Geburtstag Wissbegier bleibt der Antrieb

Vor genau 90 Jahren ist Walter Hampele in Westheim geboren worden.
Vor genau 90 Jahren ist Walter Hampele in Westheim geboren worden. © Foto: Ufuk Arslan
Schwäbisch Hall / Bettina Lober 20.06.2018
Schulleiter, Literat, Kommunalpolitiker: Walter Hampele, aufgewachsen als Bauernsohn in Westheim, wird 90 Jahre alt.

Ruhig ist es bei Walter Hampele auf dem Friedensberg. Der Trubel der Stadt, der Lärm des Verkehrs durchs Kochertal scheint weit weg zu sein. Der Blick vom Wohnzimmer aus führt weit hinüber auf die Westseite der Stadt, der Turm der Brenzkirche ragt heraus, und am Horizont sieht man den Höhenzug der Waldenburger Berge. Von hier aus lassen sich die Dinge des Lebens vielleicht mit etwas Distanz betrachten. Und all diese Dinge verfolgt Walter Hampele auch mit seinen nun 90 Jahren genau. Nicht nur die lokale Tageszeitung, auch die Frankfurter Allgemeine und allerhand Literatur gehören zu seiner täglichen Lektüre.

Die Haller erlebt er als „sehr traditionsbewusst, aber auch sehr kritisch“. Es nehmen mehr Menschen an den Diskussionen teil als anderswo, „das muss eine Demokratie aushalten“. Allerdings lässt Hampele im Gespräch auch durchblicken, dass er mitunter einen gewissen Respekt vermisse und den Umgangston zuweilen als zu rau empfinde.

Mit gespannter Vorfreude hat er die diesjährige Eröffnungspremiere der Freilichtspiele erwartet: Schillers „Wilhelm Tell“ auf der Großen Treppe. Wie behandelt der Regisseur beispielsweise die Frage nach dem Umgang mit Tyrannen, interessiert sich Hampele. Und für Tell stelle sich unter anderem die Frage nach den Pflichten eines Staatsbürgers, nach der Verantwortlichkeit. Aber wie ist das überhaupt mit den Tyrannen: Gibt es heutzutage mehr davon? „Man hat sie früher vielleicht nicht so zur Kenntnis genommen. Wir sind etwas sensibler geworden“, antwortet Hampele.

Die Uraufführung „Brenz 1548“ im vergangenen Jahr habe ihm jedenfalls „erstaunlich gut“ gefallen – auch wenn er die eine oder andere Sache anders gelöst hätte.  Mit der „Tell“-Inszenierung ist Hampele ebenfalls sehr zufrieden. Seit Jahrzehnten ist er Mitglied im Kuratorium der Freilichtspiele – doch von dieser geliebten Aufgabe möchte er sich nun verabschieden.

Überhaupt: Den Alltag zu bewältigen, all die geforderten Bewegungen und Aktivitäten fallen ihm mittlerweile nicht mehr ganz so leicht wie noch vor einigen Jahren. Und die Bandscheiben erlauben Walter Hampele auch nicht mehr die Wanderungen und ausgedehnten Spaziergänge, die er immer so schätzte. Aber der 90-Jährige begegnet diesen durchaus normalen Einschränkungen des Alters stets mit Haltung. Natürlich schmerzt es ihn, dass er seine pflegebedürftige Frau Rose nicht mehr daheim versorgen kann. Seit einigen Jahren lebt sie im Gottlob-Weißer-Haus. Walter Hampele ist jeden Tag bei ihr.

Alt zu werden ist nicht einfach – daraus macht Hampele keinen Hehl. Doch bei aller damit verbundenen Beschwerlichkeit strahlt er eine solide Zufriedenheit und tiefe Dankbarkeit aus. Denn dass aus ihm einmal ein Literaturwissenschaftler und der Leiter des Gymnasiums bei St. Michael, an dem er selbst einst das Abitur machte, werden würde, war ihm nicht in die Wiege gelegt.

Als jüngstes von vier Kindern auf einem Bauernhof in Westheim geboren, wuchs er eigentlich in armen Verhältnissen auf. „Der Berghof rund um die Westheimer Kirche war unser Spielplatz.“ Vom sechs Jahre älteren Bruder habe er viel gelernt, „der hat mich sehr geprägt“, erzählt Hampele. Dieser habe ihm das Basteln beigebracht. „Er hat für mich eine Burg gebaut mit Soldaten, die er beim Viehhüten aus Lindenholz schnitzte.“ Hampele erzählt von dem primitiven Telefon, das der Bruder aus zwei getrockneten Schweinsblasen und einem Bindfaden konstruierte, oder davon, wie er selbst als Waldbauernbub früh lernte, einen Stamm Holz zu berechnen.

