Gesundheit Wenn der Teppich zum Verhängnis wird

Die Referenten des fünften Haller Traumatags (von links): Friedemann Meiswinkel, Thorsten Steinfeldt, Claas Buschmann, Dieter Richter, Nils Wagner und Matthias Helm.
Die Referenten des fünften Haller Traumatags (von links): Friedemann Meiswinkel, Thorsten Steinfeldt, Claas Buschmann, Dieter Richter, Nils Wagner und Matthias Helm. © Foto: privat
Schwäbisch Hall / Manuela Giesel 18.06.2018
130 Teilnehmer kommen zum Traumatag. Es geht um die Rettung hochbetagter Menschen und um den Einsatz in Terrorlagen.

Rekord beim fünften Haller Traumatag: Rund 130 Teilnehmer aus ganz Nord-Württemberg trafen sich in der Haller Bausparkasse. Dr. Dieter Richter, Chefarzt der unfallchirurgischen Klinik des Diakonie-Klinikums und Leiter des regionalen Traumazentrums, begrüßte Mitarbeiter der Rettungsdienste, Notärzte, Klinikärzte und niedergelassene Ärzte. Im Mittelpunkt stand die Versorgung alter Menschen im Notfall, die Rettung von Menschen im Terrorfall und das möglicherweise vermeidbaren Versterben von Unfallopfern, bevor sie das Krankenhaus erreichen.

Die Aufgaben des Rettungsdienstes und der Notärzte verändern sich – gerade wenn ältere Menschen betroffen sind. „30 Prozent der schweren Verletzungen im Alter haben einen Bagatellsturz zur Ursache, wie das berühmte Stolpern über die Teppichkante“, erklärt Professor Dr. Thorsten Steinfeldt, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin im Diak. Alte Menschen seien durch Vorerkrankungen, Einnahme mehrerer Medikamente und weiterer Risikofaktoren häufig eine Herausforderung für die Medizin. Im Alter sinkt die Knochenqualität, Lungenfunktion und Herzschlagvolumen nehmen ab. Das Schlagvolumen eines 75-Jährigen in Ruhe ist um 50 Prozent geringer als bei einem 35-Jährigen. Das Wichtigste bei betagten Unfallpatienten sei die schnelle Reduzierung von Schmerz und Stress.

Ein Alterstraumazentrum sei wichtig, sagt Dieter Richter, weil bereits im Jahr 2040 ein Viertel der Bevölkerung älter als 70 Jahre sein werde. Dies erfordere die enge Zusammenarbeit vieler medizinischer Disziplinen, ebenso das professionelle Zusammenspiel von Pflege, Physiotherapeuten, Seelsorge und Sozialdienst. Dass die Zusammenarbeit von Unfallchirurgen und Altersmedizinern die Häufigkeit von Komplikationen senke, sei erwiesen. Richter sieht dies auch in der Zusammenarbeit der Diak-Unfallchirurgie und der Geriatrie des Landkreisklinikums Crailsheim bestätigt.

Mehr Brüche im Alter

Oberarzt Friedemann Meiswinkel vom Haller Diak widmet sich in seinem Beitrag der Implantation von künstlichen Hüft- und Kniegelenken, was zu den häufigsten Operationen in Deutschland zählt. Doch was passiert, wenn der Knochen, in dem eine Prothese verankert ist, bricht? Durch eine höhere Lebenserwartung und mehr Aktivität im Alter steige die Gefahr für eine Fraktur. Die Versorgung solcher Brüche durch eine Operation sei besonders anspruchsvoll.

Privatdozent Dr. Claas Buschmann, Oberarzt der Rechtsmedizin an der Berliner Charité, befasst sich mit vermeidbaren Todesfällen nach schweren Verletzungen. In Deutschland würden medizinisch nur schwer Verletzte registriert, die lebend ein Krankenhaus erreichen. Nach einer Berliner Studie sterben jedoch 60 Prozent aller Unfalltoten bereits am Unfallort. Der erfahrene Rechtsmediziner spricht vom gut organisierten Rettungsdienstsystem in Deutschland und dennoch sieht er im Alltag, „dass manches Mal einfache Maßnahmen unterlassen oder zu spät am Unfallort durchgeführt werden“. Anschaulich gibt der Forensiker Tipps für Maßnahmen bei Lungenkollaps, starken inneren und äußeren Blutungen und für der Beatmung Schwerstverletzter.

Bei Terror gelten andere Gesetze

Über bedrohliche Einsatzlagen für Rettungskräfte berichtet Oberstabsarzt Professor Dr. Matthias Helm vom Bundeswehrkrankenhaus Ulm: „Die Anschläge vom 11. September 2001 sprengten unsere bisherige Vorstellungskraft. Sie lehrten uns das Unmögliche zu denken und damit umzugehen. Die medizinische Versorgung bei Terroranschlägen unterliegt anderen Grundsätzen, als wir es als Mediziner gewohnt sind.“ Bei einer „Großschadenslage“ wie einem Busunglück bleibe die Situation am Unglücksort statisch, man könne die Infrastruktur zur Versorgung der Verletzten vor Ort aufbauen. Anders bei Terror: Das „dynamische Geschehen“ könne ständig zu neuen Situationen und Gefährdungen führen. Bei anhaltender Bedrohung müssen weitere Opfer vermieden und Schaden von Helfern abgewendet werden. Die Notfallversorgung unterliegt der Einsatztaktik der Sicherheitskräfte. Möglichst viele Menschen sollen möglichst schnell gerettet werden. Priorität hat dabei die Blutstillung und die schnellstmögliche Rettung der Betroffenen aus der Gefahrenzone.

Info Die Autorin Manuela Giesel leitet die  Öffentlichkeitsarbeit am Diak

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