Schwäbisch Hall Von rotgoldenen Locken verführt

Schwäbisch Hall / SONJA ALEXA SCHMITZ 29.08.2013
"Soll ich meinen Arm hinten oder vorne rum legen?", fragt Kurt Welz als er und seine Frau fotografiert werden. Er ist für die Witze verantwortlich. Seine Anneliese weist ihn manchmal freundlich in die Schranken.

"Liebe zieht mehr wie zehn Pferde", zitiert Kurt Welz ein altes Sprichwort. Er verließ sein geliebtes Gelbingen, um nach der Hochzeit in die Kreuzäckersiedlung zu ziehen. "Wir bekamen nur eine Souterrainwohnung, weil ich durch meine Hochzeit mit einem Gelbinger mein Wohnrecht verlor," sagt Anneliese Welz. Sie ist eine geborene Sannewald. Aber bevor ihr der Mädchenname einfällt, muss sie erst kurz nachdenken. Immerhin ist es 60 Jahre her, dass sie ihn abgab.

Die 88-Jährige arbeitete als Industriekauffrau bei Ganzhorn und Stirn. "Gasti haben alle gesagt", unterbricht ihr Mann. Er selbst radelte des öfteren zu Gasti, weil er dort für seinen Arbeitgeber, die Haller Druckerei Burkhard, Drucksachen abzugeben hatte. Dem gelernten Setzer und Drucker war die hübsche Frau mit den rotgoldenen Haaren schon damals aufgefallen. Die Gelegenheit zum Kennenlernen ergab sich im Frühjahr 1952 beim Haller Kinderfest. "Auf dem Unterwöhrd standen die Bierbänke. Drucker sind dafür bekannt, keinen Alkohol zu trinken", witzelt Kurt Welz. Er arbeitete mit Anneliese Sannewalds Schwager in einer Firma. Und so kam es, dass sich die beiden, 27-jährig, an diesem Frühlingstag am selben Biertisch wiederfanden. Getanzt haben sie nicht. "Das war ein Sitzfest", sagt Anneliese Welz und lacht über ihre Wortschöpfung.

Ein Jahr später kam die Hochzeit

Nur ein Jahr später haben sie geheiratet. "Wir waren ja spät dran. Ich kam nach fünf Jahren Kriegsdienst aus dem Krieg wieder und hab erst mal Auschau gehalten, was so auf dem Markt ist", sagt der 88-Jährige selbstbewusst. In ihrer Wohnung in der Kreuzäckersiedlung wurde 1955 ihr erster Sohn Karl-Heinz geboren. Fünf Jahre später zogen sie in den Gräterweg und bekamen ihren zweiten Sohn Kurt-Dieter.

Mittlerweile hat das Ehepaar Welz noch zwei Enkel und drei Urenkel dazu bekommen - allesamt Mädchen.

Während Kurt Welz in der Druckerei Leych als Betriebsrat arbeitete, blieb seine Frau daheim und erledigte den Haushalt. "Herr Welz hat seine Frau zuhause haben wollen, die ihm das Essen kocht", sagt Anneliese Welz, die einst gerne einen Job bei der Bausparkasse angenommen hätte.

"Ich konnte mich immer auf meinen Mann verlassen"

Sechzig Jahre sind eine lange Zeit, finden auch die beiden, "Da verschleißen andere Männer vier Frauen", scherzt Kurt Welz. "Ach, jetzt bleib doch mal ernst", mahnt seine Frau. "Für unseren Jahrgang ist das selbstverständlich, dass man so lange zusammen bleibt", sagt sie. "Schön war, dass ich mich immer auf meinen Mann verlassen konnte. Ich wusste, er kann seine Familie ernähren." "Nein, eigentlich hat sie mein Charme überzeugt, und natürlich mein guter Beruf." Wieder erntet er einen Blick von seiner Anneliese. "Ich jedenfalls war ganz angetan von ihren rotblonden Haaren", sagt er nun ernst.

Wenn sie ihre Freizeit nicht mit "einander ärgern" verbringen, dann gehen sie gerne wandern. Das heißt, bis vor zwölf Jahren, als Kurt Weil an beiden Knien Prothesen bekam. Zuvor sind sie jeden Urlaub nach Südtirol gefahren. "Immer in dieselbe Pension - 14 Jahre lang. Ich mag nicht so gerne Urlaubsorte wechseln", so der Ehemann. "Morgens nach dem Aufstehen haben wir unseren Rucksack genommen und sind in die Berge. Abends kamen wir hundemüde und hungrig wieder heim. Das waren schöne Tage", erinnern sich beide mit einem Funken Nostalgie.

Anneliese Welz spielt an ihrer Kette. "Ich habe von meinem Mann oft Schmuck geschenkt bekommen." Erst gestern saß sie im Schlafzimmer ihrer AWO-Wohnung in der Langen Straße, die sie vor einem Jahr bezogen haben, und sah ihre Schmuckschatulle durch. "Das macht sie gern." Ihr Mann schaut sie an, wie man eben einen Menschen ansieht, den man seit 61 Jahren kennt.