Als der Bruder die Verse für die Konfirmation lernte, begegnete Walter Hampele der Hochsprache. Im christlich geprägten Elternhaus gab es drei Bücher: die Bibel, das Gesang- und das Gebetbuch. Doch da gibt es diese Wissbegier des kleinen Jungen, die wohl auch vom Bruder gefördert worden ist, und die Walter Hampele lebenslang anzutreiben scheint. Trotz schmalen Geldbeutels haben die Eltern eine 40-bändige Literaturauswahl angeschafft, die der jugendliche Walter verschlang – „obwohl ich längst nicht alles verstand“, räumt Hampele lächelnd ein. Und er wurde aufs Haller Gymnasium geschickt.

Mit seiner „großen Neugier auf alles“ fielen ihm die Fächer leicht. Später entschied er sich für ein Studium der Germanistik, Anglistik, Philosophie und Geschichte in Tübingen. Apropos Geschichte – dass er so ein großes Faible dafür entwickeln würde, das lag wohl auch an dem jungen Lehrer Heiner Müller in der Schule, der es offenbar verstand, in ihm eine Art „emotionales Verständnis für Geschichte“ zu wecken. Immer wieder habe er daran denken müssen – sei es bei seinem Staatsexamen oder viel später, als er noch vor dem Mauerfall mit einer Gruppe nach Prag fuhr und dabei aus seinem, bereits bei Lehrer Müller angelegten, historischen Fundus schöpfen konnte.

Von 1966 bis 1990 hat Walter Hampele das Gymnasium bei St. Michael geleitet. Vor allem Kinder aus den Dörfern wollte er ans Gymnasium bringen. Eine erfüllte Zeit, in der Hampele als Lehrer viele schöne Erfahrungen gemacht hat – „die schlechten vergisst man schnell“. Ob Gemeinderat, Kirche, oder Freilichtspiele – das Engagement Hampeles in Schwäbsch Hall hat viele Gesichter. Und dann ist da ja auch noch der Autor und Lyriker Hampele und seine Liebe zur Hohenloher Mundart, „der Sprache des Herzens“. Aber Hohenlohisch verschwinde, „es ist ein zu kleines Sprachgebiet, das Stuttgarter Schwäbisch ist im Hoch“, bedauert Hampele: „Eine Tatsache, die ich geschluckt habe.“ Ob er denn noch Gedichte schreibt? Hampele ist zurückhaltend: „Es muss mich etwas umtreiben, aber dem muss ich auch Paroli bieten können.“ Dies erfordere Kraft, das falle ihm zusehends schwer. Aber Hampele begegnet auch diesem Umstand mit Haltung.

Info Walter Hampele wird heute, an seinem 90. Geburtstag, um 18 Uhr mit einem Empfang im Haller Rathaus gewürdigt und aus dem Kuratorium der Freilichtspiele Hall verabschiedet.

Hohenloher Gewächs aus Westheim

Walter Hampele wird am 20. Juni 1928 in Westheim geboren. Nach dem Abitur am Haller Gymnasium bei St. Michael studiert er in Tübingen Germanistik, Geschichte, Anglistik und Philosophie. Zunächst ist er Gymnasiallehrer in Ulm, dann in Stuttgart, von 1955 bis 1966 in Bad Mergentheim, und von 1966 bis 1990 leitet er das Gymnasium bei St. Michael in Hall. Von 1968 bis 1994 ist er Mitglied der CDU-Fraktion im Haller Gemeinderat. Überdies engagiert er sich als Kirchengemeinderat, ist Mitglied im Kuratorium der Freilichtspiele, im Historischen Verein für Württembergisch Franken, Gründungsmitglied des Fördervereins mittelalterliche Kirche in Hall, Ehrenvorsitzender des Freundeskreises alter Haller Pennäler und vieles mehr. 1988 erhält er das Bundesverdienstkreuz am Band, 1993 die Goldene Rathausmedaille der Stadt Hall sowie die Landesmedaille für besondere Verdienste um die Heimat Baden-Württemberg. Außerdem ist Hampele Autor und Lyriker – er hat Gedichtbände in Hohenloher Mundart veröffentlicht. Walter Hampele und seine Frau Rose, die Tochter des in Hall geborenen Schriftstellers Paul Wanner, haben drei erwachsene Kinder, die heute in Heidelberg und in Sindelfingen leben. blo

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