Ministerpräsident Kretschmann besucht Schwäbisch Hall

Winfried Kretschmann in Hall Ministerpräsident Kretschmann besucht Schwäbisch Hall

Die Unruhe der 300 Besucher im Haller Neubau verebbt in Sekundenschnelle. Nur drei, vier Sätze braucht Winfried Kretschmann, dann hat er die Zuhörer in seinen Bann gezogen und es ist mucksmäuschenstill. Nach einem kurzen staatstragenden Intro („Wir stehen vor einer der wichtigsten Europawahlen der letzten Jahre“) erzählt er die Geschichte der Großeltern seiner Frau, die sich zur Zeit des Ersten Weltkriegs zutrug. Gerlinde Kretschmanns Großmutter versteckte kurzerhand die Uniform ihres Mannes, damit dieser nicht wieder auf die mörderischen Schlachtfelder ziehen sollte. Man kann sich’s denken: Diese irrationale List ging nicht auf. Der Mann musste – weil er zu spät einrückte – in ein Strafbataillon. Dort starb er wenige Tage später. Eine Geschichte, die Kretschmann tief bewegt. Zeitweise bricht ihm die Stimme.

Nationalismus bringt Krieg

Was hat diese Geschichte, die hundert Jahre zurückliegt, mit Europa zu tun? Innerhalb der Familie wirkt das Geschehen nach: „Alle Urenkel dieses Großvaters haben den Kriegsdienst verweigert.“ Anlass für den Krieg, in dem neun Millionen Soldaten und zehn Millionen Zivilisten starben: „Nationalismus in allen Völkern Europas“.

„Kriege waren bis vor 70 Jahren der Normalmodus“, zeigt Kretschmann auf. Der Ausstieg aus dem Teufelskreis von Krieg und Vergeltung gelang mit Beginn der deutsch-französischen Freundschaft und mit Begründung der europäischen Gemeinschaft. Die weitere Folge: Wohlstand für die breite Bevölkerung.

„Wie konnte es dazu kommen“, fragt Kretschmann, dass die „Dämonen des Nationalismus“ wieder erwacht sind? Kretschmann zählt Stichworte auf: Globalisierung, Klimawandel, Migration, Terrorismus und Digitalisierung. Das Gefühl des Kontrollverlusts hätten die Briten mit dem Brexit beantwortet. Der Slogan „Taking back control“ (Übernehmt wieder selbst die Kontrolle) überzeugte viele.

Aber, so Kretschmann: „Nationalismus ist die Anleitung zum Kontrollverlust.“ Dies sei aktuell in Österreich zu sehen, wo Regierungsmitglieder bereit seien, „für ein Butterbrot“ das Land zu verkaufen. „Wenn jemals der Begriff ,vaterlandslose Gesellen‘ gepasst hat, dann für diese Leute.“

Absurdes völkisches Denken

Das Pendant zur rechtspopu­listischen FPÖ sei in Deutschland die AfD. Der selbst ernannten „Alternative für Deutschland“ ­bescheinigt Kretschmann De­mokratieverachtung und „völkisches Denken“ in Begriffen wie „Blutsdeutsche“, mit Stammbaum bis zurück ins 9. Jahrhundert. „Absurdes Denken“, urteilt Kretschmann und bekommt dafür viel Beifall.

In Deutschland seien die europäischen Werte das Verbindende. „Das Christentum und der Humanismus waren früher da“, so Kretschmann. Innerhalb dieser Werte könne jeder seine Lebenskultur so gestalten, wie er wolle. „Keiner ist gezwungen, Bayern-­Fan zu sein.“ Dagegen löse man keine Probleme, „wenn jeder ,Ich zuerst‘ schreit“, merkte er mit einem Seitenhieb auf „America first“ an, das Motto von US-Präsident Donald Trump.

