Gottwollshausen Vorbild für die ganze Familie

Gottwollshausen / SONJA ALEXA SCHMITZ 06.08.2015
Wenn sie vom Durchhalten sprechen, dann meinen sie nicht ein Qualvolles, sondern eines, dass von Willen, Mut und Liebe geprägt ist. Von einem Versprechen, das man sich gibt - "in guten wie in schlechten Zeiten".

Es gibt verschiedene Gründe sich zu verlieben. Viele ältere Ehepaare sagen: "Sie hat mir gefallen. Sie war sehr attraktiv." Oder: "Er war eine stattliche Erscheinung." Bei Johann und Katharina Strack liegen die Gründe woanders. Die beiden haben sich nicht gefunden, sondern schon lange vor ihrer Ehe begleitet. Sie waren zusammen in der Grundschule, jeder in seiner Klasse, Jungs und Mädchen getrennt.

Sie waren 14 Jahre alt, als ihr ungarisches Dorf aufgelöst wurde. Zweitausend Menschen mussten weg, nach Deutschland. Katharina und Johann kamen nach Hall. Irgendwann wohnten beide mit ihren Familien in Sülz, irgendwann gingen sie einmal ins Kino, dann zum Tanz nach Hessental. Da waren sie 20 Jahre alt und beide in ungarischer Tracht "verkleidet". Danach waren sie ein Paar. Die beiden teilten einen großen Schmerz: Heimweh. "Wir brauchten lange um zu akzeptieren, dass wir nicht mehr zurück nach Ungarn konnten", sagen sie. Sie blieben unter sich, gaben sich etwas Vertrautes inmitten der Fremde. Ihre Sprache war Schwäbisch.

Alle Phasen der Ehe  waren schön – auch die schwierigen

Als die Hochzeit anstand, hatte Katharina Angst. Sie hatte schon lange keine Eltern mehr, lebte mit ihren älteren Geschwistern zusammen, und das klappte sehr gut. Das aufzugeben und sich in eine andere Familie zu begeben, fiel ihr nicht leicht. Heute möchte sie ermutigen, zur Ehe und vor allem bei der Ehe zu bleiben. "Die Zeit des Verliebtseins ist mal vorbei, alles hat seine Zeit", sagt sie. Und man hört heraus, dass jede Zeit ihrer Ehe eine schöne war, auch wenn es mal schwierig gewesen ist. Sich treu bleiben, sich aufeinander verlassen zu können, gemeinsam etwas aufzubauen, eine Familie auf die man stolz sein kann, das macht die beiden glücklich. "Wir sind reich", sagen sie nachdem sie aufzählen, dass sie drei Kinder, zehn Enkel und zehn Urenkel haben. Ihre Tochter ist leider in diesem Jahr an Krebs gestorben.

Die beiden 84-Jährigen leben nah an der Familie, so nah, dass alle paar Minuten Tochter, Enkeltochter oder Urenkelkind durch die Wohnung läuft. Sie teilen eine Doppelhaushälfte mit der Tochter und deren Familie. Für die Familie sind sie ein Vorbild.

Bis das erste Haus in der Burgstraße in Gottwollshausen gebaut war, mussten die beiden hart arbeiten. Er war als Zimmermann beschäftigt, sie arbeitete lange Jahre in der Spinnerei. Sie war immer am Rennen, um die Schiffchen auf der Maschine am Laufen zu halten. Es gab 39 Pfennig die Stunde, wer schneller war bekam 42 Pfennig. Fünf Jahre lang hatten sie eine Poststelle in ihrem Haus. Dann wurde diese geschlossen, und sie arbeitete jeden Tag von halb sechs bis acht Uhr morgens in der Postverteilerstelle. Danach kümmerte sie sich um die Enkelkinder.

Jubelpaar ist stolz auf seine Enkel und Urenkel

Dass es der Familie gut geht, ist ihnen ein großes Anliegen. "Goldig" seien alle ihre Enkel und Urenkel und sie wünschen sich das Beste für sie und wo sie helfen können tun sie das. Sie beobachten aber auch, dass Kinder heute zu viel haben und erinnern sich an die Freuden, die ihnen einst kleine Dinge bereiteten. Darum machen sie lieber kleine Geschenke. Sich selbst schenken sie gar nichts mehr, außer weiterhin ihre Liebe und ihren Stolz aufeinander.

Ihre diamantene Hochzeit begehen Johann und Katharina Strack mit einem Gottesdienst in der Kirche St. Elisabeth und anschließend, im Restaurant, feiern sie mit der ganzen Familie.