Gegenüber der Brauerei Stuttgarter Hofbräu war vor 60 Jahren eine Bäckerei. Darin arbeitete die junge Edeltraud und verkaufte Semmeln, Brezeln und süße Stückle. Ein junger Mann kam recht oft. Wilfried war angestellt bei der Brauerei und holte sich gerne gegenüber einen „Amerikaner“. Die hübsche Bäckereiverkäuferin ist ihm schon länger aufgefallen. Er wusste nur nicht, wie er es anstellen sollte, sie anzusprechen.

Eines Tages bot sich die Gelegenheit. „Haben Sie einen Pfennig?“, fragt die junge Verkäuferin. Wilfried Maas schaut in seinem Portemonnaie. „Nein“. Sie war anderer Meinung: „Aber ich sehe doch einen!“ Und so fing es an. Bald lud er sie ein, ihn auf den Haller Jakobimarkt zu begleiten. Aber sie musste samstags arbeiten. Auf dem Stuttgarter Volksfest dann waren sie bereits ein Paar. Ein paar Monate nach ihrem Kennenlernen wurde sie schwanger, und an Weihnachten verlobten sie sich. Den Verlobungsring hat sie noch. „Soll die Ehe glücklich sein, kauf bei Kurz die Ringe ein“, zitieren sie plötzlich gleichzeitig den Werbespruch des Stuttgarter Juweliers, von dem sie ihre Eheringe haben. Zu ihrem 70. Geburtstag (beide sind nur ein paar Monate auseinander) kauften sie sich neue Ringe in der Türkei.

Reisen – diese gemeinsame Leidenschaft begann das Paar in der zweiten Lebenshälfte. Sie buchen oft Busreisen, die sie in alle Länder Europas bringen. Zuvor, als die Kinder noch kleiner waren, gingen ihre Urlaube meist ins Allgäu. Sie sind eifrige Wanderer und auch aktiv im Albverein. Jedoch wollen seine Beine nicht mehr so ganz. Er würde ja gerne zwei E-Bikes kaufen, um mit seiner Frau die schöne, hügelige Umgebung rund um Michelbach zu genießen. Aber sie hat Angst. Und er respektiert das. „Ich gehorche ihr“. Was aber nicht heißt, dass sie generell das Sagen hat in der Beziehung. Sie sind gleichberechtigte Partner, sprechen sich ab, und entscheiden gemeinsam.

Generell sind Wilfried und Edeltraud Maas sich recht ähnlich, machen alles zusammen, vom morgendlichen Zeitungslesen am dafür vorgesehenen Tisch im Wohnzimmer mit festen Sitzplätzen – von wo aus sie in den Garten schauen kann und er auf seine Bierkrugsammlung – über das gemeinsame Mittagessen,
den Mittagsschlaf, bis hin zum Abendessen. Beschlossen wird der Tag, sie auf dem Sofa, er im Sessel, mit dem Fernsehprogramm.

Zum ersten Sohn, der kurz vor der Hochzeit geboren wurde, kamen zwei weitere Söhne und eine Tochter dazu. Die Kinder haben die Familie mittlerweile um vier Enkel und drei Urenkel erweitert. Die meisten wohnen in der Nähe. Zur diamantenen Hochzeit und dem 80. Geburtstag der beiden (ihrer war Ende letzten Jahres, seiner zu Beginn dieses Jahres) schenkt die Familie dem Paar eine Schiffsreise auf der Hurtigruten-Strecke in Norwegen. Der Blick auf ein hölzernes Schiffchen im Wohnzimmerschrank, das symbolische Geschenk, lässt das Herz der beiden hüpfen vor Vorfreude.

Nach der Hochzeit 1959 kündigte Wilfried Maas in Stuttgart. Der geborene Michelbacher wollte zurück in seine Heimat. Der damals 20-Jährige fand eine Anstellung in der Haller Löwenbrauerei, der er 35 Jahre treu blieb. Seine Gattin, die aus dem Kreis Sigmaringen stammt, arbeitete in der Spinnerei am Ripperg, und später kochte sie 25 Jahre lang im Wernerhaus in Wilhelmsglück, einer Einrichtung für Frauen mit Behinderung.

Wird Wilfried Maas gefragt, was er an seiner Frau besonders mag, dann denkt er nicht lange nach: „Ihre Figur, auch wenn die sich natürlich mit der Zeit verändert hat, und ihren Humor. Außerdem, dass sie sich um mich sorgt.“ „Wir waren sehr jung, als wir uns kennenlernten. Es kamen gute und schlechte Zeiten“, sagt Edeltraud Maas daraufhin, „aber zu wissen, dass er immer für mich da ist, wenn ich ihn brauche, das ist wunderbar.“

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