Bäuerliche Erzeugergemeinschaft Slow Food Youth Akademie in Schwäbisch Hall

Schwäbisch Hall / Sarah Niehaus 22.08.2018
25 Nachwuchskräfte der Slow Food Youth Akademie besuchen die Wurstmanufaktur der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft in Schwäbisch Hall.

Der Konsum tierischer Nahrungsmittel ist in den letzten drei Jahrzehnten förmlich explodiert. Insbesondere Fleisch wurde vom Luxus zum Grundnahrungsmittel, Milchprodukte zur Massenware degradiert. Das Tierwohl bleibt dabei oft auf der Strecke. Die Nachwuchskräfte der Slow Food Youth Akademie, ein interaktives Bildungsprogramm von Slow Food Deutschland, setzen sich damit auseinander, warum ein artgerechter Umgang mit Tieren sowie ein maßvoller Genuss tierischer Produkte unausweichlich sind – für das Wohl von Mensch, Tier und Umwelt gleichermaßen.

Azubis und Berufserfahrene

Die 25 Nachwuchskräfte der Slow Food Youth Akademie sind im Alter von 18 bis 35 Jahren. Mit dabei sind Auszubildende, Berufserfahrene und Studierende, ein Großteil von ihnen aus der Gastronomie, der Landwirtschaft und der Lebensmittelbranche. Sie beschäftigen sich an acht gemeinsamen Wochenenden im Laufe eines Jahres mit den Strukturen, den Herausforderungen sowie den Chancen der Nahrungsmittelproduktion.

Kürzlich traf der aktuelle Jahrgang in Kirchberg zusammen. Dort lernten die Teilnehmer, Fleisch- und Milcherzeugnisse aus konventioneller und ökologischer Tierhaltung sowie deren industrielle und handwerkliche Verarbeitungsmethoden zu unterscheiden.

Anita Idel, Tierärztin, Mediatorin und Autorin, stellte die Zusammenhänge zwischen Tierhaltung und biokultureller Vielfalt her. Sie erklärte, dass Rinder nicht per se das Klima gefährden, sondern ihre Haltungsform sowie das Ausmaß des Fleischkonsums mitentscheidend seien.

Idel wies auch auf die hohen Ausgaben hin, die die industrielle Massentierhaltung verursache, ohne dass sich diese auf dem Kassenbon wiederfänden. Als Beispiele nannte sie Kosten für Schäden in der Umwelt sowie für gesundheitliche Folgen für den Menschen. Sie seien unter anderem auf den Antibiotika-Einsatz, den Verlust von Bodenfruchtbarkeit und biologischer Vielfalt sowie die Pestizid- und Nitratbelastung von Böden und Gewässern zurückzuführen.

Woher das Fleisch stammt

Von der Theorie ging es über in die Praxis: Die Teilnehmer machten sich auf eine kleine Reise entlang der Wertschöpfungskette tierischer Produkte am Beispiel von Wurst. Sie besuchten Schweine auf der Weide, besichtigten einen Schlachthof und stellten in der Wurst- und Schinkenmanufaktur der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall (BESH) selber ihre Würstchen für das abendliche Grillen her. „Zu wissen, woher das Fleisch stammt, das ich esse, und unter welchen Haltungsbedingungen es erzeugt wurde, sind für mich die Voraussetzungen für Fleischkonsum“, sagt die Akademieteilnehmerin Marliese Sitter. Die Studentin der Agrarwissenschaften arbeitet als Schäferin und hat gemeinsam mit ihrem Freund die Hirtenliebe GbR gegründet. Sie halten unter anderem 25 Mutterschafe der Rasse Schwarzkopf und 30 Lämmer, die auf Streuobstwiesen weiden.

Ihr liegt das Tierwohl besonders am Herzen. „Bis ich begonnen habe, selber Tiere zu halten, lebte ich lange Zeit vegetarisch. Inzwischen habe ich einen für mich bewussten Umgang mit Fleisch entwickelt. Wenn es das unserer eigenen Tiere ist, verspüre ich eine unendlich große Dankbarkeit dafür“, so Sitter. Sie empfiehlt Verbrauchern, sich im direkten Gespräch mit den Erzeugern schlau zu machen, welche Tiere regional wie gehalten werden und sich dabei möglichst positiv auf den Erhalt von Weiden und Landschaften auswirken. Das kläre in der Regel mehr auf als der Versuch, sich im „Siegel-­Dschungel“ zurechtzufinden.

Von der Wurst ging es zur Milch. In der Dorfkäserei Geifertshofen kosteten die jungen Erwachsenen verschiedene Käsesorten und tauschten sich mit Ton Baars, einem Schweizer Wissenschaftler für Milchqualität und Tierwohl, aus. Viele Verbraucher stehen dem Konsum von naturbelassener Milch skeptisch gegenüber. Slow Food Deutschland setzt sich für einen aufgeklärten Umgang mit und vereinfachten Zugang zu naturbelassener Milch ein.

Für den kühlen Kopf nach all dem neu erworbenen Wissen sollte ein Besuch in der Moo Eismanufaktur von Nina und Klaus Sohl sorgen. Hier entsteht bio- und demeter-zertifiziertes Heumilcheis aus regionalen Biozutaten. Das brachte Marliese Sitter auf neue Ideen: „Vielleicht wird der Traum vom selbst gemachten Schafmilcheis in naher Zukunft sogar wahr.“

Info Die Autorin Sarah Niehaus ist Teil der Slow-Food-Bewegung.

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