NSU Waffen in der Plastiktüte

Zeuge vor dem NSU-Untersuchungsausschuss: Der Fall Florian H. hat bei den Abgeordneten viele Fragen hinterlassen.
Zeuge vor dem NSU-Untersuchungsausschuss: Der Fall Florian H. hat bei den Abgeordneten viele Fragen hinterlassen. © Foto: dpa
THUMILAN SELVAKUMARAN 14.04.2015
Eine Zeugin mit brisanten Informantionen sagte gestern unter Ausschuss der Öffentlichkeit vor dem NSU-Ausschuss aus: Sie war eine Freundin von Florian H. Die SÜDWEST PRESSE konnte mit ihr sprechen.

In der Nacht vor seinem Tod schreiben sie sich Nachrichten. Sie kennen sich seit Jahren, verbringen viel Zeit miteinander. Ein Paar sind sie aber nicht. Es geht um Florian H. und eine junge Frau, die vom NSU-Untersuchungsausschuss "Bandini" genannt wird.

Die junge Frau hat Angst, berichtete sie der SÜDWEST PRESSE vor wenigen Tagen. Es geht um ihre Hinweise zu H., der mit Waffen hantierte, der Zugang zur rechten Szene hatte - und der bereits im Sommer 2011 gewusst haben will, wer hinter dem Heilbronner Polizistenmord (2007) steckte, obwohl damals die mögliche Verbindung zum Nationalsozialistischen Untergrund noch nicht öffentlich war.

"Ich habe ihm erst nicht geglaubt. Als das am Ende des Jahres im Fernsehen kam, war ich baff." In jenem Sommer 2011 habe sie den Neonazi-Aussteiger mit einer Plastiktüte voller Waffen angetroffen. "Er war auf dem Weg zum Bahnhof. Ob das scharfe Pistolen waren, kann ich nicht sagen." Die Hinweisgeberin war nie von der Polizei befragt worden - erst vor wenigen Wochen, nachdem der Ausschuss sich mit dem Thema befasst.

Nun legte die junge Frau der SÜDWEST PRESSE das letzte Chatprotokoll mit H. vor. Es geht um Selbstzweifel, um Ärger im Internat, um Liebe: Um 18.39 Uhr schreibt H. über "Whatsapp": "du ich kann absolut nicht mehr bin am ende meiner energie und weiß nicht mehr was ich noch machen soll". Um 22.18 folgt: "es geht halt nicht mehr zurück sry". Am Morgen darauf soll sich H. in seinem Wagen selbst angezündet haben - just an jenem Tag, als er erneut vom LKA zu seinen Hinweisen befragten werden sollte.

Der Ausschuss befasst sich seit Wochen mit dem mutmaßlichen Suizid - gestern nun auch mit "Bandini", die unter Ausschluss der Öffentlichkeit befragt wurde. Grund für ihre Zurückhaltung: Die 20-jährige Melisa M. war vor zwei Wochen einer Lungenembolie nach einer Knieverletzung erlegen. Sie war die Freundin von H. und hatte ebenfalls vor dem Ausschuss ausgesagt. Laut dem Ausschussvorsitzenden Wolfgang Drexler (SPD) ergab es nur wenige Erkenntnisse.

Ganz anders die Aussagen von "Bandini" gestern - insbesondere dass H. ihr bereits im Mai 2011 vom NSU berichtet habe. Für Nikolaos Sakellariou (SPD) wäre es "ein Hammer", wenn das stimme. Ulrich Goll (FDP) erklärt: "Für mich hat die Hinweisgeberin keinen unglaubwürdigen Eindruck gemacht." Das meint auch Matthias Pröfrock (CDU), der zu bedenken gibt: "Es ist aber seltsam, dass ein damals 17-Jähriger, der erst vor wenigen Wochen in diese Szene gekommen war, solche Einblicke gehabt haben soll. Das stellt uns vor ein Rätsel."

"Bandini" ist nicht die einzige, die diesen frühen Hinweis erhalten haben will. Auch gegenüber Mitschülern habe sich der Eppinger in jenem Sommer ähnlich geäußert, teilte die Leiterin einer Krankenpflegeschule mit. Das tat er offenbar auch gegenüber Matthias K., wie dieser kürzlich vor beim LKA aussagte. K. war ein Weggefährte von H., der mit ihm in einer rechten Kameradschaft namens Neoschutzstaffel (NSS) mitgewirkt haben soll.

K. und der NSS waren von den Ermittlern als nicht existent abgetan worden. Der Ausschuss hatte aber Hinweise ans Licht gebracht. Nun ermittelt das LKA wieder - und die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen zum Fall H. wieder aufgenommen, die wenige Stunden nach seinem Tod beendet worden waren. Gegen einen der Sachbearbeiter, der gestern erneut befragt werden sollte, läuft nun ein Disziplinarverfahren, wie Drexler (SPD) mitteilte. Der Beamte macht von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch.

Auf dieses konnte sich die Kriminalhauptkommissarin Astrid B. nicht berufen. Sie erklärte, sie sei bei der Spurensicherung zwar "die ganze Zeit daneben gestanden", sei aber für Ermittlungen nicht zuständig gewesen und könne nichts zu Ergebnissen oder Fehlern sagen. Das verwundert die Abgeordneten. Denn B. taucht in mehreren Akten als Sachbearbeiterin auf und hat Protokolle unterschrieben.

Goll ärgert sich: "Mittlerweile schaffe ich es nicht, aufzuzählen, wer für was zuständig war. Wer ist für dieses Ergebnis verantwortlich?" Über Kollegen wolle sie sich nicht äußern. - " und ich war definitiv nicht zuständig."

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