Crailsheim Waldorfschule Crailsheim wirft NPD-Paar und Kinder raus - Nach zwei Jahren reagiert

Ein Polizist steht vor einem NPD-Banner. Die Eltern des beschuldigten Mädchen haben für die Partei kandidiert.
Ein Polizist steht vor einem NPD-Banner. Die Eltern des beschuldigten Mädchen haben für die Partei kandidiert. © Foto: dpa/Symbolfoto
Crailsheim / THUMILAN SELVAKUMARAN 17.04.2015
Ein dunkelhäutiges Mädchen soll in der Waldorfschule von einer Mitschülerin drangsaliert worden sein. Die Schulleitung reagierte über Jahre nicht - erst als auffliegt, dass die Eltern für die NPD kandidiert haben.

Das Mädchen soll mit Affen verglichen worden sein, stehe "aufgrund ihrer Hautfarbe auf der Schattenseite". Die Anfeindungen gegen das dunkelhäutige Kind durch eine Klassenkameradin hätten vor fast drei Jahren in der ersten Klasse begonnen. Das geht aus einer Stellungnahme einer Praktikantin der Crailsheimer Waldorfschule hervor, die der Redaktion vorliegt. Die heutige Lehramtsstudentin wertete die Vorgänge damals "als kritisch", unterrichtete Eltern und Lehrer. Es passierte zunächst nichts.

Die Schule reagierte erst, nachdem im Dezember 2014 in dieser Zeitung ein Bericht über die Eltern des beschuldigten Kindes erschienen war. Die in Wolpertshausen lebende Mutter hatte 2009 bei der Bundestagswahl für die NPD kandidiert, ebenfalls bei der Landtagswahl 2011. Zudem soll sie in der Skinheadszene im Osten vernetzt sein. Das steht in einem LKA-Protokoll.

Die Frau spielte auch in den Ermittlungen zum Heilbronner Polizistenmord (2007) eine Rolle, für den das mutmaßliche Terrortrio Nationalsozialistischer Untergrund verantwortlich gemacht wird. Als die Polizistin Kiesewetter starb, war die Wolpertshausenerin in Heilbronn: in der Meisterschule, unweit des Tatorts Theresienwiese. Das LKA vermerkte nach einer Vernehmung: "Nach derzeitigem Stand (. . .) kann nicht ausgeschlossen werden, dass sie einen oder mehrere Angehörige des Trios kennenlernte."

Der Mann der Friseurin ist ebenfalls in der rechten Szene aktiv, unter anderem als Musiker. 2009 ermittelte das LKA Sachsen gegen ihn wegen Unterstützung der verbotenen Neonazi-Organisation "Blood&Honour". Bei der Landtagswahl 2006 trat er für die NPD als Ersatzkandidat für den Wahlkreis Hall an.

"Nach diesem Zeitungsbericht wurde alles bestätigt, was ich jahrelang gefühlt habe", sagt die Mutter des dunkelhäutigen Mädchens. Ihre heute neunjährige Tochter sei verängstigt, habe durch die Mitschülerin körperliche Gewalt erfahren.

Der Artikel löste auch in der Schule Reaktionen aus, "Wir hatten 2012 Hinweise, das stimmt. Wir hätten früher reagieren müssen", resümiert Geschäftsführer Wolfgang Hermann-Kautter. Noch am Tag der Publikation habe die Schule aber Konferenzen einberufen. "Wir haben geprüft, was unser Vereinsrecht hergibt." Die Eltern seien darauf am 15. Dezember aus dem Verein ausgeschlossen worden. "Unser Menschenbild widerspricht dem Parteiprogramm der NPD." Eine Kandidatur für ein politisches Amt sei ein eindeutiges Bekenntnis.

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Bundesweit waren in der Vergangenheit Waldorfschulen mit eindeutig rechts orientierten Mitgliedern in die Schlagzeilen geraten, etwa durch einen Lehrer in Braunschweig, der sich ebenfalls in der NPD engagiert hat. Dieser wurde entlassen. "Grundsätzlich lehnen Waldorfschulen Fremdenfeindlichkeit ab", versichert Henning Kullak-Ublick vom Dachverein.

In Crailsheim besuchte neben der Tochter des NPD-Ehepaars auch der große Bruder die Einrichtung - beide allerdings nur bis zu den Faschingsferien. "Wir wollten unbedingt verhindern, dass sie leiden, wollten sie in der Schule belassen", meint Hermann-Kautter. Dieses Vorhaben war wegen zunehmender Kritik von Eltern gescheitert.

Die Wolpertshausenerin kritisiert auf Nachfrage die Entscheidung. "Zickereien" zwischen Mädchen seien normal. Mehrfach sei das dunkelhäutige Mädchen in Wolpertshausen zu Gast gewesen "und wurde wie jedes andere Kind auch freundlich aufgenommen". Ihre Kinder seien "weder politisch erzogen, noch in politische Dinge eingebunden". Zu Hause würden die "üblichen Regeln von Anstand, Moral und Sitte" vermittelt. Jetzt seien aufgrund der "bloßen Mitgliedschaft ihrer Mutter in einer demokratisch zugelassenen Partei" die Kinder "aus ihrem kompletten sozialen und schulischen Umfeld zwangsweise herausgerissen" worden.

Das dunkelhäutige Mädchen muss aber weitere Anfeindungen ertragen. Sie wird in der Schule dafür verantwortlich gemacht, dass Mitschüler gehen mussten. Die Mutter legt Bilder aus "whatsapp"-Gruppen vor, auf denen einem dunkelhäutigen Mädchen Teufelshörner und Hitler-Bart aufgemalt wurden. Die Familie hat Strafanzeige erstattet, bekommt Hilfe von einem Unterstützerkreis. Zu diesem gehört Günter Peters: "Es ist pädagogisch bedenklich, wenn Lehrer nicht aufklären und verschweigen, wieso die Schüler gehen mussten. Man sollte von Pädagogen erwarten, den Kern eines Konfliktes zu erkennen." Das habe nur die Praktikantin geschafft. Aufgrund des "unerträglichen Mobbings" hat die Mutter ihre Tochter vor wenigen Tagen von der Schule genommen.

Juristisch ist der Zwist aber nicht ausgestanden. Die ehemalige NPD-Kandidatin hat gegen die Mutter Strafanzeige wegen Verleumdung gestellt. Der Fall soll im Juni vor dem Amtsgericht Crailsheim verhandelt werden. Dabei hat die Klägerin prominenten Beistand: Der Jurist Alexander Heinig hat bereits einige Neonazis vertreten. Zudem sang er selbst in der Skinhead-Band "Ultima Ratio" und soll bei "Noie Werte" ausgeholfen haben. Von dieser Band tauchen Stücke als Hintergrundmusik im mutmaßlichen Bekennervideo des NSU auf.

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