Asyl Wenn alle schlafen, paukt er Vokabeln

Ammar Dababou (45) mit seiner Frau Heba (34) und seiner Tochter Najla (3). Sie leben seit einem Jahr im Schloss Kirchberg.
Ammar Dababou (45) mit seiner Frau Heba (34) und seiner Tochter Najla (3). Sie leben seit einem Jahr im Schloss Kirchberg. © Foto: Ufuk Arslan
Bums!“ / Verena Bufler 16.12.2016
Ammar Dababou aus Syrien ist Dolmetscher für Arabisch und Englisch. In Rekordzeit hat er trotz eines kranken Kinds und beengtem Wohnen in Kirchberg deutsch gelernt. Sein großes Ziel: Arbeit finden.

Bums!“ Es knallt von außen gegen die Tür. Nochmal. Ammar Dababou nickt wissend. „Die Kinder spielen Fußball im Flur. Das ist noch leise.“ Wie er bei dem Krach Deutsch lernt? Gar nicht. Das macht er nachts, wenn alle anderen Flüchtlinge, die im Schloss untergebracht sind, schlafen. Zuverlässig klingelt sein innerer Wecker gegen zwei Uhr in der Früh. Dann setzt er sich an den einzigen Tisch in dem Ein-Raum-Apartment samt kleinem Badezimmer und paukt Vokabeln und Grammatik, während eine Armlänge entfernt seine Frau Heba und seine Tochter Najla liegen.

Wenn dann um 8.30 Uhr sein Deutsch-Kurs am Haller Goe­the-Institut beginnt, hat der 45-Jährige bereits einige Stunden Lernen und eine knappe Stunde Busfahrt hinter sich. Trotz dieser schwierigen Bedingungen hat der Syrer innerhalb von nur neun Monaten die deutsche Sprache von Grund auf gelernt und vor Kurzem die zweithöchste Deutschprüfung bestanden. Aktuell arbeitet er an der höchsten Stufe. Auch wenn er sich als Dolmetscher für Englisch und Arabisch mit Sprachen verhältnismäßig leicht tut, ist das „ganz außergewöhnlich“, sagt der Leiter des Haller Goethe-Instituts, Hans Werner Schmidt.

„Wenn ich am Nachmittag heimkomme, ist sie gestresst vom Nichtstun.“
- Ammar Dababou über seine Frau Heba

Dass er besonders fleißig sein soll, wischt Ammar Dababou mit einer Handbewegung beiseite. „Ich habe ein großes Ziel“, sagt er. Seine Frau Heba nickt. Die 34-Jährige versteht vieles von dem, was er auf Deutsch sagt, weil sie von ihm lernt. „Außerdem ist sie clever“, sagt ihr Mann und blickt sein „Gottesgeschenk“, so die deutsche Bedeutung ihres Vornamens, liebevoll an. Seine Frau hat Informationstechnologie studiert. „Wenn ich am Nachmittag heimkomme, ist sie gestresst vom Nichtstun.“ Sie muss zu Hause bleiben, weil die dreijährige Najla keinen Kindergartenplatz bekommen hat.

Ammar Dababou möchte seine Tochter um jeden Preis glücklich sehen. Sie ist sein Sonnenschein, aber auch sein Sorgenkind. Als sie drei Wochen alt war, wurde Najla in Abu Dhabi, wo die Familie zuletzt wohnte, operiert. Sie kam mit einer kranken Leber zur Welt und wird in den nächsten Jahren ein Transplantat benötigen. Als Ammar Dababou dann auch noch seinen Job als Dolmetscher verlor und kein neues Visum in Abu Dhabi bekam, war schnell klar: Auf der arabischen Halbinsel gibt es für die syrische Familie keine Zukunft mehr.

Sie entschieden sich für ein neues Leben in Deutschland. In der engeren Wahl befanden sich außerdem Frankreich und Großbritannien. Warum die Wahl auf die Bundesrepublik fiel? „Deutschland ist eben Deutschland“, sagt Dababou lächelnd. „Top in Sachen Medizin, Technik und so weiter.“

Er hat inzwischen einige Bewerbungen geschrieben. Wo er Arbeit findet, ist ihm egal. Hauptsache, schnell in eine richtige Wohnung umziehen. Nicht, dass es ihnen in Kirchberg an etwas fehlen würde, betont er, wenngleich zum Kochen die Gemeinschaftsküche benutzt werden muss. Er ist dankbar, auch für die Sprachkurse am Goethe-Institut, die in seinem Fall erst von der Arbeitsagentur, dann von Recaro und später von den Serviceclubs Rotary und Lions bezahlt wurden.

Und wenn er an die gefährliche Reise nach Deutschland denkt, die hinter ihm und seiner Familie liegt, erscheint ihm selbst das kleinste Apartment als ein Segen. 9000 Euro zahlte er in der Türkei für ein angeblich offizielles Visum, das sich in Griechenland als wertloses Stück Papier herausstellte. Weitere 6000 Euro kostete die Überfahrt von Marmaris nach Lesbos, die zum Desaster geriet. Statt der versprochenen 60 Leute nahm der Schiffsführer 240 mit. Seine Frau und seine Tochter drängten sich zusammen mit 30 anderen in den Motorraum. „Als der Motor kaputt ging, blickten wir dem Tod ins Auge.“ Wäre Wasser ins Schiff eingedrungen, wären seine Frau und seine Tochter wohl als Erste ertrunken, weil sie unten saßen.

Zum Glück bleibt für diese düsteren Erinnerungen wenig Zeit. Wenn Ammar Dababou vom Goe­the-Institut nach Hause kommt, will Najla spielen. Um 20 Uhr fällt er todmüde ins Bett. Schon sechs Stunden später klingelt wieder der innere Wecker.

Zur Person

Ammar Dababou wurde am 28. Juli 1971 im syrischen Aleppo geboren. Nachdem er 1992 sein Englisch-Studium mit dem Bachelor abgeschlossen hatte, kehrte er seiner Heimat den Rücken und lebte in Dubai, Abu Dhabi, Kuwait und Katar. Dort arbeitete der heute 45-Jährige als Simultan-Dolmetscher für Englisch und Arabisch. Außerdem hat er Erfahrungen in der PR-Branche gesammelt und arbeitete als Editor für die Arab Times und für Gulf News.

Im September 2015 kam Ammar Dababou mit seiner Frau Heba (34) und Töchterchen Najla (3) in Deutschland an, um ein neues Leben zu beginnen. Seit Dezember 2015 lebt die Familie im Schloss Kirchberg. Ammar Dababou hat binnen neun Monaten am Haller Goe­the-Institut das zweithöchste Deutsch-Niveau C1 erreicht.

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