Sein erstes, 2017 beim Gmeiner-Verlag erschienenes Buch hatte der in Schwäbisch Hall lebende Autor Jan Wiechert mit „Böse alte Zeit“ überschrieben. Unter dem mit der „guten alten Zeit“ spielenden Titel hatte er, der im Neuensteiner Schloss im Hohenlohe-Zentralarchiv tätig ist, neun Kriminalfälle ausgebreitet, die sich so tatsächlich in den hohenlohischen Grafschaften beziehungsweise Fürstentümern ereignet hatten. Das Buch erlebte drei Auflagen und hat sich vielfach verkauft.

Nun legt Wiechert mit einem neuen Buch nach, dessen Geschichte er ebenfalls aus den im Zentralarchiv vorliegenden Akten entnommen hat. „Scheidung mit dem Beil“ heißt es und behandelt eine einzige, 1777 vorgefallene Kriminalgeschichte in Langenburg: den Mord am Schmierbrenner Peter Huther.

Er sei auf den Fall schon vor einiger Zeit aufmerksam geworden, stellt der Autor fest. Er sei sehr umfangreich dokumentiert und umfasse „zwei Büschel“ Aktenmaterial, was etwa 1000 Seiten ausmacht: „Und dann habe ich angefangen zu lesen.“

Der gesamte Vorgang der Aufarbeitung der Tat und der Suche nach dem Mörder oder den Mördern habe sich damals über ein Jahr hingezogen, so Wiechert. Beim Studieren der Akten habe sich ergeben, dass ein großer Teil aus Verhörprotokollen von Zeugen und der Ehefrau des Mordopfers sowie ihrem Sohn besteht. Er fand diese Personengruppe besonders interessant, gesteht Jan Wiechert. Bei den Huthers handelte es sich um eine Familie, die als wandernde Schmierbrenner unterwegs war. In den Wäldern stellten diese Schmierbrenner früher aus Holz Wagenschmiere her und verkauften sie dann in den umliegenden Ortschaften.

Genau genommen führten diese gesellschaftlich nicht sehr angesehenen Personen, die noch weniger geschätzt wurden als Tagelöhner oder Söldner, ein halbnomadisches Leben. Die Familie Huther lebte im Winter etwa in ihrer eigentlichen Heimat in Obrigheim. Dort betrieb Huthers Ehefrau Maria Dorothea eine so-genannte Lichtstube, wenn man es großzügig betrachtet im heutigen Sinn eine Art Jugendtreff. Jan Wiechert hielt dazu fest: „In den sogenannten Lichtstuben, Spinnstuben oder Kunkelkammern versammelten sich junge, zumeist ledige Frauen um ein Licht, um gemeinsam der typischen Winterarbeit des Spinnens nachzugehen. Auf diese Weise sparten sie Wachslichter und Brennholz und konnten sich während der monotonen Tätigkeit die Zeit mit Plauderei, Geschichten und Liedern vertreiben.

Den Behörden ein Dorn im Auge

So viel weibliche Geselligkeit lockte freilich auch junge Männer an, die sich gerne in die Versammlung mischten. Entsprechend argwöhnisch beäugten kirchliche wie weltliche Behörden die Lichtstuben, in denen heranwachsende Männer und Frauen unbeaufsichtigt und jenseits der sozialen Kontrolle aufeinandertrafen.“

In der Hutherschen Lichtstube traf nun die von ihrem Ehemann aus Eifersucht sehr oft geprügelte Maria Dorothea auf andere Männer. Mit dem Soldaten Johann Melchior Freund wagte sie gleich zwei Fluchtversuche aus ihrer Ehe und aus Obrigheim. Einen dritten Versuch unternahm sie mit dem Schmierbrenner Georg Reu und einen vierten mit dem Schafknecht Joseph Leonhard, der noch eine bedeutsame Rolle in dem Fall spielen sollte. Immer wieder holte Peter Huther, der zu den Fluchtzeiten meist länger unterwegs war, um mit Wagenschmiere zu handeln, seine Ehefrau zurück. Am Ende hielt sie es mit ihm nicht mehr aus und plante wohl seinen Mord.

