Schwäbisch Hall Waldkindergarten: von der Natur lernen

Gemeinsam mit den Kindern untersucht Monika Paul die Wasserlinsen im Aquarium.
Gemeinsam mit den Kindern untersucht Monika Paul die Wasserlinsen im Aquarium. © Foto: Bettina Lober
Schwäbisch Hall / Bettina Lober 08.06.2018
Seit 20 Jahren gibt es den Haller Waldkindergarten. Monika Paul hat die Einrichtung 1998 mit auf den Weg gebracht.

Schon von Weitem ist das vergnügte Kinderlachen bei der kleinen Breiteiche zu hören. Im Morgenkreis um Erzieher und Kindergartenleiter Frederik Gigler werden Lieder gesungen, und dann geht’s ans Spielen: schnitzen, buddeln, bauen, basteln, beobachten – die Kleinen finden ringsum ungezählte Spiel- und Beschäftigungsmöglichkeiten. Nebenbei helfen einige Kinder der Erzieherin Isolde Hemme, auf Baumscheiben mit Moos und gebastelten Tieren kleine Landschaften zu gestalten – der Tischschmuck für Samstag.

Längst ist der Haller Waldkindergarten aus dem Kindesalter raus. Er ist erwachsen geworden – nämlich 20 Jahre alt. Das wird am Samstag rund um die Schutzhütte im Wald bei der kleinen Breiteiche mit einem Tag der offenen Tür gefeiert. Mit einem „Sofa“ aus Reisig, einer kleinen Hütte aus Stecken als „Mobiliar“ und acht Buben und Mädchen ging der Waldkindergarten im Mai 1998 an den Start. Mittlerweile ist daraus eine Erfolgsgeschichte geworden: Rund 40 Kinder werden in zwei Gruppen betreut, die Warteliste ist lang. Früher bot ein Bauwagen Schutz vor Nässe und Kälte, seit Sommer 2013 hat der Waldkindergarten eine eigene Hütte mit zwei Gruppenräumen.

Der Trick mit den Brennnesseln

Dass der Haller Waldkindergarten vor 20 Jahren gegründet wurde, ist auch der Haller Erzieherin Monika Paul zu verdanken. Die 67-Jährige ist noch heute regelmäßig im Waldkindergarten – auch in Obersontheim oder in Gaildorf – um den Kindern von der Entwicklung von Schmetterlingen oder über verschiedene Käfer zu erzählen.

„Du, Frau Paul, wie fasse ich eine Brennnessel an, sodass es nicht brennt?“, fragt ein Bub im Vorbeigehen. Unten am Stängel fest anfassen und von unten nach oben streichen. Der Junge läuft zu den anderen Kindern und gibt das eben Gehörte gleich stolz weiter.

Das erfüllende Spielen und Entdecken im Wald kennt Monika Paul aus ihrer eigenen Kindheit in Gottwollshausen. „Unser Aktionsradius war groß, heimlich ging der bis zur Geyersburg“, erzählt die 67-Jährige mit einem spitzbübischen Lächeln. Hier eine Klinge, dort ein Dachsbau, das Geflatter und Summen der Insekten, die blühende Vielfalt der Natur: „Da war Fülle und Freiheit“ – obwohl die Gesellschaft der 50er-Jahre nicht gerade von Offenheit geprägt gewesen sei.

In den 70ern sei das Thema Bildung in den Kindergärten forciert worden. Umwelterziehung wurde ein Thema, „aber mit einem problemorientierten Ansatz“, berichtet Monika Paul von ihren Erfahrungen. Dabei habe sie aber beobachtet, „wie die Kinder aufblühten, wenn sie mit Tieren und Pflanzen zu tun hatten“. Später rückte das Erlebnis mehr in den Fokus: „Rucksackschulen und Umweltzentren wurden gegründet, „da lag etwas in der Luft“, schildert sie die Stimmung jener Zeit. Schließlich habe sie erfahren, dass es in Skandinavien Waldkindergärten gebe, erzählt Monika Paul. Rund 60 Briefe hat sie geschrieben, an die schwedische, dänische und norwegische Botschaft sowie an andere Einrichtungen. „Das kann man sich heute kaum vorstellen, Internet gab es damals nicht.“

Unabhängig von Monika Pauls Recherchen hat Professor Dr. Reiner Blobel die Idee auch in den Haller Gemeinderat eingebracht. Blobel war vom Thema Waldkindergarten fasziniert, sei er doch selbst als „Waldkind“ aufgewachsen, wie er erzählte. Vorerst wollte die Stadt das Experiment nicht wagen. Doch Blobel und Paul konnten zunächst die Naturfreunde als Träger gewinnen. Am 1. Mai 1998 wurde der Waldkindergarten aus der Taufe gehoben. Inzwischen wird der Kindergarten vom Verein Abenteuer Natur getragen.

Auch 20 Jahre später erfüllt es Monika Paul mit großer Freude, wenn sie die Kleinen im Waldkindergarten besucht: „Sie haben so ein Strahlen in den Augen. Und wenn ich sehe, mit welcher Neugier sie graben und schaffen, ist das einfach schön.“

Tag der offenen Tür im Waldkindergarten

Mit Aktionen für Groß und Klein möchte der Haller Waldkindergarten am Samstag bei einem Tag der offenen Tür von 11 bis 16 Uhr sein 20-Jahr-Bestehen feiern. Mit von der Partie sind unter anderem der Liedermacher Hans Spielmann und eine Märchenerzählerin. Geboten werden auch Naturrätsel, Kinderschminken, ein Barfußpfad, Lehmbilder, Waldführungen und vieles mehr. Weitere Informationen gibt es im Internet auf
www.waldkindergarten-sha.de.

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