Schwäbisch Hall Wie es zu der Ballung des Verpackungsmaschinenbaus im Haller Kreis kam

Das Unternehmen Grossag, gegründet vom Schlosser Friedrich Gross, hatte seinen Ursprung am Säumarkt. Bekannt wurde es durch die Herstellung von Bügeleisen. Das Foto zeigt zwei Modelle, die ab 1873 produziert wurden. Archivfoto: Marc Weigert
Das Unternehmen Grossag, gegründet vom Schlosser Friedrich Gross, hatte seinen Ursprung am Säumarkt. Bekannt wurde es durch die Herstellung von Bügeleisen. Das Foto zeigt zwei Modelle, die ab 1873 produziert wurden. Archivfoto: Marc Weigert
Schwäbisch Hall / JÜRGEN STEGMAIER 07.11.2014
Als Zufälligkeit und kleinen historischen Event bezeichnet der Bremer Universitätsprofessor Ivo Mossig die Clusterbildung des Verpackungsmaschinenbaus. Pioniere seien in der Region verankert gewesen.

Den Themenabend zu den Wurzeln der Haller Wirtschaft an der Volkshochschule teilten sich der Haller Dr. Otto Windmüller und Dr. Ivo Mossig.

Mossig vergleicht über Jahre hinweg die Entwicklung der Verpackungsmaschinenbauer in Mittelhessen und im Haller Raum. Dabei weist er auf Unterschiede hin: Heimische Unternehmen haben sich Nischen konsequenter erschlossen; sie finden eher eine Balance zwischen Kooperation und Konkurrenz und profitieren so voneinander. Eine weitere Auffälligkeit ist, dass die Gründer aus der Haller Region Erfahrungen in anderen Betrieben der Branche gesammelt haben - im Durchschnitt sieben Jahre lang.

Ein Unternehmer verriet Mossig in einem anonymen Interview: "Unsere Mitarbeiter sind ganz anders motiviert, als wenn der Wettbewerber in China sitzt. Unsere Mitarbeiter sehen die Kollegen vom Wettbewerber abends im Tennisclub oder in der Kneipe . . ."

In dem mittelhessischen Cluster seien diese Faktoren weniger ausgeprägt. Das führe dazu, dass die Ballung entsprechender Unternehmen dort schrumpft, während das Cluster im Haller Land deutlich wachse.

Keine Rolle würden gegebene Standortfaktoren spielen. "Die Unternehmen bauen sich ihre Standortfaktoren selbst auf", behauptet Mossig. Die Ballung der Verpackungsmaschinenbauer rund um Hall sei aus den Unternehmen heraus von unten gewachsen. So haben die Betriebe von sich aus beispielsweise den Verein Packaging Valley gegründet. Diesem gehören mehr als 40 Firmen an.

Für seine Untersuchung befragte Ivo Mossig zahlreiche Unternehmer. Eine interessante Erkenntnis aus dieser Erhebung war, dass die Verpackungsmaschinenbauer die internationale Konkurrenzsituation heutzutage im Vergleich zu vor zehn Jahren sehr unterschiedlich beurteilen. Die Mittelhessen nehmen sie als wesentlich härter wahr als die Unternehmer im Haller Raum.

Entwickelt werde die Innovationskraft der Betriebe nicht allein durch die Qualifizierung und den Ideenreichtum der Mitarbeiter. Ein wesentlicher Faktor ist die Innovationskraft, die sich durch externes Wissen sowie herausfordernde Kunden ergeben.

Der Universitätsprofessor entließ das Dutzend Zuhörer nicht ohne eine Warnung. "Auch das Leben eines Clusters ist endlich. Es besteht die Gefahr der Verkrustung."

Info Der Begriff Cluster bedeutet so viel wie Ballung, Menge, Haufen oder Gruppe. Als Cluster bezeichnet wird unter anderem eine räumlich konzentrierte Ansammlung von Unternehmen derselben Branche.

Wie sich Schwäbisch Hall industriell entwickelte

Anfänge Die industrielle Entwicklung begann in Schwäbisch Hall Mitte des 19. Jahrhunderts zögerlich. Doch einige Unternehmer hatten bemerkenswerte Erfolge. Dr. Otto Windmüller machte dies an drei Beispielen deutlich. Johann-Friedrich Churr fertigte am Ripperg Spinnerei-Produkte. Karl Kirchdorfer entwickelte nahe der Unterlimpurg Brennapparate und Feuerspritzen. Friedrich Gross stellte am Säumarkt Beschläge, Schlösser und Bügeleisen her. Doch keine dieser drei Unternehmungen hatte dauerhaften Erfolg. Heutzutage gehören sie der Geschichte an. Daran erinnerte Dr. Otto Windmüller in der zurückliegenden Woche beim Themenabend in der Volkshochschule zu den Wurzeln der Schwäbisch Haller Wirtschaft.

Krisen Windmüller entwickelte die Geschichte der Industrialisierung aus der Zeit heraus, als das Salz Halls noch zentraler Wirtschaftszweig war. Als um 1820 nahe Heilbronn große Salzvorkommen entdeckt wurden, hatte dies für Hall erhebliche Auswirkungen. Ab dieser Zeit sahen viele Siederssöhne keine Zukunft mehr in der Salzgewinnung. Sie drängten in Handwerksberufe. Doch das Handwerk bekam durch die erfolgreiche industrielle Fertigung große Konkurrenz und geriet in eine Krise. Allein 1854 seien etwa 100 Menschen aus Schwäbisch Hall in die Vereinigten Staaten ausgewandert, um eine neue Zukunft zu finden, so Otto Windmüller.

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