Schule Von Eitelkeit, Gier und Wahnsinn

Die jungen Darsteller bei der Aufführung von „König Lear“ in der Aula am Schulzentrum Ost.
Die jungen Darsteller bei der Aufführung von „König Lear“ in der Aula am Schulzentrum Ost. © Foto: privat
Schwäbisch Hall / Sabine Heidenreich 20.06.2018
Die Theater-AG des Gmynasiums bei St. Michael überzeugt an zwei Abenden mit ihrer Interpretation von Shakespears berühmten Werk „König Lear“. Die Leitung hat Myriam Kossak.

Sucht man im Internet nach „König Lear“ von William Shakespeare, um Tipps für eine Besprechung zu erhalten, taucht gleich dreimal die Mittel- und Oberstufen-Theater-AG des Gymnasiums bei St. Michael mit ihrer Ankündigung des Schauspiels auf. Daneben sind Kritiken bekannter Schauspielhäuser. Aber keine Schultheater-Aufführung wird als Besprechung angeboten.

Umso erstaunlicher ist es, dass die jungen Schauspieler sich an dieses Stück um zwei parallel verlaufende Konflikte wagten. Da ist zum einen die Geschichte um König Lear. Alt und amtsmüde möchte er sein Reich unter seinen drei Töchtern Goneril (Ilayda Kohl), Regan (Paula Dürr) und Cordelia (Arjeta Ramabaja) aufteilen. Aber er macht aus der Verteilung ein Spiel, genauer einen Liebestest: „Wer mich am meisten liebt, bekommt das größte Stück Land.“

Eklat im Königshaus

Seine zwei ältesten Töchter umgarnen ihn mit leeren Worten, aber seine jüngste Tochter Cordelia weigert sich, an der Scharade teilzunehmen. Wahre Liebe ist kein Tauschhandel! Es kommt zum Eklat. Die Jüngste wird verstoßen, mit den beiden Älteren geht es auch nicht lange gut. Eine völlig zerstrittene Familie geht aufeinander los.

Der zweite Konflikt dreht sich um die beiden Söhne des Grafen Gloster (Sevim Sen), ein Gefolgsmann des Königs. Der uneheliche Sohn Edmund (Louis Kuschnir) spinnt eine Intrige, um seinen Bruder Edgar (Tim Gehrke), den ehelichen Sohn des Grafen, auszuschalten. Am Schluss endet das Spiel tragödiengerecht mit dem Tod fast aller Figuren.

König Lear ist eine dunkle Tragödie, in deren Fokus Fragen stehen, die die Menschheit schon immer bewegt haben: Der Sinn des Lebens, der Umgang der Kinder mit den Vätern und dem Alten, für das sie stehen. Übrig bleiben ein zerstörtes Reich und zerstörte Menschen, die Krone liegt verwaist auf dem Thron.

Trotz dieser nihilistischen Weltsicht weint keiner im Publikum. Im Gegenteil: Diese moderne Bühnenversion, von den Mitwirkenden zum Teil selbst geschrieben, überzeugt durch ihre komödienhaften Elemente.

Edgar, der für vogelfrei erklärt wurde und sich verstecken muss, mimt den Verrückten, verhüllt und verkleidet sich mit einer blauen Mülltüte, sucht verzweifelt nach einem neuen Namen, bezieht das Publikum bei der Namensfindung mit ein, nennt sich fortan „armer Tom“ und überzeugt mit Wortspielen. König Lear (Sarah Logan), von seinen Töchtern und Schwiegersöhnen (Nicole Ziegler, Cedric Wüst) im Wald ausgesperrt, wird vom Herrscher zum wahnsinnigen Obdachlosen.

Plötzlich vernünftig

Beim Höhepunkt der Handlung kehren sich die Rollen um. Die Narren (Anna Böttcher, Lynne Dörr, Michelle Jantas, André Sperrle, Hannah Wels) erscheinen in chaotischen Heideszenen nicht närrisch, sondern vernünftig. Ihre musikalischen und tänzerischen Einlagen lassen das Publikum vergessen, dass es eine Tragödie sieht. Auch die Fecht­szenen tragen zur komödiantischen Unterhaltung bei, ohne den Sinn des Stücks zu verfälschen. Das moderne, minimalistische Bühnenbild, stellte einen Schrottplatz, Symbol des Verfalls, dar. Die Kostüme der drei Schwestern (Tüllrock, Stiefel und Lederjacke) und die Irokesenfrisur von Edgar waren punkig angehaucht, passend zum Schrottplatz-Ambiente. Im Kontrast dazu trat Edmund in eleganter Kleidung auf, wodurch seine Angepasstheit und Falschheit symbolisiert wurde.

Um unerkannt zu bleiben, verkleidete sich Graf von Kent (Lea Hägele) in einen wilden Löwenmann. Und die mit amerikanischem Akzent verstellte Sprache hielt er lückenlos bis zum Schluss durch. Unterstützt wurde die Atmosphäre mit Livemusik aus dem Zuschauerraum. Maike Piesker (Cello) und Andreas Knoblich (E-Piano und Synthesizer) ließen passend zu Shakespeare klassische Stücke erklingen. Effektvolle Klänge des Synthesizers untermalten die Szenen.

Der Mut, dieses Stück auf die Bühne zu bringen, hat sich gelohnt. Mit Begeisterung und Elan schlüpften alle Mitwirkenden in ihre Rollen, sodass dem Schulleiter Frank Nagel am Schluss nur die Worte blieben: „Diese Schauspieltruppe wird von Jahr zu Jahr besser und wächst immer mehr über sich hinaus!“

Info Sabine Heidenreich, die Autorin des Textes, ist Lehrerin am Gymnasium bei St. Michael.

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