Schwäbisch Hall Vor 75 Jahren: Nazis beschlagnahmen Gottlob-Weißer-Haus und Feierabendhaus

Kinder des Gottlob-Weißer-Hauses mit ihren Pflegerinnen im Herbst 1940.
Kinder des Gottlob-Weißer-Hauses mit ihren Pflegerinnen im Herbst 1940. © Foto: Diakarchiv Schwäbisch Hall
Schwäbisch Hall / SWP 10.11.2015
"Es ist uns alles noch wie ein böser Traum und wir meinen, wir müssen davon aufwachen." In dem Satz von Oberin Luise Gehring, geschrieben am 23. November 1940, spiegeln sich die dramatischen Geschehnisse wider.

Am 14. November 1940 erschien morgens um 11 Uhr unerwartet und unangemeldet der Haller Kreisleiter Otto Bosch gemeinsam mit dem Kreisleiter und Kommissar der Volksdeutschen Mittelstelle Richard Drauz aus Heilbronn und einigen anderen Parteifunktionären bei Pfarrer Breuning, dem damaligen Leiter der Diakonissenanstalt. Sie ließen sich die Baupläne des Gottlob-Weißer-Hauses und des Feierabendhauses geben und besichtigten beide Gebäude, heißt es in einer Pressemitteilung des Haller Diaks.

Daraufhin ordneten sie an, dass beide Gebäude innerhalb von acht Tagen vollständig geräumt werden müssen, "auch von Mobiliar und Vorräten", mit Ausnahme der Tische, Stühle und Bänke. Am 22. November 1940 um 15 Uhr sollte die Schlüsselübergabe stattfinden. Betroffen davon waren 545 geistig behinderte oder psychisch kranke Frauen und Kinder und 41 Feierabendschwestern. Als Grund für die Beschlagnahmung gaben die NS-Funktionäre die Unterbringung von 1400 "Volksdeutschen aus Bessarabien" an.


Mit Kriegsbeginn begann die Ermordung

Zu diesem Zeitpunkt herrschte in Europa schon seit über einem Jahr der Zweite Weltkrieg. Mit Kriegsbeginn am 1. September 1939 begann auch die Umsetzung der schon seit langem vorbereiteten "Euthanasie", der Ermordung von geistig behinderten und psychisch kranken Anstaltspatienten.

Während in anderen Anstalten von staatlicher Seite Patienten selektiert und in die Tötungsanstalten abtransportiert wurden, beschlagnahmten NS-Behörden in Hall kurzerhand das Heim und überließen es der Führung des Diaks, die Patienten beziehungsweise die Bewohnerinnen des Feierabendhauses unterzubringen. Die meisten der Feierabendschwestern konnten im Schwesternerholungsheim in Calw unterkommen, doch die Unterbringung von rund 550 Schwerstbehinderten innerhalb einer Woche gestaltete sich mehr als schwierig. Kirchliche Einrichtungen, die Pfarrer Breuning um Hilfe bat, hatten keine Kapazitäten frei.

Zwar konnte ein Großteil der Patienten im Diak selbst, auf dem Rollhof, im Altersheim und in landwirtschaftlichen Betrieben untergebracht werden. Aber 33 Patienten mussten der Heilanstalt Christophsbad in Göppingen und 240 der Heilanstalt in Weinsberg überstellt werden. 184 von ihnen, darunter 51 Kinder, wurden 1940 und 1941 in Grafeneck und Hadamar getötet. Das jüngste Opfer war drei Jahre, das älteste 84 Jahre alt. Zwischen 1940 und 1942 starben nochmals 21 ehemalige Haller Patientinnen in Weinsberg durch die sogenannte "Wilde Euthanasie", durch Nahrungsentzug oder Verabreichung von Medikamenten.

Gedenken am 13. November

Info Vor 75 Jahren wurden 184 geistig Behinderte aus dem Gottlob-Weißer-Haus Opfer der Euthanasie. Anlässlich dieses Ereignisses findet eine Gedenkveranstaltung am Freitag, 13. November, um 18 Uhr in der Auferstehungskirche im evangelischen Diakoniewerk statt.

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