NSU Weiterer NSU-Zeuge tot

Schwäbisch Hall / THUMILAN SELVAKUMARAN 17.04.2014
Im Prozess gegen den Nationalsozialistischen Untergrund sind Bezüge ins Ländle und die Rolle des Haller Ku-Klux-Klans noch immer ungeklärt. Ein weiterer Zeuge, der Antworten hätte liefern können, ist nun tot.

Eine neue Identität, ein neuer Wohnort: Der 2012 als V-Mann enttarnte Neonazi Thomas R. war ins Zeugenschutzprogramm geflüchtet - nun ist er tot: Das berichtete "Der Spiegel". Die Leiche des 39-Jährigen sei in einer Wohnung im Raum Schloß Holte-Stukenbrock, einem Ort in Nordrhein-Westfalen, gefunden worden. Er sei an den Folgen einer nicht erkannten Diabetes-Erkrankung gestorben. Die Nachricht war durchgesickert, weil das Bundesamt für Verfassungsschutz das Parlamentarische Kontrollgremium des Bundestags darüber informiert habe.

Die Polizei in Bielefeld will dazu keine Auskünfte geben, verweist auf Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Paderborn. Oberstaatsanwalt Marco Wibbe versteckt sich hinter Konjunktiven, will lediglich einen Leichenfund bestätigen - "dieser wird untersucht". Damit reiht sich ein weiteres Glied an die Kette seltsamer Ereignisse im NSU-Komplex.

„Wir hätten Thomas Richter gerne im Prozess vernommen“

Petra Pau (Die Linke), Vize-Präsidentin des Bundestags, äußerte, dass R. zentraler Zeuge im Münchner NSU-Prozess gewesen wäre. Nebenklagevertreter Yavuz Narin sagte: "Wir hätten Thomas R. gerne im Prozess vernommen und arbeiteten bereits an entsprechenden Beweisanträgen."

Aus gutem Grund: "Corelli" war weit vernetzt, auch in Baden-Württemberg. Er war Mitglied der "International Knights of the Ku-Klux-Klan". Zusammen mit Achim Schmid und einem weiteren KKK-Mitglied trat er aus dem rassistischen Geheimbund aus und wirkte in der 2000 in Hall gegründeten Sektion "European White Knights of the Ku Klux Klan" mit, die bis 2003 existierte. R. war dafür zuständig, neue Mitglieder im Osten anzuwerben. Regelmäßig pendelte er zwischen Halle/Saale und Hall.

Der V-Mann hatte zudem Verbindungen zum NSU. Ein Beleg ist die eine Telefonliste, die 1998 neben Rohrbomben, braunem Propagandamaterial und 1,4 Kilo TNT-Sprengstoff in einer Garage in Jena gefunden wurde. Rund 40 Kontakte von NSU-Mann Uwe Mundlos sind darauf genannt - auch Thomas R.. In zwei BKA-Vernehmungen bestritt er den Kontakt. Für Bernd von Heintschel-Heinegg, Sonderermittler des NSU-Untersuchungsausschusses, eine Falschaussage. In seinem Bericht steht, dass "Corelli" 1995 "unmittelbaren Kontakt zu Mundlos" gehabt und es ein Treffen gegeben habe.

Damit kannte R. sowohl die mutmaßlichen Täter des Polizistenmords in Heilbronn (2007) als auch den Gruppenführer der ermordeten Michèle Kiesewetter: Der Polizist Timo H.. Dieser war selbst Mitglied im KKK und verkehrte mehrfach mit Richter. Die beiden feierten sogar in der Rock-Fabrik in Ludwigsburg, berichtete ein ehemaliges KKK-Mitglied dem Haller Tagblatt. "R. war einer, der sehr authentisch wirkte. Ich hätte vielen zugetraut, zu spitzeln - ihm mit seiner radikalen Einstellung nicht", so der einstige Weggefährte.

Zu einer Aussage von "Corelli" kam es weder im Untersuchungsausschuss noch im NSU-Prozess in München. Nebenklagevertreter Narin bedauert, "dass ein weiterer wichtiger Zeuge nicht mehr zur Verfügung steht". Denn neben "Corelli" gab es einen weiteren Todesfall: Florian H. verbrannte im September 2013 in Bad Cannstatt im Auto. Die Polizei erklärte binnen Stunden, dass sich der 21-Jährige aus Liebeskummer mit Benzin übergossen und selbst angezündet habe.

Der Azubi aus Eppingen war allerdings ein Hinweisgeber im NSU-Komplex. Im Juni 2011 hatte er Kollegen erzählt, dass Neonazis die Polizistin in Heilbronn getötet hätten - Monate bevor die Ermittler auf diese Fährte kamen. Am Abend seines Todes wollte ihn das Landeskriminalamt erneut zu seinen Hinweisen befragen. Die Eltern äußerten gegenüber dem HT erhebliche Zweifel an der Selbstmord-These. Ihr Sohn sei glücklich verliebt gewesen.

Die Kontakte des Thomas R.
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