Rosengarten Wie man den Grips in Schwung hält

„Das ist ein tolles Bad, das unbedingt erhalten werden muss“, sagt Gisela Deeken über das kleine Freibad in Rieden. Dass die 91-Jährige hier während der Sommersaison fast täglich schwimmen geht, ist nur eines ihrer Jungbrunnen-Geheimnisse.
„Das ist ein tolles Bad, das unbedingt erhalten werden muss“, sagt Gisela Deeken über das kleine Freibad in Rieden. Dass die 91-Jährige hier während der Sommersaison fast täglich schwimmen geht, ist nur eines ihrer Jungbrunnen-Geheimnisse. © Foto: Beatrice Schnelle
Rosengarten / Beatrice Schnelle 30.08.2018
Die 91-jährige Gisela Deeken schwimmt im Sommer täglich im Freibad Rieden und ist auch sonst bemerkenswert fit. Hier verrät sie ihre Rezepte für’s Jungbleiben bis ins hohe Alter.

Ein hohes Alter erreichen: Das wünschen sich die meisten Menschen. Nur die zugehörigen Zipperlein und nachlassenden körperlichen wie geistigen Fähigkeiten will keiner haben. Wenn also schon in die Jahre kommen, dann doch bitte so wie Gisela Deeken.

Den Stammgästen des Freibads Rieden ist die 91-jährige Dame wohlbekannt. Denn dort fährt sie während der Saison möglichst täglich mit dem Auto vor und schwimmt fleißig ihre Runden. Auch sonst ist die gebürtige Berlinerin beneidenswert jung geblieben. Dass ihr Geburtsdatum im Jahr 1927 liegt, vergisst man im Gespräch mit ihr leicht.

„Ich bin mein Leben lang auf Sportplätzen rumgehüpft“, ist eine Erklärung der ehemaligen Sportlehrerin für ihre Top-Verfassung. Erst in Berlin, dann in Schwäbisch Hall und zuletzt in Rosengarten, als das jetzige Rathaus noch die Grundschule beherbergte, brachte sie den Nachwuchs in Bewegung. 44 Jahre lang war sie die ehrenamtliche „Vorturnerin“ für die Uttenhofener Landfrauen. Erst 2016, mit 89 Jahren, überließ sie den Posten einer jüngeren Nachfolgerin.

„Unser Körper ist seit der Steinzeit daran gewöhnt, dass er der Beute nachlaufen muss“, glaubt Gisela Deeken, „darum nimmt er es einem übel, wenn man herumsitzt.“ Gegen ein anderes gesellschaftliches Problem unserer Zeit, nämlich die zunehmende Zahl der Demenzerkrankungen, helfe nur eines: „Vor allem ältere Menschen sollten nicht alte Leiern ständig wiederholen, sondern sich Tätigkeiten suchen, bei denen der Kopf Neues erfinden muss. Das Erarbeiten von Inhalten hält den Grips in Schwung.“

Die weißhaarige Seniorin tut in dieser Hinsicht eine Menge. Als Klavierspielerin bringt sie sich immer neue Stücke bei, weil die bereits erlernten viel zu mühelos aus den Fingern fließen.

An Literaturwettbewerben hat sie schon teilgenommen und das „Uttenhofen-Lied“ gedichtet, das seither bei offiziellen Anlässen in ihrer Heimatgemeinde gern gesungen wird. Zudem ist sie He­rausgeberin kleiner, mit witzigen Sprüchen garnierter Gesundheitsratgeber, die sie in akkurater Handschrift zu Papier bringt und in Form von Kopien mit Vorliebe an ihre „Sportfrauen“ verschenkt. Die Inhalte trägt sie aus populärwissenschaftlichen Büchern und Zeitschriften zusammen, die ganz „ihr Ding“ sind.

In diesen sorgsam zusammengestellten Heftchen erfährt man beispielsweise, dass tägliche „Sauerstoffmärschle“ unter anderem gegen Humorlosigkeit wirken oder dass gründliches Kau-
en die Durchblutung im ganzen Kopf fördert. Weiter finden sich Denksportaufgaben gegen Vergesslichkeit und Vorschläge für ein eigenständiges Hirntraining – wie beispielsweise in einem Zeitungstext möglichst schnell bestimmte Buchstaben anstreichen oder Telefonnummern auswendig lernen.

Letzteres macht die hochbetagte Lady ohnehin, denn sie mag keine Handys und nutzt einen fast schon historischen Telefonapparat mit Wählscheibe. Er ist Teil ihrer Lebenseinstellung: „Die Leute wollen ständig sofort das Neuste haben, was auf dem Markt ist, und so machen sie unsere Welt kaputt.“

Nach sieben Wochen geheiratet

Aus Berlin wurde die schlanke Frau mit den lebhaften hellgrünen Augen von einem Haller fortgelockt: Gerhard Deeken, damals Inhaber der gleichnamigen Wäscherei am Weilertor, lernte sie 1959 in Österreich bei einem Skiurlaub kennen. Am 6. April 1959 rettete er dort die ihm bis dahin unbekannte Schöne vor einem Hotelbrand, sieben Wochen später waren die beiden verheiratet.

Eine hollywoodreife Liebesgeschichte. „Wir haben es immer als ein enormes Glück betrachtet, dass wir uns gefunden haben.“ Dazu passt eine Weisheit, die Gisela Deeken 2005 in ihrem Weihnachtsratgeber notierte: „Wer die Göttergabe der Begeisterung besitzt, wird wohl älter, aber niemals alt.“

Zeitungsleser, die diesen Bericht in Gisela Deekens Sinne optimal nutzen wollen, streichen am besten gleich jedes „s“ an, das im Text zu finden ist, und zwar flott. Die Zeit läuft …

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