Wenn zwei Hand in Hand gehen

JULIA VOGELMANN 02.01.2014

Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?, fragte Richard David Precht vor einiger Zeit. Auch wenn dieser Buchtitel immer noch ein Schmunzeln auf viele Lippen zaubert, ist die Frage gar nicht so unberechtigt.

Auch die Teilnehmer der von der AOK veranstalteten "Lebe Balance"-Kurse im Ländle müssen sich mit dieser Frage auseinandersetzen und erkennen: In jedem von uns wohnt ein unangenehmer Geselle. Sein Haustier ist der Schweinehund, doch den hat er gut im Griff, so wie auch uns und unseren Alltag - der Antreiber. Gnadenlos verlangt er täglich Höchstleistung, zwingt uns dazu, diszipliniert zu sein, streng mit uns selbst und sogar lieblos. Ein böser Schurke ist er, einer wie er im Buche steht.

Doch wie jeder Schurke hat auch er einen Widersacher, einen, der für das Gute kämpft und die Balance der Kräfte wiederherstellt. In diesem Fall ist es die liebevolle Güte. Sie lässt uns wahrnehmen, was wir brauchen, was uns guttut, wofür wir den Antreiber auch einmal auf einen Stuhl in die Ecke verbannen, um dann das zu tun und darauf hinzuarbeiten, was wirklich wichtig ist.

Was wichtig ist im Leben - eine Sinnfrage, die schwer zu beantworten ist, so mittendrin im Kampf der inneren Widersprüche. Abstand muss her. Wieso also nicht einmal eine Rede auf das eigene Leben halten? Da darf es auch mal leidenschaftlich werden bei der Frage, wofür man gekämpft hat und wie man später in Erinnerung behalten werden möchte. Da kristallisiert sich dann schnell heraus, nach welchem Motto man lebt, welche Leitlinien sich jeder selbst vorgibt.

Schlussendlich geben sie Aufschluss darüber, welche Werte uns wichtig sind. Fürsorge, Selbstbestimmung, Kreativität, Erfolg. Werte, die wir eigentlich haben, aber nicht immer als solche wahrnehmen, obwohl sie doch ein Leitfaden sein können, wenn man sie für sich selbst einmal bewusst formuliert. Dann können sie zielgebend sein, können helfen, unser Leben aktiver, zielgerichteter zu gestalten.

Da ist es mit den Werten wie mit den Träumen - die unerfüllten bringen uns weiter. Dabei stehen wir nicht alleine da. Im Idealfall fängt das soziale Netz uns auf, wenn wir Beistand brauchen und Bestätigung.

Doch wie sieht das persönliche Netz aus, auf das wir uns verlassen wollen? Hier ist Ehrlichkeit gefragt, auch wenn sie manchmal unangenehm ist und man den Tatsachen am liebsten nur durch die gespreizten Finger ins Auge sehen möchte. In vier Kategorien wird das soziale Netz unterteilt, in der Mitte steht man selbst. Linien zeigen, welchen Weg man am häufigsten macht. Der zur Familie, zum Partner? Dann ist die Linie dorthin stark. Der zu den Freunden? Auch hier ein dicker Strich. Die Nachbarn sieht man nicht so häufig, also eine gestrichelte Linie. Mit den Kollegen klappt es nicht? Schlangenlinien kennzeichnen diesen Weg.

Doch was ist zu tun, wenn die Balance nicht stimmt? Wenn sich Schlangenlinien, gestrichelte Linien und dicke bequeme Straßen nicht die Waage halten? Dann hält das Netz nicht, wenn wir fallen. Was also tun? Hausaufgabe an alle: Einen Kontakt vertiefen oder gar wieder aufleben lassen, um so die Linie zu stärken, den Weg auszubauen. Schon im Hinausgehen "kalendert" jeder im Kopf, wer es sein könnte, der einen Anruf bekommt oder eine Einladung zum Kaffee. Plötzlich gehen da in uns zwei Hand in Hand: der innere Antreiber und die liebevolle Güte.