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NSU NSU-Prozess
Schwäbisch Hall / Monika Everling Die Verbrechen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) sind noch lange nicht aufgeklärt. Drei Autoren eines Kompendiums stellen ihr Buch in Hall vor.

Beate Zschäpe ist zu lebenslanger Haft verurteilt – man könnte meinen, ein Kapitel deutscher Rechtsgeschichte sei abgeschlossen. Aber so ist es nicht. Die vermutlich zehn Morde, Dutzende Mordversuche, drei Sprengstoffanschläge und 15 Raubüberfälle auf Banken, Postfilialen und anderes, die dem Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) zur Last gelegt werden, sind bei Weitem nicht aufgeklärt. Vor allem ist unklar, wie viele Mitwisser, Hintermänner und Mittäter Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die gemeinsam mit Beate Zschäpe den Kern des NSU bildeten, hatten.

Rechtsstaat wird unterhöhlt

Eine Reihe von Journalisten ist davon überzeugt, dass dieses Nichtwissen von staatlichen Stellen, namentlich vom Verfassungsschutz, gewollt ist. Dazu kommen geschredderte Akten und plötzliche Todesfälle von Zeugen, deren Ursache nicht näher untersucht wird. Diese Unterhöhlung des Rechtsstaates wollen die Journalisten nicht auf sich beruhen lassen. Deshalb haben sie die Bücher „Geheimsache NSU. Zehn Morde, von Aufklärung keine Spur“ und „Ende der Aufklärung. Die offene Wunde NSU“ veröffentlicht.

Dieses zweite Buch haben die Herausgeber Thumilan Selvakumaran (Südwest Presse, Haller Tagblatt) und Thomas Moser (ARD) sowie Mitautor Rainer Nübel (Stern) am Montag im Haller Brenzhaus vorgestellt. Knapp 60 Besucher haben zugehört.

„Ende der Aufklärung – Die offene Wunde NSU“: Unser Redakteur Thumilan Selvakumaran ist Mitherausgeber.

Es ist ein hochkomplexes Thema. Das Gericht hat sich 437 Verhandlungstage lang damit beschäftigt und rund 600 Zeugen gehört. Mehrere Untersuchungsausschüsse wurden mit mageren Ergebnissen beendet. Da darf man natürlich nicht von einer solchen Abendveranstaltung erwarten, dass sie Licht ins Dunkel bringt.

Thumilan Selvakumaran berichtet von Lücken in der Beweisaufnahme in Bezug auf den Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter und den versuchten Mord an deren Kollegen Martin Arnold in Heilbronn. Zeugen seien nicht gehört oder ihre Aussage nicht berücksichtigt worden. Es wurden Phantombilder angefertigt, keines sehe Böhnhardt oder Mundlos ähnlich. In einem Dokument des BND werde angedeutet, dass US-Agenten Hinweise zur Tat geben könnten. Das sei unter den Teppich gekehrt worden.

Wie groß war der NSU?

Die Vermutung, der NSU habe sich mit diesem Mord Waffen besorgen wollen, hält Selvakumaran für nicht glaubhaft: Der NSU habe zu diesem Zeitpunkt bereits ein großes Waffenarsenal besessen, sagt er. Und er ist überzeugt, dass in Heilbronn vier bis sechs Täter am Werk waren, nicht nur zwei. Selvakumaran fragt: Wie groß war der NSU? Besteht das Netzwerk weiterhin? Solche Fragen müssen geklärt werden, fordern die Buchautoren.

Thomas Moser verweist auf ganz neue Informationen, die an diesem Abend erstmals öffentlich gemacht würden: Das Jounalisten-Trio ist auf die Spur von Kai-Ulrich S. aus der Nähe von Heilbronn gestoßen. Dies sei ein bewaffneter Neonazi, dem schwere Straftaten vorgeworfen werden. Nübel vermutet, dass er als Waffenhändler für den NSU aufgetreten sein könnte. Die Akte über S. sei dem baden-württembergischen NSU-Untersuchungsausschuss vorenthalten worden, meint er. Er wundert sich, dass alle Fraktionen wenig Interesse an echter Aufklärung zeigen, auch die der Oppositionsparteien.

Einige Besucher der Veranstaltung finden ebenfalls, dass weiter ermittelt werden muss. Sie tauschen Mail-Adressen, um gemeinsam agieren zu können.

Info Die Veranstalter der Buchvorstellung: Evangelisches Kreisbildungswerk, Katholische Erwachsenenbildung, Volkshochschule und Club Alpha 60.

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