Schwäbisch Hall Von der DDR bis nach Griechenland

Schwäbisch Hall / HANS KUMPF 06.11.2013
2009 hatte Hagen Kälberers Film über den Trompeter Chet Baker (1929-1988) im Kino im Schafstall Weltpremiere. Nun gab es dort eine Vorpremiere - samt dem Hauptdarsteller: Günter "Baby" Sommer aus Dresden.

Drei Wochen vor dem ihm gewidmeten Jazz-Wochenende kam der weltweit tätige Drummer und Komponist Günter Sommer kurz von der Elbe an den Kocher, um seinen Portraitfilm "Als Mensch ein Solist" zu präsentieren. Diesen will ein Hamburger Vertrieb im zweiten Quartal 2014 auf den Markt bringen - deshalb handelte es sich bei der Vorführung im Kino im Schafstall noch um eine Vorpremiere.

Günter Sommer, der in Anlehnung an den Louis-Armstrong-Rhythmus-Mann Baby Dodds, meist auch "Baby" genannt wird, brachte aus der sächsischen Hauptstadt Nanina Bauer mit. Sie betreibt gemeinsam mit ihrem Mann Peter die Filmproduktion Studio Klarheit. Spezialität dieser Firma sind "Menschengeschichten" - und da hat Günter Sommer viel zu bieten. So viel, dass viele Erlebnisse und Aktionen des musikalischen Kosmopoliten gar nicht berücksichtigt werden konnten. Etwa seine feinfühligen und kommunikativen Kooperationen mit japanischen, italienischen und brasilianischen Musikern.

Gesammeltes und Gebasteltes wird zum Instrument

Im Film wird bewusst auf Erklärungen aus dem "Off" verzichtet. Günter Sommer spricht für sich selbst. "Zunehmend wurde er lockerer. Am Anfang war es ein Film über Günter Baby Sommer, am Schluss ein Film mit Baby Sommer", freut sich Nanina Bauer, die als Kamerafrau mitwirkte. Man lernt Sommer als glänzenden Stimmenimitator kennen, wie er seine drei Kollegen vom "Zentralquartett" verulkt und sich auch selbst auf die Schippe nimmt. Die aufmüpfigen vier des DDR-Jazz fanden vor 40 Jahren zusammen. Senior der Gruppe ist Saxophonist Luten Petrowsky (80), auch Posaunist Conny Bauer und Pianist Uli Gumpert (68) galten im real-sozialistischen Jazzleben als avantgardistische Protagonisten ihrer Instrumente. Übrigens: Am 23. November geben sie in Hall ein Konzert. Am gleichen Tag tritt Günter Sommer in der Hospitalkirche mit seiner Flöte spielenden Ehefrau Katharina Hilpert auf. Auch sie war am Freitag bei der Film-Vorpremiere in Hall dabei.

Musikprofessor Sommer erklärt im Filmoriginalton selbstbewusst, wie er das Schlagzeug emanzipiert und es aus "der zweiten Reihe nach vorn geholt" habe. Auch mit dem Schlagzeug könne man ein Solokonzert geben, seine "Hörmusik" führte er 1980 in der Westberliner Philharmonie hinter textilen Vorhängen auf. Schon damals hatte er ein reichhaltiges Arsenal teils unorthodoxer Instrumente aufgereiht: Gesammeltes und Selbstgebasteltes sowie Pauken, Röhrenglocken und ein riesiges Tamtam.

Als Günter Sommer 2008 in Kommeno konzertierte, erfuhr er, dass in dem griechischen Dorf die deutsche Wehrmacht 317 Menschen bestialisch abgeschlachtet hatte - dies geschah am 16. August 1943, neun Tage, bevor er selbst das Licht der Welt erblickte. "Alles was ich geben kann, ist Musik", sagte der schockierte Künstler und komponierte die "Songs for Kommeno". Die Überlebenden seien schwer traumatisiert und schilderten die Geschehnisse, als seien diese erst gestern passiert, berichtet Sommer in Hall.

Der Perkussionsmeister aus Deutschland wurde vom griechischen Bürgermeister als ehrlicher und guter Mensch erkannt, erhielt sogar die Ehrenbürgerwürde Kommenos. Bei der dortigen Uraufführung seines Werkes beteiligt sich die 80-jährige Überlebende Maria Labri und schildert in einem Lamento den Tag des Schreckens. Wenn die "Songs for Kommeno" am 22. November in Hall erklingen, wird ihr Klagegesang per CD eingespielt.

"Das also war der Film über das Leben von Baby Sommer", meinte Organisator Dietmar Winter nach der herzlich beklatschten Filmvorführung. "Noch bin ich ja da", erwiderte unter vielen Lachern flugs sein vitaler Freund aus Dresden.

Erleben kann man ein Wochenende mit Günter Sommer vom 21. bis 23. November in der Hospitalkirche. Im benachbarten Goethe-Institut präsentiert sich Sommer auch als Zeichner und Maler - zudem sind dort Fotos und Plattencover des Schlagzeugers zu sehen.

www.jazzclub-hall.de

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