Das Gesicht lehnt er gegen die rechte Hand, blickt regungslos in Richtung Besucherränge des Saales B im Landgericht Heilbronn. Dort sitzt am gestrigen Dienstag  neben zwei Justizbeamten nur ein älterer Zuschauer, der lediglich durchs Schnarchen auffällt. Dabei geht es für Jochen M. um viel. Ihm droht eine Haftstrafe. Im Sommer 2015 war er vor dem Amtsgericht Hall wegen gewerbsmäßigen Betrugs zu drei Jahren und zwei Monaten Haft verurteilt worden. Im Berufungsprozess hofft er auf einen Freispruch.

Schwäbisch Hall

Vollholz oder Holzfaserplatten?

Die Staatsanwaltschaft und die Haller Kriminalpolizei sind dagegen überzeugt, dass der 62-Jährige, der bis zum ersten Gerichtsverfahren ein Bestattungshaus in Hall führte, Kunden systematisch betrogen hat. Er habe Verstorbene nach der Trauerfeier aus hochwertigen Särgen in billige Modelle aus mitteldichten Holzfaserplatten (MDF) umgebettet, den Angehörigen aber Vollholzmodelle berechnet. Zunächst ging es um 34 Fälle aus dem Jahr 2012. Verurteilt wurde M. nur für 18.

Wie im ersten Prozess dreht es sich auch in der Berufung um Formulierungen und Definitionen. Denn auf zahlreichen Rechnungen an die Kunden nahm M. den Posten „Vollholzsarg Fichte“ auf, berechnete hierfür teilweise mehr als 700 Euro. Er räumt gestern aber ein, dass hinter dieser Formulierung oft das MDF-Modell steckte – im Einkaufswert von 58,20 Euro netto. Die Erklärung des Angeklagten: Das seien ja auch Holzsärge, in denen auch Späne von Fichten eingearbeitet seien. Außerdem: In der Rechnungssoftware sei eben immer dieser Posten hinterlegt gewesen. Es sei aber stets Kundenwunsch gewesen, das günstigste Modell zu wählen. Einfache Vollholzsärge aus Ost-Europa seien im Übrigen nicht viel teurer.

„Der Kunde darf sich darauf verlassen, wenn er Vollholz bestellt, dass es nicht gepresst, sondern gewachsen ist“, entgegnet ihm der Vorsitzende Richter Frank Haberzettl. Dass MDF „definitv kein Vollholz“ ist, sagt auch Jochen Lutz als Zeuge aus. Er ist Betreiber des Haller Krematoriums. Späne von unterschiedlichen Bäumen würden bei MDF mit Harz verbunden und gepresst. Das müsse man kennzeichnen.

Haberzettl versucht am zweiten Verhandlungstag den Fall mathematisch zu lösen. Denn hätte Jochen M. Verstorbene aus den ursprünglich hochwertigen Modellen umgebettet, müssten Särge übrig geblieben sein, die er für Erdbestattungen hätte erneut nutzen können. „Konnten Sie das nachvollziehen?“, fragt der Richter den Haller Kriminalpolizisten Dietmar R.. „Das war in einigen Fällen tatsächlich nachweisbar“, entgegnet der Ermittler.

Weniger Särge verbraucht

37 Feuerbestattungen und 42 Erdbestattungen habe Jochen M. 2012 durchgeführt. Durch die Überprüfung der Händler-Bücher und zwei widersprüchlichen Inventurlisten des Bestattungshauses lasse sich nachvollziehen, dass M. 15 oder 24 Särge weniger verbraucht hat, als durch Bestattungen nötig gewesen wären. Für den Ermittler war so der Beweis erbracht, dass M. diese Modelle durch Umbettungen eingespart hat und erneut verkaufen konnte.

Untermauert wird die Theorie vom einstigen Krematoriums-Angestellten Klaus G., der erklärt, dass M. in rund 70 Prozent der Fälle „Pressspan-Särge“ gebracht habe, nur selten hochwertige Modelle. Und: Bei der Polizei hätten, so Ermittler R., nahezu alle Hinterbliebenen ausgesagt, Vollholzmodelle bestellt zu haben. Losgerollt waren die Ermittlungen, als städtischen Bediensteten eine Umsargung auf dem Waldfriedhof aufgefallen war.

Keine offizielle Vernehmung

Weiter belastet wird der einstige Bestatter durch den mittlerweile pensionierten Kriminalhauptkommissar Helmut N. Dieser hat Jochen M. am 7. Januar 2013 bei der Beschuldigtenvernehmung nach eigenen Angaben zunächst über die Vorwürfe informiert und ihn über seine Rechte belehrt. Als M. dann aber nicht offiziell mit Protokoll aussagen wollte, habe er sich ohne Aufzeichnung mit ihm unterhalten und dies unmittelbar danach in einem Gedächtnisprotokoll niedergeschrieben.

Der Inhalt hat es in sich: Demnach hat M. zugegeben, wegen „wirtschaftlichen Umständen, der steigenden Konkurrenz und um auf dem Markt bestehen zu können“, die „immer teurer werdenden Bestattungen“ günstiger anzubieten. Er habe kein Problem darin gesehen, Verstorbenen in billigere Modelle zu legen, weil „die Särge ohnehin verbrannt werden“. Die Kunden hätten das nicht gewusst. „Das ist ja ein volles Geständnis“, bemerkt Haberzettl. Der Ermittler antwortet: „Ja eben!“. M. bestreitet aber: „Ich habe diese Aussage nicht gemacht. Mit aller Deutlichkeit!“

Wahlverteidiger Gianpiero Fruci, der neben Pflichtverteidiger Björn Bilidt den Angeklagten vertritt, hat mit der Verwertung des Gedächtnisprotokolls, das so auch in den Akten hinterlegt ist, ein Problem. Der Angeklagte sei bei der Vernehmung, bei der er sich klar auf sein Schweigerecht berufen hatte, mit Informationen zum Ermittlungsstand gelockt worden, doch noch Angaben zu machen. Der Ermittler habe sich diese Informationen „also er­schlichen“. Fruci spricht gar von einer „Umgehung der Beschuldigtenrechte“ sowie „Täuschung“.

Verteidiger stellt Antrag

Er stellt darauf einen zweiseitigen schriftlichen Antrag, die vermeintliche Aussage nicht für die Urteilsfindung zu nutzen. Die Entscheidung darüber will Haberzettl noch vor dem fünften Sitzungstag am 14. März fällen. Einfluss auf die Fortführung des Prozesses hat der Antrag aber nicht.

Info Die Verhandlung wird am morgigen Donnerstag, 1. März, 9 Uhr, fortgesetzt.