haben Sie in dieser Zeit Kontakt nach Hall gehalten?

Ich glaube, ich bin erst nach zehn Jahren in den USA wieder nach Hall gekommen. Ich hatte schon ein paar Kontakte, aber keine engen. Heute habe ich mehr Kontakte als damals.

Und wie sind Sie dann nach Wien gekommen?

Nach der Uni habe ich mich selbstständig gemacht und bin viel herumgereist. Ich habe dann auch mehr und mehr in Europa gemacht. Ich war mal in Wien auf einer Tagung und die Stadt gefiel mir sofort. Dann habe ich mit dem Zeitungsmachen in Österreich angefangen, mit den Vorarlberger Nachrichten. Danach habe ich dann unter anderem die Tiroler Tageszeitung, Oberösterreichischen Nachrichten und die Presse neu designt.

Und hier in Wien sind Sie dann angekommen?

Ich hatte zunächst keine Wohnung in Wien, weil ich viel unterwegs war. Wegen der Lebensqualität bin ich dann doch, um 1996, nach Wien gezogen.

Gibt es noch einen Grund, warum Sie nach Wien gekommen sind?

Ja, das Wiener Kaffeehaus (schmunzelt). Und zwar genau wegen dem Café Central. Ich sage immer: „Wo der liebe Gott ans Kaffeehaus gedacht hat, da hat er an mich gedacht.“

Und wollen Sie in Wien bleiben?

Ich bin jetzt 83. Wie man in
Amerika gerne sagt: „The grim reaper isn’t at my door yet, but I think, he is at the parking lot.” Zu Deutsch: Der Sensenmann steht fast vor der Türe. Aber ich habe vor, noch ein Weilchen zu bleiben (lacht).

Unterwegs in 35 Ländern auf fünf Kontinenten

Rolf Rehe, geboren am 28. Mai 1935 in Zwickau in Sachsen, verbrachte die ersten fünf Jahre in Schönheide im Erz­gebirge. 1940 zog die Familie nach Hall. Rehes Vater ging in den Krieg und kam 1947 zurück. Rehe blieb mit seinen zwei Schwestern und seiner Mutter in Hall. Während der Zeit ist die Familie auseinandergebrochen. 1949 hat er als Schriftsetzerlehrling beim Haller Tagblatt angefangen und drei Jahre dort gelernt und bis 1960 in Hall und Stuttgart gearbeitet.

1960 ist er nach New York ausgewandert und arbeitete bei Tageszeitungen als Schriftsetzer. Danach zog er nach Indianapolis. Von 1967 bis 1972 hat er an der Indiana University studiert und danach zehn Jahre als Professor gearbeitet. Dann hat Rolf Rehe sich selbstständig gemacht. Er war in 35 Ländern und auf fünf Kontinenten tätig. An den Ruhestand denkt der 83-Jährige noch nicht. Jahrzehntelang hat er Holzlettern, mit denen früher gedruckt wurde, gesammelt und gestaltete daraus die „Wood Type Art Collection“. Rehe lebt und arbeitet in Wien, ist nicht verheiratet und hat keine Kinder. kv

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel