Lesung Wahre und erfundene DDR-Legenden

„Dass der Erzähler nicht gleich ist mit dem Autor, wie man es im Deutschunterricht immer lernt, das glaubt doch keiner.“: Thomas Brussig gibt in Kirchberg zu, dass sein Roman viel Autobiografisches hat.
„Dass der Erzähler nicht gleich ist mit dem Autor, wie man es im Deutschunterricht immer lernt, das glaubt doch keiner.“: Thomas Brussig gibt in Kirchberg zu, dass sein Roman viel Autobiografisches hat. © Foto: Anna Berger
Kirchberg an der Jagst / Anna Berger 12.06.2018

Entspannt sitzt der Berliner Autor Thomas Brussig am Freitagabend auf einem Ledersessel im Württemberger Hof in Kirchberg. In seinem rosafarbenen Polohemd, der hellen Trekkinghose und den dunklen Turnschuhen mit pinker Sohle wirkt er, als wäre er zum Wandern nach Hohenlohe gekommen. Und eigentlich ist er das ja auch. In einem erfrischenden Berliner Plauderton macht er sich auf zu einer Wandertour zu den verschiedenen Winkeln seines neuesten Wende-Romans „Beste Absichten“.

Darin wird die Geschichte eines 22-Jährigen aus Ostberlin erzählt, der im Jahr des Mauerfalls in die Probe der Band „Die Seuche“ stolpert und wenig später zu deren Manager auserkoren wird. Äppstiehn nennen ihn die Bandmitglieder in Anspielung auf den Beatles-Manager Brian Epstein.

Das Versprechen von Freiheit

Für den Ich-Erzähler umweht die Band das Versprechen von Freiheit, und sie erfüllt ihn mit einer lebensnotwendigen Gewissheit: „Mit Musik kann man das aushalten.“ Was genau er mit „das“ meint, sagt der Erzähler nicht. Doch es ist eine klare Anspielung auf die Repressalien in der ehemaligen DDR. Äppstiehn ist überzeugt, dass „Die Seuche“ das Zeug zum Erfolg hat. Selbst der Titel des ersten Albums steht ihm schon vor Augen: „Ausbruch!“

Doch bevor „Die Seuche“ durchstarten kann, braucht sie vor allem noch eines: Geld. Die Band beschließt, billig Autos von den DDR-Flüchtlingen in der Prager Botschaft aufzukaufen und sie zu normalen Preisen wieder zu verscherbeln – eine Geschäftsidee, die aufgeht. Als alle Autos verkauft sind, befinden sich 141 600 Ostmark auf dem Konto der Band, und der Ich-Erzähler muss der Verlockung widerstehen, mit dem Geld abzutauchen: „Das Konto der ,Seuche’ lief auf meinen Namen, denn ich war schließlich der Manager. Doch meinen Namen kannten sie nicht; ich hieß bei ihnen ja immer nur Äppstiehn.“ Auch der Leser bleibt im Dunkeln über die wahre Identität des Erzählers.

Bis zu dieser Stelle liest Brussig am Freitag in Kirchberg. Wie die Geschichte weitergeht, verrät er nicht. „Ein bisschen Neugierde soll ja noch erhalten bleiben”, erklärt der Autor. Sicher ist aber, dass der Ich-Erzähler die Band nicht zum Erfolg führen wird. Das gesteht er dem Leser gleich zu Beginn des Romans: „Ich hatte mit dieser Band zu tun, genauer: Ich habe sie auf dem Gewissen.“ Thomas Brussigs „Beste Absichten“ ist ein Buch voller Schalk und Ironie.

Die Zuhörer kichern

Besonders als Brussig aus der Autoschmuggel-Episode des Romans vorliest und von in der Po-Ritze verstecktem Westgeld erzählt, kichern die Zuhörer im Württemberger Hof. Doch über allem hängt eine melancholische Schwere, die den Leser ab jenem Verhängnis verkündenden Satz nicht mehr richtig verlassen will.

Thomas Brussig wurde 1964 in Ost-Berlin geboren und hatte vor dem Mauerfall somit fast dasselbe Alter wie der Protagonist seines Romans. Ein Zufall? „Wie können Sie daran zweifeln, dass in dem Erzähler viel von mir steckt?“, entgegnet Brussig. „Dass der Erzähler nicht gleich ist mit dem Autor, wie man es im Deutschunterricht immer lernt, das glaubt doch keiner.“ Wie viel Autobiografie wirklich in dem Roman steckt, verrät er aber nicht.

Dieses Katz-und-Maus-Spiel um Fakten und Fiktion durchzieht den gesamten Roman. Geschickt webt der Autor wahre und erfundene DDR-Legenden ineinander. So ist dem Roman etwa die tragische Geschichte des Kugelstoßers Rolf Oesterreich vorangestellt, dem 1976 der Weltrekord gelang, was allerdings in der DDR unter den Tisch gekehrt wurde. Brussig zieht eine Verbindung zur Band „Die Seuche“: „Wenn es möglich ist, dass jemand einen Weltrekord erzielte, der vor der Welt verborgen blieb, dann ist es auch möglich, dass es eine große Band gab, die niemand kannte.“

Viele Leute würden auf Autoren mit einem „Das hat er sich doch nur ausgedacht“ reagieren, sagt Brussig „Deshalb wollte ich etwas schreiben, bei dem es keinen Anhaltspunkt gibt, dass es ausgedacht ist“, erklärt er. „Wenn es gelogen ist, soll es mir keiner nachweisen können.“

„Beste Absichten“ ist der vorerst letzte DDR-Roman des Autors, der unter anderem mit „Helden wie wir“ (1995) und „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ (1999) bekannt wurde. „Ich habe festgestellt, dass ich zu dem Thema alles gesagt habe“, so Brussig. Worum es im neuen Projekt geht, will er noch nicht verraten.

Kirchberger Lesewoche endet mit einem Markt

Mit der Lesung von Thomas Brussig hat am Freitag in Kirchberg die Lesewoche begonnen. Morgens hatte der Autor bereits für die Acht- und Neuntklässler der August-Ludwig-Schlözer Schule und der Schloss-Schule gelesen. Beschlossen wird die Lesewoche mit einem Büchermarkt am Samstag, 16. Juni. Von 10 bis 17 Uhr bieten Antiquare, Buchhändler und Privatleute Bücher zum Verkauf an. Auch Künstler, ein Papiermacher und ein Buchrestaurator sind vor Ort. ab

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