Schwäbisch Hall Von Woodstock zu Techno

Mit einer Mischung aus Electro und Alpenfolklore bringen Erwin & Edwin aus Österreich das Publikum zum Toben.
Mit einer Mischung aus Electro und Alpenfolklore bringen Erwin & Edwin aus Österreich das Publikum zum Toben. © Foto: Andreas Dehne
Schwäbisch Hall / Andreas Dehne 29.08.2018
Das Anlagencafé-Team wagt beim sechsten Festival im Biergarten einen musikalischen Spagat – und gewinnt. 450 Besucher kommen am Vorabend des Sommernachtsfestes.

Wir sind glücklich, hier zu sein“, verkündet Jhett Schiavone in holprigem Deutsch gleich zu Beginn des sechsten Festivals in den Ackeranlagen. Gemeinsam mit seiner Frau Callie Sioux eröffnet er mit der Formation Gleewood den Abend mit einem woodstockwürdigen Intro: „Runnin’ from the man“.

Ihr zweistimmiger Gesang lässt überrascht aufhören. Seine unerwartet prägnante, tiefe und raue Stimme, schmutzig, bluesig und bisweilen countryesk, steht in spannender Korrelation zu der fast engelhaft singenden Callie Sioux.

Das schon optisch auffällige Duo spielt mit E-Gitarre, Bass, Schlagzeug und Percussions einen amerikanischen Rock, wie man ihn schon lange nicht mehr gehört hat. Native Rock, möchte man fast formulieren. Sie zelebrieren den Blues, bringen den The-Clash-Klassiker „Should I stay or should I go?“ ganz hinreißend auf die Bühne auf dem mit etwa 450 Zuschauern voll besetzten Gelände vor dem kleine Café im Haller Stadtpark. Auch „Summer Wine“, der Hit von Nancy Sinatra and Lee Hazlewood aus dem Jahr 1967, passt ganz wunderbar. Die Band aus New Mexico/USA verabschiedet sich nach etwa 50 Minuten mit einem krachenden „Whiskey Sue“.

Ganz bewusst international

Günter Wagner, einer der Betreiber des Cafés, stellt bei seiner Begrüßung anlässlich der diesjährigen wirklich sehr breit aufgestellten musikalischen Vielfalt fest: „In Zeiten von geschlossenen Grenzen und zunehmender Fremdenfeindlichkeit setzen wir in diesem Jahr bei unserem Festival bewusst auf ein internationales Programm mit Künstlern aus der ganzen Welt.“

So folgt dem schmutzigen Rock aus den USA die melodiöse und poetische Schlichtheit der sprichwörtlichen Zedern aus dem Libanon. Postcards nennt sich die Band, die auf ihrer Europa-Tournee eine Zwischenstation in Hall macht. Sie sind nicht zum ersten Mal hier. Ihr einfühlsamer Elektropop lässt die zahlreichen Besucher und Zaungäste im Haller Stadtpark zwar nicht in Ekstase verfallen, versetzt sie aber doch in eine melancholische Stimmung, die am ersten kühlen Sommerabend nach gefühlten hitzegeschwängerten Monaten gleich wieder das Bedürfnis nach Nähe und Wärme aufkommen lässt.

Julia Sabra (Gesang, Gitarre, Piano), charismatische Frontfrau des Trios aus dem Libanon, erinnert sich an ihr erstes Konzert im Anlagencafé: „We played inside, it was super hot, I was sweating like hell but it was such a nice gig. I’m happy to be back here outside in the cold.“ Knapp 70 Minuten lang versprühen sie ihre musikalischen Gefühle im randvoll besetzten Garten des „AK“, wie das Café immer noch genannt wird.

Anlagencafé-Mitbetreiber Günter Wagner ist angesichts des Wetterumschwungs am Wochenende zumindest äußerlich sehr gelassen. „Es wird halten“, lautet mit Blick auf den wolkenverhangenen Himmel die Wetterprognose des Betreiberteams. Das Mischpult bleibt ohne Abdeckung. Es wird kalt, aber es hält.

Ein Knaller nach dem anderen

Und es wird, wie versprochen, noch sehr heiß. Erwin & Edwin betreten die Bühne, um in den nächsten 90 Minuten so richtig einzuheizen. Fette Rhythmen verwandeln die Fläche vor der Bühne in eine Freiluftdisco. Unterlegt von Technobeats spielt das Quartett aus Wien mit Blasinstrumenten und einem peitschenden Schlagzeug einen tanzbaren Knaller nach dem anderen. Mit schlicht wirkenden Titeln wie „Moskau“, „Wien“ oder „Paris“ bringen sie das begeisterte Publikum zum Tanzen. Und das Publikum tanzt. Es wird fast jedem heiß, das Wetter hält und die Stimmung ist so entspannt wie selten auf einem Open Air.

Und irgendwie hat man als Besucher des sechsten Festivals in den Ackeranlagen gar nicht das Gefühl, auf einem Festival zu sein. Eher auf einem Fest, auf dem man viele Freunde trifft. Man könnte natürlich auch im Anschluss mit den Künstlern ein Bier trinken gehen. Aber dazu kommt man erst gar nicht. Man träumt bereits vom siebten grandiosen Festival im Haller Stadtpark.

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