Schwäbisch Hall / Thumilan Selvakumaran Im Kulturzentrum in der Haalstraße soll ein Jugendraum eingerichtet werden. Bisherige Nutzer sehen Konfliktpotential. Die Kultbucht-Pächterin schließt zum 31. August 2019.

Im Schlachtsaal im Alten Schlachthaus wird ein Jugendraum eingerichtet. Dieser könnte in zwei Monaten eröffnen. Die Entscheidung ist vergangene Woche im Gemeinderatsausschuss gefallen. Während sich junge Haller ab 14 Jahren auf ein offenes Angebot freuen dürfen, gibt es Bedenken und Kritik von bisherigen Nutzern.

Der Verein Kleines Theater Hall etwa hatte bereits Ende Januar in einem Brief an die Fraktionen und an die Rathausspitze auf mögliche Konflikte hingewiesen, was unter anderem die Lautstärke bei parallelem Betrieb im „hellhörigen“ Gebäude und den Bedarf am Schlachtsaal auch für andere kulturelle, gesellschaftliche und politische Veranstaltungen anbelangt. Der Einwand blieb erfolglos.

„Alle Bedenken wurden intern erhoben“, argumentierte Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim in der entscheidenden Ausschusssitzung. Der Verwaltung sei keine andere Lösung eingefallen. Die Alternative wäre gewesen, keinen innenstädtischen Jugendraum zu haben. Auch sei eine mögliche Lösung mit der Umgestaltung des Haalplatzes weder 2019 noch 2020 realisierbar. Dann seien die Jugend-Akteure aber bereits in einer anderen Lebensphase.

In fünf unterschiedlichen Lokalitäten treffen jeweils fünf Comedians auf ein begeistertes Publikum.

Bisher nicht offiziell informiert

Das Kleine Theater Hall macht nun seinem Ärger in einem Leserbrief Luft. Der Verein sperre sich nicht gegen die Entwicklung im Schlachthaus, sondern suche das Gespräch und möchte dieses „ernsthaft und kooperationsbereit“ führen. Kritisiert wird, dass bisher keiner an sie herangetreten sei. „Die Kommunikation im Vorfeld einer Entscheidung und die Einbindung aller Interessen sind bekanntermaßen nicht die Stärke unserer Stadtverwaltung und mancher Stadträte“, heißt es im Schreiben, das stellvertretend von Elke Feucht, Rainer Möck und Peter Hauser unterschrieben ist.

Der „plötzliche Aktionismus“ sei zudem „völlig unnötig“. Man hätte „mit einem durchdachten und offenen Konzept und einer geplanten Zusammenarbeit“ nach den Sommerferien, also zur neuen Spielsaison starten können. Denn im Herbst stünden ohnehin Änderungen in der Kultbucht im Erdgeschoss an.

Die Sozialdemokraten wollen am Dienstag in der Kultbucht mit Bürgern und Experten diskutieren.

Etwas weniger Mainstream

Gemeint ist die Ankündigung der Wirtin Lena Neumann, den Betrieb zum 31. August 2019 einzustellen. In einem fünfseitigen Schreiben, das sie auf ihre Homepage geladen hat, erläutert sie ihre Beweggründe. So sei sie nach der ungewollten Schließung des Schwerpunkt Glücks „mit viel Elan und wenig Geld“ im Dezember 2012 in das Projekt Kultbucht gestartet. Versuche, „mehr Kunst und Kultur und etwas weniger Mainstream“ zu etablieren, hätten nicht gefruchtet. Neumann schreibt von einem „mystischen Altschuldenhaufen“, der sich über die Jahre zu einem „Monster unter dem Bett manifestierte“. Eine Kurskorrektur zu mehr „Schnitzel, Spätzle und Bier“ habe zwar insofern geholfen, dass die Kultbucht weiter existieren konnte – ob dies nochmals fünf Jahre gelingt, sei aber ungewiss, der Aufwand mit 70 bis 110 Wochenarbeitsstunden zudem enorm.

Letztlich sei das Schlachthaus in seiner Bauart und Aufteilung zu speziell, die Pacht hoch. „Zu kleine Küche, zu wenig Lager und Kühlmöglichkeiten, zu kleine Terrasse, seit einem Jahr ein Hin und Her mit dem Schlachtsaal.“ Ohne dessen Nutzungsmöglichkeiten würden „eigentlich alle geschlossenen Gesellschaften und Partys wegfallen“. Die Saalverwaltung, die die Kultbucht im Auftrag der Stadt miterledigt, sei zudem ein Verlustgeschäft.

Mit acht teilnehmenden Lokalen stößt das das Kneipenfest am Samstag angesichts des Riesenandrangs an seine Grenzen. Organisator Ingo Eckert will es künftig noch größer aufziehen.

