Wetterlage, geografische Gegebenheiten und extreme Geröllmassen: Die Ursachen für die großen Schäden, die die Sturzflut vom 29. Mai in Braunsbach angerichtet haben, sind vielfältig. Auf einen einzelnen ursächlichen Grund lassen sich die Ereignisse nicht reduzieren. Zu diesem Ergebnis kommt der Abschlussbericht einer Forschergruppe der Universität Potsdam, die Anfang Juni einige Tage lang in Braunsbach und Umgebung Untersuchungen durchgeführt hat. 13 Nachwuchsforscher des Graduiertenkollegs “Natural Hazards and Risks in a Changing World“ (auf Deutsch: “Naturgefahren und Risiken in einer sich verändernden Welt“) haben dabei interdisziplinär zusammengearbeitet. Hydrologen, Geografen, Geologen, Informatiker und Mathematiker waren im Einsatz. “Das hilft, Probleme von verschiedenen Seiten zu beleuchten. Häufig kommen neue Denkanstöße von Kollegen mit unterschiedlichem wissenschaftlichem Hintergrund“, erklärt Dr. Kristin Vogel. Die 32-jährige Mathematikerin ist akademische Mitarbeiterin am Institut für Erd- und Umweltwissenschaften der Uni Potsdam und war Mitglied der sogenannten Taskforce.

“Eine durch hohes Gewitterpotenzial charakterisierte, lang andauernde Wetterlage war verantwortlich für sehr hohe Niederschlagsmengen, die aufgrund von niedrigen mittleren Windgeschwindigkeiten sehr lokal begrenzt aufgetreten sind“, schreiben die Forscher in ihrem Bericht. In der Region seien nie zuvor gemessene Niederschlagssummen registriert worden (siehe Grafik unten) . Der plötzlich einsetzende Niederschlag habe vor allem zu einem Infiltrationsüberschuss des Bodens geführt. Das Wasser konnte also nicht mehr aufgenommen werden.

“Die geomorphologischen Bedingungen rund um Braunsbach intensivierten das Ereignis“, ist weiter zu lesen. Die steilen Hänge und flachen Bachböden hätten zu einer schnellen Abflusskonzentration und vielen Hangrutschungen geführt. Es sei wahrscheinlich, dass dadurch im Orlacher Bach und im Schlossbach Erddämme entstanden sind, die die Wassermassen anstauten. Der Durchbruch dieser Dämme transportierte nicht nur enorme Wassermassen, sondern auch Bodenschichten, Pflanzenmaterial, Kies und metergroße Gesteinsbrocken. Die Untersuchung nahezu aller betroffenen Gebäude im Ort habe ergeben, dass vor allem die „Geschiebefracht“ und die hohe Fließgeschwindigkeit zu den größten Schäden führten. “Schäden durch mögliche Kontaminationen sowie am Hausrat, der Infrastruktur und an Fahrzeugen konnten nicht abgeschätzt werden“, stellen die Forscher fest.

 “Mit dem Bericht möchten wir ein möglichst großes Publikum ansprechen und über die Entstehung und Auswirkungen eines solchen Extremereignisses informieren“, erklärt Kristin Vogel. Man wolle Handlungsakteure und interessierte Bürger für das komplexe Zusammenspiel verschiedener Einflussfaktoren sensibilisieren. “Ein solches Ereignis kann nicht durch singuläre Ursachen oder Schuldzuweisungen  erklärt werden“, so Vogel. Der Bericht liege beispielsweise Braunsbachs Bürgermeister Frank Harsch sowie der LAWA (Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Wasser) vor. “Möglicherweise wird es noch weitere Untersuchungen vor Ort geben“, ergänzt Vogel. Man sei auch in Kontakt mit anderen Arbeitsgruppen, die Untersuchungen in Braunsbach vorgenommen haben.

