Schwäbisch Hall Wo die Hektik verschwindet

Uwe Miethke freut sich auf den Büchertauschtag am Samstag im Kiosk-Café.
Uwe Miethke freut sich auf den Büchertauschtag am Samstag im Kiosk-Café. © Foto: Sonja-Alexa Schmitz
Schwäbisch Hall / SONJA ALEXA SCHMITZ 10.10.2014
Ein Gast kommt herein und beginnt zu erzählen. Dass er Tiere mag, keine Zeit für einen Hund hat, gerne fotografiert. "So ist das hier", sagt Uwe Miethke, "die Menschen haben hier Zeit und Lust zu reden."

"Zum Siebenschläfer" heißt der Ort an dem Friedhofsbesucher einen Kaffee trinken, sich aufwärmen, Menschen treffen, lesen, Geschichten erzählen. Anzunehmen, dass dieser Name mit der Atmosphäre zu tun hat. Im positiven Sinne verschlafen. Die Zeit spielt keine Rolle. "Hier gibt es keine Hektik", sagt Uwe Miethke, "die Menschen, die herkommen haben Zeit. Den sie besuchen wollen, der liegt möglicherweise da drüben. Und der hat alle Zeit der Welt."

Er lacht. Dann erzählt er von einer Studentin, die mit Prüfungsangst herkam, eine Stunde dasaß, aufstand und sagte: "Meine Angst ist weg!" Hier kämen die Leute ins Gespräch. Über die Tische hinweg. So haben sich Stammtische gebildet.

Es ist ruhig im hellen Raum. Ein Zimmerbrunnen plätschert. "Absicht. Keine Musik.", sagt Miethke. 35 Jahre lang war er in ganz Deutschland unterwegs und plante die Inneneinrichtung von Arztpraxen. Er hielt Vorträge zu leistungsfördernder Raumgestaltung und Feng-Shui. Ohne dabei dogmatisch zu sein. Jeder solle sich für ihn das rauspicken, was ihm gefällt. Sein erster Satz beim Vortrag war stets: "Bevor Sie etwas Neues machen, müssen Sie erst ihren Keller aufräumen. Um sich selbst aufzuräumen." Er selbst hat keinen Keller, aber eine Garage - eine aufgeräumte.

Seit er mit seinen 65 Jahren im Ruhestand ist, hilft er seiner Frau Cordula in dem Friedhofscafé. Wegen ihr ist er überhaupt in Hall gelandet. Zuvor lebte er in Ludwigsburg. Dass dort nicht seine Heimatstadt war, verrät sein Akzent. "Ich bin Berliner. Aber mit neun Jahren wurde ich von meinen Eltern nach Aalen verschleppt."

Nun leben Uwe und Cordula Miethke in der Wohnung, die am Friedhofscafé angeschlossen ist. Vor neun Jahren regte ein Bekannter an, "das wäre doch was für euch!" Damals war der Kiosk nicht in Betrieb. Miethkes haben ihn reaktiviert. Der Friedhof liegt dahinter, der Wald davor. Uwe Miethke genießt diese Ruhe, die vom Friedhof und seinen Besuchern ausgehen und Wald liebt er sowieso. "Mein Traum war immer, in einem Forsthaus zu leben." Fast wie ein Förster streift er mit seinem Golden Retriever "Cara" durch den Wald. Er erzählt von den Kuhweihern und dem Wetterpilz. Wer nicht weiß, was und wo das ist - Miethke fragen!

Das Gespräch kommt zurück auf den Siebenschläfer. Das Café hat diesen Namen bekommen, weil sie im ersten Jahr eine Familie ebendieser Tiere in der Zwischendecke im Wohnzimmer hatten.

Kurz nachdem sie den Kiosk eröffneten stellte Cordula Miethke das Bücherregal auf. Sie hatte im Fernsehen etwas über Büchertauschen gesehen. 300 Bücher gehen im Monat dort ein und aus. Uwe Miethke liest mit. "Ich habe seit Jahren kein Buch mehr gekauft." Nun freut er sich auf kommenden Samstag. Da veranstalten sie wieder einen "Büchertauschtreffklöntag". Im März gab es das schon einmal. "Da kamen an die zwanzig Leute, mit Kisten voller Bücher. Das war ein langer, sehr schöner Abend!"

Samstag, 11. Oktober, ab 18 Uhr veranstaltet Bookcrossing Hall im Kiosk-Café am Waldfriedhof einen Büchertauschtreffklöntag.

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