Freilichtspiele Von der Ambivalenz der Gefühle

Nachdem er jahrelang selbst als Darsteller aktiv war, arbeitet Christopher Tölle mittlerweile vor allem hinter der Bühne.
Nachdem er jahrelang selbst als Darsteller aktiv war, arbeitet Christopher Tölle mittlerweile vor allem hinter der Bühne. © Foto: Privat
Schwäbisch Hall / Iris Simon 13.02.2018

Christopher Tölle  ist ein vielbeschäftigter Mann. Zwischen Schwäbisch Hall und Berlin pendelnd, absolviert er momentan ein straffes Programm aus Terminen, Besprechungen und Interviews. Nicht zu vergessen, dass die Castings für die Tänzer des Musicals gerade erst abgeschlossen und kleinere Rollen in „Saturday Night Fever“ immer noch unbesetzt sind. Und dann ist da noch das demnächst anstehende Projekt mit Moritz Bleibtreu und Heike Makatsch in den Hauptrollen. Das Musical „Ich war noch niemals in New York“ soll als Film in die Kinos kommen, und Christopher Tölle soll für die Choreografie verantwortlich sein. Augenzwinkernd und etwas verschwörerisch fügt er hinzu, dass er mehr noch nicht sagen dürfte.

Discofeeling auf der Treppe

Trotz seines vollen Terminkalenders wirkt Christopher Tölle entspannt. Lässig stützt er seinen rechten Arm auf die Stuhllehne und blickt auf die Große Treppe der Haller Michaelskirche. Dort soll am 30. Juni die Premiere von „Saturday Night Fever“ sein. Ein Musical, basierend auf dem gleichnamigen Film von John Badham, mit dem John Travolta als Tony Manero seinen großen Durchbruch feierte. Ein Musical, in dem sehr viel und auf hohem Niveau „Disco“ getanzt wird.

„Die Treppe ist als Bühne durchaus eine besondere Herausforderung. Doch heutzutage wird unter weitaus schlimmeren Bedingungen getanzt“, meint Tölle. „Es wird auf Schiffen und Baugerüsten getanzt, im Wasser, unter Wasser.“ Die Treppe sehe er nicht als Hindernis, sondern vielmehr als Möglichkeit. Außerdem sind ihm die Stufen vor St. Michael durchaus bekannt: Im vergangenen Sommer hat er dort die Choreografie für „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“ gestaltet.

„Wir sind hier open air auf einem Marktplatz mitten in der Stadt. Natürlich möchte ich tolle Choreografien auf der Bühne sehen, ich möchte ein tolles Bühnenbild, tolle Musik, die schönsten Kostüme und die besten Darsteller haben, die ich bekommen kann, doch in erster Linie möchte ich eine Geschichte erzählen“, erklärt der Künstler. „Da wäre ich ja dumm, wenn ich mir diese Kulisse nicht zunutze machen würde.“

Dass sich der Berliner Choreograf und Regisseur ausgerechnet für die Musicaladaption des Disco-Spektakels aus den 70er-Jahren verpflichten ließ, ist kein Zufall. „,Saturday Night Fever‘ war das allererste Musical, das ich mir je angeschaut habe, und ich habe es nie vergessen“, erzählt Tölle. Als aktiver Darsteller habe er einmal selbst für die Rolle des Tony Monero bei einer Produktion des Musicals vorgesprochen. „Ich bin damals leider nicht genommen worden, doch durch das Angebot der Haller Freilichtspiele kann ich jetzt meine eigene Inszenierung machen.“

Der Film und das daraus entwickelte Musical würden laut Christopher Tölle jedoch oft inhaltlich unterschätzt. „Die Musicalfassung war lange Zeit glattgebügelt. Dabei geriet der sozialkritische Aspekt des Films sehr in den Hintergrund“, so Tölle. „Der Film zeigt die tatsächlichen Probleme der jungen Menschen von damals. Es geht um Abtreibung, Vergewaltigung, Arbeitslosigkeit, die Konflikte zwischen Schwarz und Weiß. Gleichzeitig gibt es da diesen Club, in dem die Jugend feiern geht, um eben dieser Realität zu entkommen.“ Gerade diese Ambivalenz der Gefühle, die Zerrissenheit zwischen Traum und Wirklichkeit, Sehnsucht und der Tristesse des Alltags – das reizt Tölle an seiner Arbeit. „Dieses Spannungsverhältnis bei der Produktion herauszukitzeln, das ist das Spannende am Musical. Es geht eben nicht allein um ein oberflächliches Tanzmusical in dem alles heile Welt ist, sondern auch um die ernste Themen.“

Unterhaltung als Balanceakt

Über diese ernsten Worte muss der 37-Jährige dann selbst etwas schmunzeln. Es sei ein Balanceakt, doch letztlich solle es trotzdem Unterhaltung sein und kein „Zeigefinger-Theater“, wie er es selbst nennt.

Bei der Frage, ob er nicht sehr hohe Ansprüche an sich und sein Team stelle, winkt Tölle lachend ab. „Ich habe immer hohe Erwartungen an mich selbst, das ist eben so. Doch ich sage immer: Ein Neurochirurg der am offenen Hirn arbeitet, leistet weitaus mehr. Am Ende des Tages tanzen, singen und klatschen wir, und manchmal schmeißen wir noch die Beine hinter den Kopf.“ Dieses lockere Selbstverständnis erklärt vermutlich auch Tölles entspannte Haltung zu seinem momentan eigentlich stressigen Alltag. „Wenn alles schiefläuft, Treppen steigen kann letztlich eigentlich jeder.“

Große Leidenschaft für Musicals

Christopher Tölle, 1980 in Brüssel geboren, ist ein deutscher Choreograf und Musicalregisseur. Nach seiner Ausbildung zum Musicaldarsteller von 2001 bis 2003 an der Stella Academy in Hamburg war er bis 2008 in dem Musical „Tanz der Vampire“ im Theater Neue Flora in Hamburg und im Theater des Westens in Berlin zu sehen. Parallel dazu spielte er in „Die Rocky Horror Show“ und war Tänzer in der Stage Entertainment Tournee „Best of Musicals“ 2004 und 2006. Außerdem war er in einer Reihe von Musicals in Hamburg und Stuttgart zu sehen. Seit 2008 arbeitet Tölle als freier Choreograf und Regisseur und war für zahlreiche Produktionen verantwortlich, darunter „West Side Story“ am Opernhaus Wuppertal 2015, „Frau Luna“ im Tipi am Kanzleramt Berlin 2016 und für die Tournee 2017 des Musicals „Hairspray“.