Glauben Ex-Bischof Zollitsch betont Werte und Würde

Robert Zollitsch spricht am Freitagabend im Musiksaal im Haus der Bildung in Schwäbisch Hall.
Robert Zollitsch spricht am Freitagabend im Musiksaal im Haus der Bildung in Schwäbisch Hall. © Foto: Ufuk Arslan
Schwäbisch Hall / Traugott Hascher 13.11.2017
Der einstige Vorsitzende der Bischofskonferenz Robert Zollitsch ist Gast beim Religionsgespräch von VHS, evangelisches Kreisbildungswerk und katholische Erwachsenenbildung.

Als bescheidenen Menschen habe er Robert Zollitsch kennengelernt, so Marcel Miara, Fachbereichsleiter der Volkshochschule, am Freitagabend im Haus der Bildung. Dass 2017 ein zweites Religionsgespräch stattfände, sei außerordentlich. Der Abend ist dem einstigen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz gewidmet. Miara bezeichnet ihn als „Brückenbauer“, in diesem Sinne sei er ein „Pontifex Maximus“. Zartes Schmunzeln ist in der Hörerschaft zu vernehmen.

Das unter dem Titel „Der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein – Werte von denen wir leben“ stehende Referat des Erzbischofs lässt dann in der Tat sowohl die Eigenschaft des brückenhaften Vermittelns und der Bescheidenheit beim Vortragenden erkennbar werden. Allerdings auch die der Klarheit. Es ist das vom Emeritus immer wieder benutzte Begriffspaar der „zentrifugalen Kräfte“, das sich wie ein roter Faden durch seine Erörterungen hindurch zieht.

Es geht um die Würde

Verlautbarungen wie „America first“ oder „Geiz ist Geil“ stünden als Ausdruck eines gesteigerten gesellschaftlichen Autismus’ und Egoismus’ - einschließlich eines wachsenden Nationalismus’. „Wir müssen Fragen stellen, die über den Tag hinausweisen. Es geht um den Menschen und seine Würde. Wir haben uns unser Leben nicht selbst gegeben. Jeder hat sein Leben empfangen.“

Dies gelte ebenso für die Städte und Europa. Papst Franziskus sähe Europa als Familie. Und eine Familie definiere sich nicht durch Grenzen sondern durch das Miteinander, so Zollitsch. Die europäische Völkerwanderung lehre: „Wenn wir Mauern bauen, wird es noch schlimmer.“ Wenngleich Wettstreit und Konkurrenz nötig seien, lebe Europa nicht in erster Linie von der Wirtschaft. „Der Markt bedarf der Moral, er bringt keine Werte hervor.“ Egoismus zerstöre das Gemeinwohl.

Von der antiken Welt her bestünden Werte, die uns noch heute prägten. Jesus habe den Aussätzigen, den Obdachlosen, den Hungrigen, den Durstigen in die Mitte gestellt. „Schenken und Beschenken machen den Reichtum der Menschen aus (…) unsere Gesellschaft lebt vom Sauerstoff der Werte.“ Damit kommt Zollitsch auf die Subsidiarität und Solidarität zu sprechen. Beide „setzen die Wahrnehmung der Verantwortung voraus.“ Ein wahrer Patriot wolle das Wohl seines Landes niemals auf Kosten eines anderen Landes erwirken.

Dass im Haller Stadtnamen das Schwäbische vorkomme, sei Beispiel einer gelungenen Symbiose des Schwäbischen und des Fränkischen, zumal Hall zuvor nur fränkisch gewesen sei. Auch die Große Treppe begreift Zollitsch als Symbiose aus Kultur und Religion zum Wohle der Stadt.

„Die Angst vor dem Fremden ist dort am größten, wo es am wenigsten Fremde gibt“, gibt er zu bedenken. Eine Gesellschaft, die sich abschotte, sei „keine Kulturgesellschaft, sondern eine sterile Gesellschaft“. Würde, Freiheit, soziale Gerechtigkeit seien „Gütesiegel vom Anfang bis heute“.

Ohne eine Wertegesellschaft gäbe es keine Rechtsgesellschaft. Das Christentum stehe dem Kapitalismus gelassen gegenüber. Es bedürfe einer sozialen Marktwirtschaft – einer „Kultur des Maßes“. So sei der Schutz der Sonn- und Feiertage Ausdruck eines „kollektiven Gedächtnisses“, um den Menschen nicht auf ein Konsumentendasein zu reduzieren.

Nach dem Vortrag, musikalisch einfühlsam umrahmt von Kyoko Panter (Klavier) und Maike Piesker (Cello), folgt die von Miara moderierte Fragerunde, in der ersichtlich wird, dass der Geistliche nach wie vor gut vernetzt ist. Begegnungen mit Bischöfen oder der Kanzlerin mögen dies belegen. Mit Letzterer habe er auch über ihre „Wir schaffen das“-Aussage gesprochen. „Sie sieht das auch differenzierter“, lässt er mit Blick auf eine gelingende Umsetzung im Umgang mit Flüchtlingsfragen wissen. Sein unmissverständliches Plädoyer: „Die Zukunft liegt in dem Gemeinsamen.“

Zur Person

Robert Zollitsch wurde am 9. August 1938 in Philippsdorf im ehemaligen Jugoslawien geboren. In Mannheim ist er aufgewachsen. Von 1960 bis 1964 folgten das Studium der Theologie in Freiburg und München sowie die pastoral-praktische Ausbildung im Priesterseminar St. Peter. Er wurde am 27. Mai 1965 in Freiburg zum Priester geweiht. Am 16. Juni 2003 ernannte Papst Johannes Paul II. ihn zum Erzbischof von Freiburg. Sein Wahlspruch lautet: „In fidei communione“ (In der Gemeinschaft des Glaubens). Von Februar 2008 bis März 2014 war Zollitsch Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. th