Da dazu nur von Maria Dorothea Huther Aussagen vorhanden sind, lässt sich Näheres kaum noch nachvollziehen. Hinzu kam, dass die schließlich Beklagte und am Ende Hingerichtete nur nach und nach ihre – zumindest – Mitwirkung an dem Mord zugab. Der erst 24-jährige hohenlohische Hofrat Carl Heinrich Zeller musste ihr die Wahrheit in den Verhören Stück für Stück entlocken.

Dass man sich am Ende sicher war, dass sie daran beteiligt gewesen sein musste, hing auch mit ihrem, so Wiechert, „filmreifen Fluchtversuch“ aus dem Arrest­raum im Haus des Amtsknechts Leonhard Michael Dörzmann zusammen, mit dem sie letztlich ein indirektes Schuldeingeständnis abgab. Dörzmann wie Zeller sind zwei der Personen, deren Biografie Jan Wiechert großzügig in seinem Buch ausbreitet. Im Grunde sind es jedes Mal Momente des Innehaltens beim Sammeln von Beweisen gegen Maria Dorothea Huther. Und für den Autor ist es auch diese „taffe, manchmal auch am Rande zum Unverschämten stehende Frau, die sich mit Händen und Füßen der Anklage entgegengestellt hat“, die ihn gereizt hatte, aus diesem Kriminalfall ein Buch entstehen zu lassen.

Weitere Werke folgen

Jan Wiechert sieht das Buch auch selbst als eine Art „Zwischengenre“ an. Es gehe um einen Kriminalfall, aber „ich habe das Buch – wie auch das Buch davor – nicht nur geschrieben, damit den Lesern ein wohliger Schauer über den Rücken läuft“. Wiechert fährt schmunzelnd fort: „Wenn dies auch noch eintritt, dann ist es großartig. Aber es geht auch darum, über die regional- und sozialgeschichtliche Betrachtung Wissensvermittlung zu betreiben, aber anders als in einem reinen Sachbuch. Es hat etwas Erzählerisches. Andererseits versuche ich mich aber auch strikt an die Dokumente zu halten. Es hat etwas Populäres, aber es hat auch einen Sachbuchcharakter.“

Dass es nicht sein letztes Buch dieser Art sein wird, steht bereits fest. Schon in Arbeit sei ein Werk über Aberglaube, Spuk und Mystik in der hohenlohischen Geschichte, an dem er zusammen mit Dinah Rottschäfer und Andreas Volk schreibe. Das Buch soll 2019 erscheinen. Für das Folgejahr sei eine Fortsetzung von „Böse alte Zeit“ geplant.

Info Jan Wiechert, „Scheidung mit dem Beil“, erschienen beim Gmeiner Verlag, Meßkirch, 188 Seiten.

Vom Sozialpädagogen zum Archivar


Der 1982 in Riedlingen an der Donau geborene Jan Wiechert absolvierte nach der Schule eine Ausbildung zum Erzieher an der Fachschule für Sozialpädagogik in Schwäbisch Hall. Seit Kindheitstagen interessiert er sich für Geschichte, insbesondere aber seit 2010, als er sich näher mit Archiven zu beschäftigen begann. Erstes Ergebnis war die Mitarbeit an zwei Ortsgeschichtsbüchern. Zu Uttenhofen setzte er sich unter anderem mit den Arbeitern des Steinsalzbergwerks Wilhelmsglück auseinander. In Fichtenberg konnte er erstmals seiner Leidenschaft für Kriminalgeschichte fröhnen: Er verfasste ein Kapitel über den fünffachen Giftmörder Hans Georg Bauer, der 1763 in Gaildorf hingerichtet wurde.

Im Hohenlohe-Zentralarchiv Neuenstein war Wiechert zunächst nur einfacher Nutzer. Vor vier Jahren wurde er von Archivleiter Dr. Ulrich Schludi angefragt, ob er kurzfristig einen Referenten bei einer Genealogentagung vertreten und einen Vortrag über Kriminalakten halten könnte. Daraus entstand eine engere Zusammenarbeit im Bereich Erwachsenenbildung: Lesekurse unter der Bezeichnung „Federlesen“ oder Seminare wie „Ahnenforschung für Ahnungslose“. Schließlich ging daraus eine Projektstelle hervor, die nun seit drei Jahren besteht. snu