WORT ZUM BUSS- UND BETTAG: Das leichte Tuch des heutigen Tages

Christoph Baisch, evangelischer Pfarrer an St. Michael und St. Katharina in Hall.
Christoph Baisch, evangelischer Pfarrer an St. Michael und St. Katharina in Hall.
SWP 20.11.2013

Es ist eigenartig: Wie ein luftiges Tuch legt sich die Bezeichnung Buß- und Bettag über den heutigen Tag. Man braucht es nicht unbedingt, dieses Tuch; man kann es einfach am Garderobenhaken hängen lassen. Fast nichts macht auf die besondere thematische Umhüllung dieses Tages aufmerksam; die alltäglichen Aufgaben bergen genug gedankliche Herausforderungen in sich. Am Abend breitet sich dann die Erschöpfung nach einem ausgefüllten Tag aus, und es folgt die Nachtruhe in der Hoffnung auf guten Schlaf vor dem erneuten Alltag.

Manche meiden dieses Buß- und Bettags-Tuch sogar bewusst, weil sie den Eindruck haben, dass es nur dann korrekt sitzt, wenn es ganz eng zugezogen wird. Als ob der Buß- und Bettag-Tag auf jeden Fall schwer werden müsste, ohne freien Atem und aufrechten Gang, ohne Raum für innere Bewegung und für die Weite des Geistes. Die thematische Umhüllung dieses Tages wird dann bewusst verworfen, weil sie unerträglich einengt.

Aber wie wäre es, wenn das Buß- und Bettags-Tuch einfach von der Garderobe genommen und leicht übergeworfen würde - weder überflüssig noch bedrückend und beengend. Sondern als gedankliche Umhüllung dieses Tages, die Herz und Sinn auf tiefgründige Weise gut tut. Dann könnte die sanfte Wärme dieses Tuches dazu einladen, den Umtrieb des Alltags auch kurz zu unterbrechen für ein paar Gedanken an den, der das Leben schenkt und auch die Kräfte für den Tag. Oder das Tuch des Buß- und Bettags regt dazu an, sich am Morgen oder am Abend etwas mehr Zeit zu nehmen und in Ruhe und mit innerer Teilnahme an Menschen in Not zu denken und Gott um Stärkung und Hilfe zu bitten. Gebete brauchen da weder schwermütig noch beengend zu sein. Sondern hier sind Herz und Sinn einfühlsam mit anderen verbunden und bringen genau dies vor Gott.

Vielleicht kommt ja noch ein leichtes Kratzen des Buß- und Bettags-Tuches hinzu und regt dazu an, zu überlegen, was geändert werden sollte an der eigenen Haltung von Herz und Sinn; wo Alltagsgewohnheiten dem Leben nicht gut tun; wo wir uns zu sehr schon an die Meldungen von der Not der anderen gewöhnt haben. Und dann juckt es einen buchstäblich, da Abhilfe zu schaffen - oder wenigstens etwas dazu beizutragen, dass das Leben nicht mehr so sehr Not leidet. Mit weitem Geist und gutem Mut nimmt man sich dann ein oder zwei Alltagsfelder vor, in denen das eigene Verhalten geändert werden könnte - so dass mehr Frieden, mehr Gerechtigkeit, mehr Bewahrung der Schöpfung möglich wird.

Am Abend dürfte sich dann ebenso Erschöpfung ausbreiten nach einem ausgefüllten Tag. Aber sie mischt sich mit dem Gefühl, ein Stück weitergekommen zu sein auf einem Weg, der dem Leben gut tut und zu dem Gott bestärkt. Die Nachtruhe lässt dann auch auf stärkenden Schlaf hoffen. Doch Herz und Sinn wissen sich dabei geborgen in der weiten Hand Gottes. Und der nächste Morgen bringt nicht nur einen neuen Alltag, sondern enthält eine gute Portion hoffnungsvolle Lebensfreude. An der Garderobe könnte sich dann der Gedanke melden, dass das leichte Tuch des Gebets und der Buße eigentlich heilsam ist für alle Tage.

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