Die Forscher verstehen ihre Arbeit in erster Linie als Denkanstoß. “Letztendlich liegt es beim Landkreis, der Gemeinde Braunsbach und den Ingenieuren, ein Konzept zu erstellen, das den Bewohnern von Braunsbach eine bestmögliche Sicherheit bietet“, sagt Kristin Vogel. Die Potsdamer Taskforce werde die Untersuchungsergebnisse aus Braunsbach weiter auswerten. “Zusätzliche Veröffentlichungen sind zur Schadensdatenaufnahme und zu hydrologischen Aspekten geplant“, sagt Vogel abschließend.

Das Haller Tagblatt wird die Untersuchungen der Potsdamer Forscher weiter begleiten
 

Viele Möglichkeiten zum Schutz vor erneuten Hangrutschungen

Schutzmaßnahmen Im Ausblick des Berichts beschreiben die Forscher Beobachtungen, die sie bei den Aufräumarbeiten gemacht haben. So seien größere Geröllmengen wieder an ihren ursprünglichen Platz an den Talflanken des Orlacher Bachs geschafft worden, um Hänge zu stabilisieren. Kurzfristig werde dies Rutschungen entgegenwirken. Langfristig könnte “wiedereingebrachtes Lockermaterial“ aber erneut erodieren und bei einem Starkregenereignis talwärts transportiert werden. Daher sollten geotechnische Lösungen wie Geröllnetze installiert werden. “Generell sollte man Engstellen wie Brücken oder Straßendurchlässe, die durch Geröllfracht blockiert werden können, vermeiden“, sagt Dr. Kristin Vogel vom Graduiertenkolleg der Uni Potsdam.

Möglichkeiten Es  gibt noch weitere geotechnische Maßnahmen, die zur Sicherung von Fels- und Erdböschungen, wie sie im Tal des Orlacher Bachs vorkommen, eingesetzt werden könnten. “An offenen Gesteinswänden und steilen Böschungen bieten im Fels verankerte Stahlgitternetze einen Schutz vor hinabstürzendem Felsgestein, das bei Hochwasser als Fließfracht unkontrolliert talwärts transportiert werden könnte“, sagt der Geologe Adrian Riemer von der Uni Potsdam. Bei flacheren Erdböschungen hingegen würden heute bevorzugt gitter- oder wabenartige Erosionsschutzmatten aus Kunststoff oder Vlies eingesetzt, die mit Erdnägeln am Hang fixiert werden. “Schutzbauwerke wie Ablenkungsdämme oder sonstige Fangsperren für mögliche Murenabgänge, wie sie beispielsweise in den Alpen zur Anwendung kommen, sind aufgrund der direkten Nähe des Ortes zum engen Tal des Orlacher Baches wohl nur schwierig umsetzbar“, ergänzt der Wissenschaftler.

Warnung Ein weiterer Ansatz der interdisziplinären Forschung der Potsdamer Wissenschaftler ist, die Vorhersage von Sturzfluten zu verbessern. “Dazu könnten Radarinformationen mit Bodenmessungen kombiniert werden“, so Kristin Vogel. Warnungen vor Sturzfluten seien zwar nur sehr kurzfristig möglich, könnten jedoch helfen, schnelle Schutzmaßnahmen zu ergreifen.

Öffentlich Der Abschlussbericht “Die Sturzflut in Braunsbach, Mai 2016 – Eine Bestandsaufnahme und Ereignisbeschreibung“ ist im Internet unter mehreren Adressen öffentlich zugänglich. Zum einen auf der Homepage des Instituts für Erd- und Umweltwissenschaften der Universität Potsdam unter www.geo.uni-potsdam.de, auf der Website der Uni unter www.uni-potsdam.de sowie auf weiteren Plattformen wie der „Earth System Knowledge Platform“ (ESKP) unter www.eskp.de/analyse-der-sturzflut-in-braunsbach.

Taskforce Die in Braunsbach eingesetzte Forschergruppe ist Teil eines Doktorandenprogramms der Uni Potsdam. Bei drei Exkursionen sind die Hydrologie des Orlacher Bachs, Hangrutsche, Bachbetterosionen und Gebäudeschäden untersucht worden. Des Weiteren sind Niederschlagsdaten ausgewertet worden. Die Untersuchungen haben sich dabei primär auf den Orlacher Bach konzentriert.