Städtischer Zuschuss für Lena Neumann nicht kostendeckend

Auf Nachfrage erläutert Neumann, dass „Aufwendungen für Arbeitsstunden und für die Buchungen der Termine, Abrechnung, Betreuung, nächtliche Schließrunde, Reinigung und Reparaturen, Müllgebühren, Kosten für Buchungssoftware und mehr anfallen“. Der städtische Zuschuss sei nicht kostendeckend.

Die Gastronomin habe aber die Möglichkeit gesehen, die Säle auch für Tagungen von Firmen, Verbänden und mehr nutzbar zu machen, um auch tagsüber für bessere Auslastung zu sorgen. Entsprechende Anfragen von Hotels hätten bestanden, da es in der Stadt an Räumen mangele. Unter anderem wäre aber eine Investition in WLAN nötig gewesen. Endgeräte hätte die Kultbucht gekauft. „Die Stadt war leider nicht bereit, die baulichen Veränderungen am Gebäude durchzuführen“, was etwa die Netzwerkverkabelung anbelangt, so Neumann.

Die Entscheidung, aufzuhören, sei bereits vor dem Ratsbeschluss zum Jugendraum gefallen. Irritiert ist Neumann, dass bis heute keiner von der Verwaltung das Gespräch mit dem Team gesucht habe. „Für uns als Betreiber der Gastronomie und auch für etwaige künftige Nachpächter hat die Umnutzung tiefgreifende und negative Folgen.“ Es fehlten geeignete ebenerdige Räume, um bei Veranstaltungen das Inventar zu verstauen. Dafür und etwa beim Catering bei geschlossenen Gesellschaften werde bislang der Schlachtsaal genutzt. Das Wegfallen des Raumes bedeute „einen massiven Umsatzrückgang“.

Die ersten „Culture Beats“ kommen gut an beim Publikum. Das Organisationsteam ist zufrieden, eine Wiederauflage wird es sicher geben.

Konflikt mit gebuchten Events

Unklar sei, wie mit den langfristig gebuchten Veranstaltungen umgegangen werden soll, etwa die Salsakurse im Schlachtsaal. Die Saalverwaltung und das Nutzungsrecht sei von Dauer und Umfang mit dem Pachtvertrag verknüpft, der erst Ende September aufgelöst werde. Es sei klar, dass die Kultbucht alle geplanten Veranstaltungen bis dahin auch durchführen werde. „Es wäre klug gewesen, diesen Umstand mit einzuberechnen.“

Die Idee für einen Jugendtreff in der Stadtmitte finde sie zwar super. „Nur stellt sich uns die Frage, ob der Schlachtsaal der richtige Ort dafür ist“, so Neumann. Es gehe um Lärm im Hinterhof, Haftungsfragen und Jugendschutz. Bezüglich bisheriger Nutzer hätte geholfen, mit der Einrichtung des Jugendraums zu warten, bis die Kultbucht schließt.

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Vom Schlachthaus zum Kulturzentrum

Im Gebäude in der Haalstraße war einst das Schlachthaus der Stadt untergebracht. Es wurde im 18. Jahrhundert erbaut und 2001/2002 grundlegend saniert. Im Erdgeschoss befindet sich heute ein Gast­raum mit circa 100 Sitzplätzen sowie eine Außenfläche für die Bewirtung, außerdem ein Raucherraum sowie der Schlachtsaal. Eine Etage darüber sind der Theatersaal und die Toiletten. Das freie Radio „StHörfunk“ hat seine Räume im zweiten Stock. Erster Pächter des Gastraums war 2002 Felix Brenner. Zehn Jahre später folgte auf ihn Lena Neumann.

Das Kleine Theater Hall mit 15 aktiven Mitgliedern nutzt den Theatersaal an circa 130 Tagen im Jahr – für Proben, Kulissenarbeiten und seiner Kreativwerkstatt für Kinder und Jugendliche. Dazu kommen jährlich 12 bis 15 Theaterveranstaltungen. „Da steckt sehr viel ehrenamtliches Blut drin“, berichtet Rainer Möck. Denn mit dem Erlös aus Eintrittsgeldern würden Technik und Regie sowie Bühnenbilder finanziert. Mit dem Wegfall des Schlachtsaals für kulturelle, politische und private Veranstaltungen steige der Konkurrenzdruck im Theatersaal.

Laut GWG-Prokurist Klaus Wackenheim wird in den nächsten Tagen die Ausschreibung zur Pächtersuche veröffentlicht. Der neue Betreiber kann zum 1. Oktober 2019 starten. Das neue Konzept könne „gerne so gestaltet sein, wie bei Frau Neumann, gerne aber auch etwas komplett anderes“, so Wackenheim. Wichtig sei, dass Kultur eingebunden werde. Das Alte Schlachthaus habe ein „gigantisches Potential“, die Frequenz im Bereich der Haalstraße in der Stadtmitte sei groß. Zwar falle der Schlachtsaal weg. Das Gebäude biete aber mit dem verbleibenden Theatersaal weiterhin mehr Möglichkeiten „als die meisten anderen gastronomischen Betriebe in der Haller Innenstadt“. thumi