Soziales Von Weitermachern und Befreiten

Der Soziologe und Autor Eckart Hammer.
Der Soziologe und Autor Eckart Hammer. © Foto: dddd
Schwäbisch Hall / Von Beatrice Schnelle 08.12.2018
Warum der Ruhestand Männer besonders beunruhigt, und wie sie es vermeiden, ihren Frauen im Weg herumzustehen, erklärt Soziologieprofessor Eckart Hammer im Haus der Bildung.

Wenn sie das Ende des Arbeitslebens ereilt, sind viele Männer arm dran, und das nicht unbedingt finanziell. Sie trauern dem Status hinterher, der Bedeutung als Ernährer der Familie, den klar strukturierten Tagen, den beruflichen Beziehungen, kurz: dem verlorenen Sinn ihres Lebens. Da sie – anders als Frauen, die sämtliche Daseinsfragen mit ihren Freundinnen erörtern können – niemandem zum Ausweinen haben, wähnen sie sich obendrein noch ganz allein auf der Welt mit ihren Problemen.

Eckhart Hammer hat ein Herz für die entthronten Herren der Schöpfung. Der Stuttgarter Soziologieprofessor veröffentlichte bereits vier Bücher zum Thema, die sich prächtig verkaufen, obgleich der Mann an sich nicht zur Ratgeber-Literatur neigt. Möglicherweise sind viele Kunden jene Ehefrauen, denen der pensionierte Gatte, frei nach Loriots berühmtem Weihnachtsgedicht, auf einmal bei des Heimes Pflege den lieben langen Tag im Wege steht. Auch in der Filmkomödie „Pappa ante portas“ verarbeitete der Humorist das persönliche Desaster, mit dem frischgebackene Rentner konfrontiert werden, und das so lustig gar nicht ist: Einsamkeit, Verwahrlosung und Depression können die Folgen sein. Die Gefahr des Alterssuizids sei bei Männern viermal so hoch wie bei Frauen, warnt Hammer bei seinem Vortrag im Haus der Bildung. Gerade mal ein Dutzend Vertreter der Zielgruppe, darunter keine einzige Frau, sind erschienen.

Die neugewonnene Freiheit des Rentenalters verliert rasch ihren Reiz, wie später ein Zuhörer aus eigener Erfahrung bestätigt. Sind erst einmal alle handwerklichen Arbeiten im Haus erledigt, der Keller aufgeräumt, der Garten umgegraben, dräut die Langweile.

Daraus entwickeln sich die vier Ruhestandstypen, die der Professor definiert. Da gibt es den „Weitermacher“, der den Sprung in den Ruhestand einfach nicht schafft, selbst wenn das irgendwann peinlich wirkt. Der „Anknüpfer“ nutzt seine beruflichen Kompetenzen für die Vereinsarbeit, der „Nachholer“ erfüllt sich Jugendträume wie die Weltreise oder das schwere Motorrad, und die „Befreiten“ stürzen sich auf ganz neue, oft gemeinnützige Projekte. Als „drittes Lebensalter, das unsere Großeltern noch nicht kannten“, bezeichnet Hammer die Zeit zwischen dem Alter von 60 und 80 Jahren, in denen der Mann von heute noch voller Energie sei.

Der Eheschwur „Bis dass der Tod euch scheidet“ sei allerdings nicht mehr so leicht einzuhalten, wie zu Zeiten, in denen einer der beiden Partner statistisch mit 50 Jahren starb. Da Ehen im Alter eher schlechter würden, empfiehlt der Experte für den Ernstfall psychologische Beratung. Viagra wiederum suggeriere, Mann müsse mit 70 noch Sex haben wie mit 20. In Wahrheit verändere sich die Erotik im Alter mehr in Richtung Harmonie und Zärtlichkeit. Wer seine Gattin liebe, so scherzt er, müsse sie jedoch verlassen, da alleinstehende Frauen im Durchschnitt älter würden als verheiratete, während es sich bei Männern umgekehrt verhalte.

Von den Freuden des Großvatertums schwärmt der Männerversteher, er ermuntert seine Geschlechtsgenossen, gesund zu leben, Kochen oder ein Instrument zu lernen, in Laienspielgruppen in andere Charaktere zu schlüpfen. Als Mentoren für jüngere Menschen könnten sie Anerkennung erfahren und von den Jungen lernen — vor allem den Umgang mit dem Computer, ohne den man als Senior von der Kommunikation abgehängt sei.

„Wir wünschen uns sehr, dass mehr Männer an unseren Kursen teilnehmen“, teilt VHS-Fachbereichsleiterin Bahar Gözel zum Schluss den Zuhörern hoffnungsvoll mit, und die zeigen sich tatsächlich hoch interessiert. Auch die Broschüre „Haller Markt der Möglichkeiten“, in der Initiativen im Landkreis um Ehrenamtliche werben, nehmen die meisten – wahrscheinlich „Anknüpfer“ und „Befreite“ – mit.

Fachmann für Männerfragen

Eckart Hammer, Jahrgang 1954, wuchs in Stuttgart nach eigenen Angaben in einer weiblich dominierten Welt mit Mutter, Großmutter, Hausmädchen, Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen auf. Er arbeitete in der Sozialpsychiatrie, als Jugendhausleiter, Leiter einer Jugendhilfeeinrichtung, Dozent an der Diakonischen Akademie Deutschland und Organisationsentwickler im Diakonischen Werk Württemberg. Seit 1999 wirkt er als Professor für Soziale Gerontologie, Beratung und Sozialmanagement an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg und leitet die Außenstelle Campus Reutlingen. Außerdem ist er als Coach und Referent für Männerthemen unterwegs. Weil er sich über die gängige Meinung ärgerte, Männer hätten keine Probleme mit dem Altwerden, begann Eckart Hammer, über dieses Thema zu schreiben. In seinem Buch „Unterschätzt — Männer in der Angehörigenpflege“, räumt er mit dem Vorurteil auf, diese Arbeit werde nur von Frauen geleistet.

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