Kretschmann setzt auf die Stärken Baden-Württembergs, um die Trendwende zu erreichen: auf Innovationen, Erfindergeist, auf die schwäbischen Cleverle. Das Land müsse bei den Schlüsseltechnologien im Digitalen und der Künstlichen Intelligenz besser werden. „Wir müssen vorangehen, sonst werden wir zur Cyber-Kolonie des Silicon Valley.“ Kein europäischer Staat könne allein etwas gegen die Marktmacht von Google oder Amazon unternehmen. Aber der EU gelinge es, Rekordstrafen zu verhängen. „Wenn wir Werte und Sozialstandards halten wollen, dann müssen wir vorangehen und Geld in die Forschung stecken.“ Denn, so Kretschmann: „Wer nicht am Tisch sitzt, steht auf der Speisekarte.“

Wachsen, ohne zu zerstören

Der Grünen-Politiker erkennt die Leistung der demonstrierenden Schüler an, die in diesen Wochen unter dem Motto „Fridays for Future“ die öffentliche Wahrnehmung auf den Klimawandel lenken. „Wir sind bei 1,4 Grad Erwärmung. Schlimm wird es bei über 2 Grad Erwärmung. Um ein Grad ist die Temperatur allein in den letzten 28 Jahre gestiegen.“ Ebenso dramatisch sei das Artensterben. „Wir nähern uns den Kipp-Punkten. Danach können wir das nicht mehr rückgängig machen. Wir haben zehn Jahre Zeit, das Drama abzuwenden.“

Dem müsse sich Europa stellen, in diesen Punkten müsse das Land vorangehen. Baden-Württemberg müsse zeigen, „dass wir es nicht nur müssen, sondern auch können: wirtschaftlich erfolgreich sein, wenn Wachstum von Umweltzerstörung entkoppelt ist“.

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Winfried Kretschmann (71), Ministerpräsident in Baden-Württemberg, hatte im März den Termin in Schwäbisch Hall zugesagt, berichtet Ruth Steinke vom Wahlkreisbüro der Grünen. Seit 2011 ist Kretschmann Ministerpräsident im Land. Er hat Biologie, Chemie und Ethik am Gymnasium unterrichtet. Sein früh verstorbener Vater war ebenfalls Lehrer. Als Junge war er Oberministrant, als Student (1972 bis 1973) Mitglied im Kommunistischen Bund Westdeutschland. Kretschmann gehört zu den Mitbegründern der Grünen.

Im Anschluss an seine Rede erhielt Kretschmann lang anhaltenden Beifall. Aus Großerlach waren Siegfried Beck und seine Frau gekommen. Beide zeigten sich angetan davon, dass Kretschmann „nicht sehr grün gesprochen hat“. Ludwig Kron aus Kirchberg meinte, Kretschmann „hat plausible Erklärungen gegeben, was für Europa wichtig ist“.

In der Fragerunde nach dem einstündigen Vortrag hatte Kretschmann teil­weise Schwierigkeiten, auf den Punkt zu kommen. Oriane Petit, Landesgeschäftsführerin der Jungen Europäer, moderierte. Michael Rensch hakte nach, wie das Einstimmigkeitsprinzip innerhalb des Europäischen Rats aufgehoben werden kann. „Ich habe Zweifel, dass das schnell gelingt“, meinte Kretschmann. Er hatte zuvor eben dies gefordert, da „ein Bremser alles blockieren“ kann. Ein Zuhörer fragte nach, in welchen Schritten die Vereinigten Staaten von Europa erreichbar seien. In Europa müsse ein anderes Modell realisiert werden als in den USA, sagte Kretschmann. Angesichts des „dramatisch schnellen Klimawandels braucht es andere Wege“, um rasch Erfolge in einzelnen Bereichen zu erreichen. Er tritt für eine CO2-Bepreisung ein, also eine Art Umweltsteuer auf die Produkte, die Treibhausgas freisetzen.

Harald Ebner fordert die Gruppe Awake dazu auf,  weitere Musikstücke zu spielen und meint: „Wir halten das alles aus – denn es ist toll, was ihr macht.“ Die Jugendlichen des Haller Sonnenhofs machten Musik. sel