Schwäbisch Hall Von der Vergangenheit eingeholt

Unter dem Beifall der Anwesenden überreicht der damalige Oberbürgermeister Karl Friedrich Binder (rechts) am 12. September 1993 die Ehrenbürgerurkunde an Wilhelm Pfeifer. Archivfoto: Ufuk Arslan
Unter dem Beifall der Anwesenden überreicht der damalige Oberbürgermeister Karl Friedrich Binder (rechts) am 12. September 1993 die Ehrenbürgerurkunde an Wilhelm Pfeifer. Archivfoto: Ufuk Arslan
Schwäbisch Hall / BETTINA LOBER 12.09.2013
Er hat sich um Hall verdient gemacht, aber war sehr umstritten: Dr. Dr. Wilhelm Pfeifer. Vor 20 Jahren wurde er zum Ehrenbürger ernannt. Diesen Titel gab er 1994 zurück - nach anhaltender Kritik an seiner Rolle in der NS-Zeit.

Es muss eigentlich ein eher unangenehmer Festakt gewesen sein, damals vor genau 20 Jahren im Haller Rathaus. Vor der Tür standen rund 60 Menschen auf dem Marktplatz, die lautstark protestierten. Drinnen wurde eine Ehrenbürgerwürde verliehen, über die es schon im Vorfeld Diskussionen gab: an Dr. Wilhelm Pfeifer. Es war der Tag vor seinem 80. Geburtstag, an dem er zum neunten Ehrenbürger Schwäbisch Halls ernannt wurde.

Der Gemeinderat hatte beschlossen, Pfeifer für sein jahrzehntelanges Engagement im öffentlichen Leben der Stadt zu danken. 37 Jahre lang gehörte er dem Haller Gemeinderat an, davon war er 26 Jahre als ehrenamtlicher Stellvertreter des Oberbürgermeisters und CDU-Fraktionsvorsitzender aktiv. Beim Festakt ließ der damalige Haller Oberbürgermeister Karl Friedrich Binder das vielfältige Wirken Pfeifers Revue passieren. Ob Historischer Verein für Württembergisch Franken, Verein Alt Hall oder Reit- und Fahrverein Hall - die Liste der Gremien, Institutionen und Vereine, in denen sich Wilhelm Pfeifer eingesetzt hatte, ist lang. 1974 erhielt er das Bundesverdienstkreuz am Bande, 1988 das Verdienstkreuz Erster Klasse. 1981 wurde er mit der Goldenen Rathausmedaille, 1988 mit der Staufermedaille und 1992 mit der Heimatmedaille ausgezeichnet.

Bestimmend für sein Leben sei, wie er selbst einst bekannte, das Gymnasium und die strenge Internatserziehung bei den Jesuiten gewesen. Dort lernte der am 13. September 1913 in Kaiserswalde in Nordböhmen geborene Pfeifer Genauigkeit und Fleiß. 1952 kam er nach Hall, eröffnete eine Anwaltpraxis und wurde 1956 in den Gemeinderat gewählt.

Doch auf der Vergangenheit des promovierten Juristen lagen Schatten. Und die haben die Haller Kommunalpolitik vor 20 Jahren wochen- und monatelang in Atem gehalten. Pfeifer war Mitglied der NSDAP, er gehörte auch der SS an - ein Ehrenbürger mit brauner Vergangenheit? Dagegen formierte sich in Schwäbisch Hall Widerstand.

Dennoch hatte sich der Gemeinderat bei einigen Gegenstimmen entschieden, Pfeifer zu würdigen. Der damalige Alternative-Liste-Stadtrat Günter Hasenfuss hatte dagegen vor Gericht geklagt - ohne Erfolg. Wie geplant, wurde Pfeifer an jenem 12. September vor genau 20 Jahren im Haller Rathaus mit der Ehrenbürgerwürde geehrt. Mit Flöten, Trillerpfeifen, Sirenen und Glocken machten die Gegner auf dem Marktplatz ihrem Ärger Luft. Flugblätter wurden verteilt und sogar ein schwäbisch-hällisches Schwein zur "Ehrensau" gekürt, wurde damals im Haller Tagblatt berichtet.

Die Wogen um die Ehrenbürgerschaft glätteten sich nicht. Eine Anfrage der Gegner beim Bundesarchiv hatte im Februar 1994 ergeben, dass sich in den Unterlagen des Berliner Document Centers ein handschriftlicher Lebenslauf Pfeifers von 1940 befinde. Darin hatte er diverse Mitgliedschaften angegeben. Die "unbewältigte Vergangenheit" holte ihn ein.

Als ehrgeiziger Student in Prag und vor allem nach dem Einmarsch der Truppen Nazi-Deutschlands in die Tschechoslowakei als Referent für Hochschulförderung beim Deutschen Studentenwerk Prag, dann als Magistratsoberkommissär der Prager Stadtverwaltung und schließlich als Mitarbeiter des Staatssekretärs beim damaligen Reichsprotektor für Böhmen und Mähren war er verschiedenen NS-Formationen beigetreten. Deren Mitgliedschaft stritt er aber später immer energisch ab.

Am 1. März 1994 teilte Wilhelm Pfeifer dem Haller OB mit, dass er das Ehrenbürgerrecht zurückgibt - kurz bevor die von der Stadtverwaltung angeforderten Berliner Unterlagen zu seiner Vergangenheit vor und während der NS-Zeit im Haller Rathaus eintrafen. Pfeifer ziehe damit die Konsequenzen aus der für ihn unerträglich gewordenen Situation, teilte die Stadtverwaltung damals mit und zitierte aus Pfeifers Brief: "Ich hoffe dadurch zu erreichen, daß wieder Ruhe einkehrt und daß alle Belästigungen aufhören und wieder einigermaßen Frieden herrscht, den wir zur Bewältigung der Zukunft alle so notwendig brauchen."

Wenige Wochen vor seinem 86. Geburtstag starb Dr. Dr. Wilhelm Pfeifer am 25. Juli 1999.

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