Amtsgericht Wie lange sahen die zwei Mädchen die Nacktfotos?

Langenburg / Guido Seyerle 13.02.2018

Pausen können überraschende Wendungen nach sich ziehen. Beim Basketball kann man es oft genug bei den Merlins und ihren Gegnern beobachten. Am Mittwochnachmittag führt eine kurze Verhandlungspause im Amtsgericht in Langenburg dazu, dass alles davor Ausgesagte nicht mehr die gleiche Wertigkeit hat wie noch ein paar Minuten zuvor. Der Grund für die Unterbrechung: Soll die zwölfjährige Zeugin im Prozess um sexuellen Missbrauch aussagen oder nicht?

Der Fortsetzungstermin unter Richterin Dr. Scania Herberger beginnt mit der Vernehmung einer 14-Jährigen. Dem Ende 20-Jährigen aus einer Kreisgemeinde wird vorgeworfen, mit Minderjährigen Nacktbilder auf seinem Rechner angeschaut zu haben. Die Jugendliche gibt als Freizeitbeschäftigungen an, sich gerne am Handy zu beschäftigen und Fahrrad oder Inliner zu fahren.

Der Angeklagte hätte unter den Mädchen gewohnt, sie seien öfter bei ihm zu Besuch gewesen. „Als er uns das Bild von sich und seinem Ding gezeigt hat, haben wir gleich gesagt, er soll es wegmachen“, berichtet die Zeugin. Doch dieser habe nicht sofort reagiert. „Auf den Fotos waren auch sein Körper und sein Kopf zu sehen.“ Dass es diesen Vorfall gegeben hat, darüber sind sich alle Parteien im Gerichtssaal einig. „Das ist unstrittig“, bestätigt auch Verteidiger Erwin Kütterer aus Schwäbisch Hall. Die entscheidende Frage lautet: Hat der Beschuldigte die Bilder absichtlich oder aus Versehen gezeigt?

Das junge Mädchen beschreibt die „ungefähr zwei Stunden“, in denen sie gemeinsam mit einem zwei Jahre jüngeren Mädchen bei dem Untermieter gewesen ist. „Er hat uns Bilder aus dem Zoo gezeigt. Und einen Film.“ Dazwischen habe er „einen neuen Ordner“ geöffnet und die Nacktfotos von sich gezeigt. Staatsanwalt Ulrich Karst (Ellwangen) fragt nach: „Wann hat er diese gezeigt? War das eher am Anfang oder eher in der Mitte?“ Die Zeugin nennt einen anderen Zeitraum als bei ihrer Vernehmung während der Anzeigenaufnahme bei der Polizei, auch die Länge von zehn Minuten kann sie schwierig einschätzen.

Hier hakt Verteidiger Kütterer ein. „Da passt einiges nicht zu den Aussagen, die sie früher gemacht hat. Auch nicht, ob die Fotos groß gemacht wurden oder nicht. Mein Mandant sagt, sie waren zwischen anderen Fotos aus Versehen drin.“

Als nächstes ist die Vernehmung der zwölfjährigen Zeugin geplant. Bereits bei ihrer Belehrung zu Verhandlungsbeginn hatte sie sehr verschreckt und den Tränen nahe gewirkt. Staatsanwalt Karst fragt den Verteidiger, ob das Mädchen unbedingt aussagen müsse. „Im Interesse meines Mandanten ist dies notwendig. Sonst wäre das ein Schuldeinverständnis. Für mich ist die Erheblichkeitsschwelle in diesem Fall nicht erreicht.“

Auch nach der Pause möchte Kütterer dies, außerdem stehe ein Glaubwürdigkeitsgutachten der Zeuginnen im Raum. „Brauchen wir das wirklich? Das kostet mehrere tausend Euro. Für mich ist die Aussage glaubhaft, da kommt es auf die Zeitabstände nicht an“, sagt Staatsanwalt Karst. „Ich brauche kein Glaubwürdigkeitsgutachten einzuholen, dazu habe ich keinen Anlass. Ich höre mir das Mädchen an und entscheide dann“, gibt Richterin Herberger die Richtung vor.

Doch der Staatsanwalt sieht einen anderen Punkt. Sollte das jüngere Mädchen aussagen und die Verteidigung danach ein Glaubwürdigkeitsgutachten fordern, müsste die Zwölfjährige erneut aussagen. „Bei jeder erneuten Vernehmung kommt das Kind erneut in die Bredouille. Das ist kein Spaß, dies müssen wir ihm nicht zumuten.“ Der Verteidiger wirft ein: „Wir müssen das Mädchen vernehmen.“

Richterin Herberger wird das zu viel: „Ich bin hier die Richterin.“ Aber sie würde sich der Erfahrung des Staatsanwalts anschließen und die entsprechenden Gutachten in Auftrag geben.

Danach wird die Hauptverhandlung unterbrochen. Bis die Gutachten erstellt sind, werden einige Monate vergehen.

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