Ist der Weilertunnel überhaupt nötig, wenn durch die Verkehrswende die Zahl der Autos sinkt? Entsprechen die Pläne für den Ausbau der Strecke zwischen Gaildorfer Dreieck und Friedhofsdreieck von 1968 dem heutigen Bedarf? Wird durch den Ausbau die Situation für Passanten verschlechtert? Diese und andere Fragen hat der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) für Hall und Umgebung Mitte Juni in einem offenen Brief aufgeworfen, auch weil bekannt wurde, dass mit der Fertigstellung nicht vor 2024 zu rechnen ist. Die Planung von 2016 lautet 2018. Die Verwaltung hat nun geantwortet.

Mehraufwand für Gleissicherung

Zu der Frage nach gestiegenen Kosten schreibt Baubürgermeister Peter Klink, dass diese wegen zusätzlichen Untersuchungen und einer provisorischen Bahnbrücke höher ausfallen werden als die veranschlagten rund 40 Millionen Euro. Daneben habe es bereits Mehraufwand für Hangabsicherung und Fledermaustrog gegeben. Weitere Anpassungen am Bauwerk und im Bauablauf seien nötig. „Diese werden aktuell durch die beauftragten Ingenieurbüros in die Planung eingearbeitet.“ Die Kosten würden sukzessive ermittelt und dem Bund als Bauherren vorgelegt, der die Kostenfortschreibung bestätigen müsse. Erst danach würden Zahlen veröffentlicht.

Auf die Frage nach dem Aufwand für die Stadt bezüglich der Erstellung der Anschlüsse teilt Klink mit, dass die Stadt nur an dem Knoten am Südportal, also auf Höhe des einstigen Club Alpha, beteiligt ist, nicht aber am anderen Ende auf Höhe des Hotels Hohenlohe. Die Kosten für die Ampelkreuzungen stünden noch nicht fest.

Lies hier alle Artikel zum Weilertunnelbau.

Der ADFC befürchtet eine „deutliche Verschlechterung“ für Fußgänger und Radfahrer, die bisher mit Vorrang „auf dem kürzesten Weg über zwei Zebrastreifen“ von der Heimbacher Gasse Richtung Stuttgarter Straße gelangen. Künftig erfolge das „umwegig über mindestens eine Ampel“, so Vorsitzender Dieter Wolfarth.

Klink antwortet: „Sie unterstellen eine Verschlechterung für den Fuß- und Radverkehr am Scharfen Eck. Allerdings liegt für diesen Bereich noch keine konkrete Planung vor.“ Es sei zwar Fakt, dass der Geh- und Radweg über die Einmündung zur Weilervorstadt führen müsse, weil der Hirschgraben an die Stuttgarter Straße angebunden werden soll. Die genaue Lösung sei aber „eine wichtige Aufgabenstellung im Rahmen der städtebaulichen Planungen für die Weilervorstadt“.

Aufwand einer Halbtagsstelle

Der ADFC wollte wissen, ob die Bauverwaltung durch den Tunnelbau „andere wichtige Aufgaben“ nicht wahrnehmen kann oder ob Projekte an fremde Büros vergeben werden mussten. Klink erläutert, dass die Stadt mit der Vereinbarung mit dem Bund von 1968 Verpflichtungen eingegangen sei. „Der Zeitpunkt der Realisierung des letzten Bauabschnitts, des Weilertunnels, war lange Zeit ungewiss, nun ist er mitten in eine Hochkonjunkturphase gefallen.“ Der Zeitaufwand werde in der Bauverwaltung „nicht gesondert erfasst, da dieser auch nicht erstattet wird“. Über mehrere Mitarbeiter verteilt liege der Aufwand wohl in etwa „dem Stundenkontingent einer halben Vollzeitstelle“. Dass sich andere städtische Projekte verzögern, liege daran, dass vakante Stellen wegen des leer gefegten Arbeitsmarktes nicht besetzt werden können.

Den Wunsch der Radler, am Nordportal die Radfahrer durch die bestehende Unterführung zu leiten statt über die geplante Ampelkreuzung, könne Klink nicht erfüllen. Für eine Rampe im Tunnel fehle der Platz. Für die Verkehrsregelung sei am Knoten ohnehin eine Ampellösung nötig.

Der ADFC hatte angeregt, „im Sinne einer menschengerechten Stadt“, mit Blick auf Klimanotstand und Verkehrswende den Bau zu stoppen oder zu überdenken. Klink schreibt, dass es sich um ein vom Bund beschlossenes Projekt handelt. Es gehe „neben einer leistungsfähigen Ortsdurchfahrt“ auch um die Verlagerung des Durchgangsverkehrs, um eine Entlastung für die Weilervorstadt. „Insoweit ist die Maßnahme auch im Sinne einer wie Sie sagen menschengerechten Stadt.“

Das könnte dich auch interessieren:

Das sagen die Fraktionssprecher zum Weilertunnel


Andrea Herrmann, Sprecherin der Grünen, will das Thema auf der Tagesordnung haben. Die Fraktion, die den Tunnelbau von Beginn an abgelehnt hat, sieht hinter dem Projekt „weiter ein Fragezeichen“. Angesichts des Klimawandels gebe es andere Dinge, die dringend finanziert gehören, da­runter Radwege, ÖPNV-­Ausbau und günstigere/kostenlose Tickets. „Die Tunnel-Pläne sind alt. Damals gab es keine Ost- und Westumfahrung. Die Situation hat sich geändert.“

Ludger Graf von Westerholt, sieht in seiner CDU-Fraktion „keine große Unruhe“: Der Verlauf des Projekts sei zwar „unschön“. In der Fraktion gebe es trotz der technischen Schwierigkeiten „keine Gegnerschaft“. Letztlich gehe es nicht nur um den Verkehr. „Wir gewinnen die historische Weilervorstadt zurück.“

Nikolaos Sakellariou, Sprecher der SPD, sieht das ähnlich. „Wenn man nur auf den Verkehr schaut, müsste man sagen: Die spinnen, wenn die so viel Geld investieren.“ Es gehe aber primär um ein Quartiers­projekt, um innenstadtnahes Wohnen, die Verbannung des Durchgangsverkehrs aus der Weilervorstadt. „Der Bund übernimmt die Kosten dafür. Es wäre irre, das zu stoppen.“

Hartmut Baumann, Sprecher der Freien Wählervereinigung, ist überzeugt: „Wenn der Bau fertig ist, sind alle wieder begeistert.“ Dann nämlich entstehe Potenzial „für schöne Häuser in toller Innenstadt-Randlage“. Die Stadt habe mehr als 40 Jahre gewartet, nun müsse man nicht alles über Bord werfen, nur weil es ein paar Jahre länger dauert.

Thomas Preisendanz, Sprecher der FDP, meint, „die Pläne können, dürfen und sollen nicht umgeworfen werden“, auch weil jahrzehntelang geplant und beschlossen wurde. „Wir sollten Vertrauen haben in die Kompetenz der Verkehrsexperten, die das alles geplant haben.“ Sonst hätte man das Projekt viel früher stoppen müssen. thumi