Schwäbisch Hall / Maya Peters  Uhr
Das Ensemble „Toboso“ aus Essen zeigt mit „Lost & Found“ im Neuen Globe in Schwäbisch Hall eine poetische Theaterperformance für Jugendliche und Erwachsene.

Am Anfang war das Ding, nein, waren Dinge. Und ein komplizierter Plan. Auf den schaut der werkelnde Otto (Ivo Schneider) häufig. Er sucht Objekte für seine mechanischen Erfindungen, hämmert, schraubt und gestaltet um.

Das Essener Ensemble „Toboso“ zeigt unter der Regie von Fabian Sattler eine Stückentwicklung im Neuen Globe. Es ist kein Titelstück, das eine Geschichte erzählt. Der (Arbeits-)Titel „Lost & Found“, übersetzt Fundbüro oder „verloren und gefunden“, gibt die Gedankenspiele vor, aus denen mithilfe kurioser Dinge, von Licht, Klängen, Bewegung und verhältnismäßig wenig Text die Szenen entstanden sind. Rahmenmotive, poetische Bilder und vielschichtige Momente verbinden das freie Spiel.

Herausfordernd fürs Publikum

Die sieben Protagonisten zeigen auf der wandlungsfähigen Bühne ihre Sehnsüchte, ihre Unvollkommenheit, ihren Blick auf die Welt. Häufig agieren sie nebeneinander statt miteinander. Dem zu folgen ist für den Zuschauer in der Paral­lelität herausfordernd. Jeder Charakter wird namentlich mit seiner prägnanten Eigenschaft vorgestellt. Jeder hat eine Geschichte, die mit Dingen zu tun hat, die eigentlich keiner braucht. Wählscheibentelefon, Gurken, Plüschtier oder alte Uhr: Sie waren einst wichtig und wurden aussortiert, aber nicht weggeworfen. „Ich war mal wer“, lassen die Schauspieler in einem choreografierten Reigen Objekte sprechen.

Theater Schwäbisch Hall „Lost and Found“: Toboso mit Kindertheater im Neuen Globe

Claas (Moritz Fleiter) ist ein geckiger Geschäftsmann. Am Telefon hört man im Publikum mit, wie er sich inszeniert. „Was ist das alles hier? Das ist doch alles Müll“, merkt er und versucht in der Interaktion die Dinge zu verkaufen, ihnen einen neuen Wert zu geben. Die Flöte gehört zu Sascha (Lisa Balzer), sie schreitet ein. „Das ist meine“, spricht sie. Es stellt sich heraus, dass das Instrument und der Übungszwang ihr Leben beherrscht haben. Ihre Befreiung ist das rauschhafte „Morden“ der Flöte. Lustvoll endet es im Nachklang mit der gemeinsam getanzten Choreografie zu „Under Pressure“ von Queen.

Doch nicht jeder der sieben hat ein Problem mit den Dingen: Resi (Sindy Tscherrig) hat sogar kindliche Freude damit. Sie verwandelt Handschuh und Zange in ein lustiges Huhn, das die von Barbara (Charlotte Kath) aus dem Supermarkt-Müll geretteten Popcorn pickt. Die echauffiert sich über die „rechtlichen Schikanen“, die aus Lebensmitteln Müll werden lassen und kocht mithilfe gefundener Dinge für alle. Eine rote Schmuckschatulle wird im fantasievollen Zusammenspiel von Resi mit „U 18“ (Omar Guadarrama) zum Flugobjekt oder Boot. Dieser entsteigt zuvor in einer slapstickartigen Szene einer Muschel. Wunderbar die Angst, die alle sich mit absurden Objekten bewaffnen lässt. Schön das Echoklopfen mit Timo (Moritz Anthes), der auch mit der Posaune immer wieder Szenen musikalisch deutet und untermalt. „U 18“ ist ein Stellvertreter der Jugend mit einem breiten Deutungsspektrum von Flüchtling, Teenager oder Fremdem. Er hat auf die klassischen Fragen „Wer bist du?“ oder „Was willst du?“ keine Antworten und reagiert anders als die Erwachsenen, provoziert sie damit fast. Er entzieht sich letztlich der Festlegung.

Eine politische Show mit Ohrwurm-Garantie: Das Theater Ulm zeigt das Musical „Evita“ mit einem Großaufgebot an Akteuren. Stürmisches Wetter bei der Premiere, stürmischer Applaus.

Anerkennender Applaus

Das einstündige Stück endet nach dem 18. Geburtstag von „U 18“. Auf der Bühne haben sich die Gegenstände und erwachsenen Figuren in eine große, an Werke Jean Tinguelys erinnernde, mechanische Installation verwandelt. Anerkennender Applaus ertönt nach der nicht ausverkauften Premiere. Die Protagonisten sind Rädchen eines großen, funktionierenden Ganzen geworden, das Otto erfreut betrachtet. „Er könnte auch Gott sein“, merkt Regisseur Sattler im Nachgespräch an. Man tue sich als Ensemble schwer, klare Aussagen zu treffen. Vielmehr wolle man dem Publikum so „Denkangebote“ machen.

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Kulturstiftung fördert Projekt

Auftakt Das von der Kulturstiftung des Bundes geförderte Theatererlebnis „Lost & Found“ wurde von „Toboso“ im Zusammenspiel mit Duisburger Schulklassen entwickelt. In dieser Arbeitsweise soll unter dem Arbeitstitel „Super & Action“ ab Herbst 2019 erneut ein Stück für Jugendliche und Erwachsene entstehen. Die Kooperationen im Recherche- und Probenprozess werden mit Schulkindern der Region gesucht. Die Inszenierung hat dann im Frühjahr 2020 bei den Freilichtspielen Schwäbisch Hall Premiere.