Schwäbisch Hall / Bettina Lober  Uhr
Mit rund 200 oft großformatigen Arbeiten bietet die Kunsthalle Würth einen vielseitigen Streifzug durch die Sammlung an.

Surrende Akkuschrauber, knapp-dezente Kommandos wie „etwas höher, etwas tiefer“, hier und da fehlt noch die Beschriftung oder es warten Leinwände darauf, aufgehängt zu werden: Die Kunsthalle Würth gleicht am gestrigen Freitagnachmittag an einigen Stellen noch einer betriebsamen Baustelle. Doch zwischen Montagewagen und Leitern gewähren Kunsthallen-Chefin Sylvia Weber und ihre Stellvertreterin Beate Elsen-Schwedler den Pressevertretern zwei Tage vor der Eröffnung am Sonntag einen ersten Einblick in die neue Ausstellung „Wohin das Auge reicht“.

Wieder einmal hat sich die Kunsthalle Würth innerhalb von knapp zwei Wochen komplett verwandelt. Die üppige Pracht der „Verborgenen Schätze aus Wien“ weicht rund 200 Werken, die seit den 1960er-Jahren entstanden sind. All diese Arbeiten haben innerhalb der vergangenen zehn Jahre Eingang in die Sammlung Würth gefunden, die mittlerweile auf die stolze Zahl von rund 18 000 Positionen angewachsen ist.

Obwohl noch mitten im Aufbau, zeigt, sich bereits die Opulenz der neuen Schau. Schon das Motiv auf dem Plakat und dem begleitenden Ausstellungskatalog, Marc Quinns rundes Ölgemälde „The Eye of History (Atlantic Perspective)“, lenkt die Blicke auf sich, weil es nämlich förmlich zurückblickt. „Es zieht einen rein in die Ausstellung“, freut sich Sylvia Weber. Und spätestens, wenn man im sogenannten Holzgeschoss tatsächlich vor diesem magischen Auge mit seinen zwei Metern Durchmesser steht und von der atlantischen Seite der Erdkugel hypnotisch angeschaut wird, ist der Besucher wohl in der vielfältigen Schau auch angekommen.

Bei der Zusammenstellung der Arbeiten hat das Kunsthallen-Team unterschiedliche Kapitel geschaffen – vom „Farbfeld“ über „transformierte Natur“ bis zu „das Gesicht als Bühne“. Bereits in der Eingangskoje zeigt Beate Elsen-Schwedler beim Rundgang den breiten Spannungsbogen von der Abstraktion bis zum künstlerischen Abbild der Realität. Johannes Ittens „Vier Jahreszeiten“ nehmen die Besucher in Empfang. Der Schweizer Maler und Kunsttheoretiker gilt als Begründer der modernen Farbenlehre. Die vier in einem Rechteck-Raster komponierten Gemälde sind sprechende Farbpaletten. Zwar greifen sie die farbliche Realität auf, sind aber reine Abstraktion. Daneben leuchten Alex Katz’ „Gelbe Blätter“ auf einer düsteren Leinwand. „Katz kommt zwar figurativ daher, denkt aber abstrakt“, erklärt Beate Elsen-Schwedler. Gegenüber eine großformatige Fotografie von Elger Esser, der im Garten des französischen Insektenforschers Jean-Henri Fabre zwei Lilien aufgespürt hat: zwei zarte Schönheiten durch ein Dickicht hindurchfotografiert. Einmal umgewandt, fällt der Blick auf David Hockneys iPad-Zeichnungen, bei denen abgeschnittene Baumstämme wie Totempfähle wirken.

Starrende Augen von der Wand

Überhaupt Gegenüberstellungen: Gleich um die Ecke lauern Augen in allen Größen. In einer großen Vitrine stehen zwei Ganzkörperfiguren aus Pflanzenwachs, deren Köpfe und Schultern mit Glasaugen übersät sind. Mit „Offering to the God of Insomnia“ spielt der belgische Künstler Jan Fabre auf die genetisch bedingte Schlaflosigkeit an, unter der er leidet. Von der Wand gegenüber starrt ein riesiges, nur mit Schnüren verbundenes Augenpaar aus Albert Oehlens „Erwachen im Zusammenhang“.

Zwar gibt es in der Ausstellung auch zahlreiche reizvolle kleinere Formate, wie beispielsweise Christa Dichgans „Feuerwehrautohaufen“ aus dem Jahr 1972 – ein fein gearbeitetes Stillleben. Daneben hängen Druckvarianten von Andy Warhols „Campbell’s Soup Box“. Doch insgesamt dominiert das Großformat – lauter effekt-
volle Werke. Bei Anish Kapoors hypnotisch wirkender Fiberglas-Schale „Innocent Blood“ von 2012 in einem intensiven Rotpink verwischen die Grenzen von
Malerei und Bildhauerei. Der Karlsruher Künstler Enrico Bach spielt mit seinen gekonnt komponierten Farbflächen auf Rembrandts „Nachtwache“ an. Robert Longo spürt mit einer quasi gemalten Röntgenaufnahme den Geheimnissen von Leonardo da Vincis „Johannes der Täufer“ nach.

Kein Streifzug durch die Sammlung Würth ohne eindrucksvolle Skulpturen: Michael Sailstorfers „Kopf und Körper“ auf dem Vorplatz zitieren Max Ernst. Und Tony Craggs mehr als mannshohe Arbeit „Red Figure“ im Raum unterm Sudhaus erinnert an einen Flaschengeist, der ständig in eine andere Form zerfließt. Kurzum: „Wohin das Auge reicht“ in der Kunsthalle Würth imponiert mit Üppigkeit und Fülle, die wirkt und auf jeden Fall die Fantasie anregt.

Info Vernissage wird morgen, Sonntag, um 17 Uhr in der Kunsthalle Würth gefeiert. Ab Montag ist die neue Ausstellung dann bis 17. März 2019 täglich von 10 bis 18 Uhr zugänglich.