Geschichte Vor 80 Jahren brannte die Synagoge

Die Gedenkstätte beim KZ in Hessental - hier sind einige Haller Juden zu Tode gekommen.
Die Gedenkstätte beim KZ in Hessental - hier sind einige Haller Juden zu Tode gekommen. © Foto: Hans Kumpf (Archiv)
Schwäbisch Hall / Tobias Würth 06.11.2018
Stadtarchivar Dr. Andreas Maisch erläutert bei einem Vortrag, dass Menschen jüdischen Glaubens auch im Mittelalter in Hall verfolgt wurden. Am Freitag wird der Pogromnacht im Jahr 1938 gedacht.

Was hat eigentlich der Haller Reformator Johannes Brenz über die Juden gesagt?“ Das will einer der 25 Zuhörer beim geschichtlichen Vortrag von Stadtarchivar Andreas Maisch wissen.

„Es ist erschreckend“, berichtet Maisch. 1542 lebte nur ein Jude mit seiner Familie auf städtischem Territorium. „Und Brenz forderte die Ausweisung der einzigen jüdischen Familie, obwohl die sowieso nur ein auf drei Jahre beschränktes Aufenthaltsrecht innehatte.“

In der vergangenen Woche berichtete Maisch darüber, wie Juden in Hall über die Jahrhunderte lebten. Die jüdische Gemeinde in Hall taucht 1241 zum ersten Mal in Dokumenten auf. Im Mittelalter wurden die Juden fälschlicherweise  für den Ausbruch der Pest verantwortlich gemacht. Es folgten Pogrome. Maisch geht davon aus, dass die jüdische Gemeinde in Schwäbisch Hall 1349 ausgelöscht wurde. Und das, obwohl die Pest Hall gar nicht erreichte.

Wohl ab 1373, als Kaiser Karl IV. den Schutz der Juden in Hall an Kraft von Hohenlohe übertragen hatte – bestand wieder eine jüdische Ansiedlung in Schwäbisch Hall. Allerdings ließ die Reichsstadt, die in so mancher geschichtlichen Erzählung verherrlicht wird, in den Jahrhunderten nach 1434 keine jüdischen Bewohner mehr zu. Außerhalb der Stadtmauern siedelten sich Juden allerdings an. Seit 1619 entstand eine aus vier Familien bestehende jüdische Gemeinde in Steinbach. Einzelne Juden durften auch in Hall leben. Allerdings nur, wenn sie hohe Schutzgelder an die Reichsstadt bezahlten.

„Am Ende des 18. Jahrhunderts gab es durchaus Anzeichen für eine positive Entwicklung des Verhältnisses von Christen und Juden in Hall und Steinbach“, urteilt Maisch. 1809 war die Steinbacher Synagoge fertiggestellt, 1811 folgte der jüdische Friedhof. Im Ersten Weltkrieg nahmen 28 Mitglieder der jüdischen Gemeinde als Frontsoldaten teil, ein sehr hoher Prozentsatz erhielt das Eiserne Kreuz. Doch dann erfolgte die Enttäuschung nicht nur für die patriotischen Menschen jüdischen Glaubens. Die Ortsgruppe der NSDAP zählte angeblich bereits 1923 bis zu 200 Mitglieder und vertrat den Rassismus mit voller Wucht. Maisch: „Antisemitismus war aber schon lange auch ein Bestandteil der Ideologie der konservativen Parteien.“ In Hall wurden 20 Betriebe, deren Inhaber Juden waren, zum Ziel des Boykotts vom 1. April 1933. Damals lebten 118 Menschen jüdischen Glaubens in Hall, bei einer Gesamtbevölkerung von 11 322 Personen. 1935 wurden die jüdischen Schüler an den Schulen der Stadt vom Unterricht ausgeschlossen.

Die Ereignisse gipfelten in der Pogromnacht vom 8. auf den 9. November 1938, der jetzt gedacht werden soll (siehe Info).

Ein Fernschreiben aus Berlin vom 9. November 1938 gab die Richtung vor: „1) Es werden in kürzester Frist in ganz Deutschland Aktionen gegen Juden, insbesondere gegen deren Synagogen stattfinden. (...) Es ist vorzubereiten, die Festnahme von 20 000 bis 30 000 Juden im Reiche. Es sind auszuwählen vor allem vermögende Juden. Nähere Anordnungen ergehen noch im Laufe der Nacht.“ Das sei ein Beleg dafür, dass die Aktionen eben nicht spontan aus der Bevölkerung heraus, sondern von langer Hand geplant erfolgten, meint Maisch.

„Eine halbe Stunde vor Mitternacht erreichte der Befehl zur Spontaneität auch Schwäbisch Hall: Kreisleiter Otto Bosch wurde aufgefordert, die Synagogen anzuzünden und die jüdischen Geschäfte demolieren zu lassen“, berichtet Maisch. Bosch beauftragte die von Sturmbannführer Emil Bühler geführte Haller SA und das NSKK (NS-Kraftfahrerkorps).

Die Steinbacher Synagoge wurde mit Benzin in Brand gesteckt. Morgens gegen 5 Uhr, als das Gebäude bereits lichterloh brannte, versuchte die Feuerwehr zu löschen und wurde dabei von ­NSDAP-Mitgliedern behindert und bedroht. Auf einen Befehl Boschs hin gab die Feuerwehr den Löschversuch auf und beschränkte sich auf den Schutz der Nachbargebäude. Der jüdische Beetsaal in der Oberen Herrngasse und das Haus des Rabbiners werden heimgesucht. Lehrer, Beamte, Angestellte, Kaufleute, Handwerker und ein Arzt sind unter den Tätern.

42 Haller werden ermordet

Einige Haller jüdischen Glaubens reisen aus. Akribisch geht ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung die Kartei mit allen Hallern durch und markiert die Menschen jüdischen Glaubens. „Manche praktizierten ihre Religion nicht einmal“, gibt Maisch zu bedenken. Doch auch sie erhalten ein „J“ in den Pass gestempelt. Am 1. Dezember 1941 erfolgt der erste Transport in Konzentrationslager im Osten. „42 Haller fallen dem Völkermord zum Opfer“, so Maisch. Zudem sterben Häftlinge im KZ Hessental. Fast die Hälfte der Haller Bürger konnte nicht fliehen. Von nur einem einzigen ist bekannt, dass er die Lager überlebte: Manfred Edgar Schorsch.

Reden, Musik und ein Theaterstück

Eine zentrale Gedenkveranstaltung wird am Freitag, 9. November, 18 Uhr auf dem Haller Marktplatz abgehalten. Es sprechen Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim, Dekanin Anne-Kathrin Kruse sowie Pastoralreferent Wolfram Rösch. Die Kursstufe des Gymnasiums bei St. Michael wird sich mit der Reichspogromnacht in einem für diesen Anlass geschriebenen Theaterstück auseinandersetzen. Musikschullehrer Jochen Narciß-Sing umrahmt das Gedenken musikalisch. Zuvor findet um 16 Uhr ein Gebet des Israelkreises der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde am Davidstern auf dem Marktplatz statt. Veranstalter sind die Stadtverwaltung, Kirchen und weitere Organisationen.

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