Schwäbisch Hall Vom Gefängnis in die Druckerei

Schwäbisch Hall / MARCUS HAAS 07.11.2014
Es geschah vor 75 Jahren, aber Reiner Mahl erinnert sich, als sei es gestern gewesen: Der Häftling Karl Erhard kam täglich zur Arbeit in die elterliche Druckerei. ABC-Schütze Mahl baute unbefangen Kontakt auf.

"Je älter man wird, desto mehr erinnert man sich an Dinge, die lange zurückliegen", sagt der 80-jährige Reiner Mahl in seinem Büro in der Druckerei Mahl im Aschenhausweg. Er zeigt ein Foto, das in die Zeit um das Jahr 1940 zurückführt, in der die Druckerei der Familie Mahl noch ihren Standort in der Gelbinger Gasse hatte. Das Gebäude war lediglich durch den Badtorweg von der Gefängnisanstalt getrennt. Diesen Weg nahm Karl Erhard morgens für mehrere Jahre, um in der Druckerei mitzuarbeiten. Nicht allein - ein Justizwachmeister brachte ihn hin und holte ihn abends wieder ab.

Reiner Mahl ging damals in die erste Klasse der Volksschule am Langen Graben. Kontakt zu dem Mitarbeiter entstand. "Er zeigte mir, wie ich meinen Namen aus Bleibuchstaben zusammensetzen und in einer Druckmaschine drucken konnte. Stolz zeigte ich meinen Schulkameraden meine gedruckten Schulheftschilder", erinnert sich Reiner Mahl an einen kräftigen und zurückhaltenden Mann und erzählt von dessen Schicksal.

Karl Erhard war 1939 zu Gefängnis verurteilt worden, weil "er angeblich gestohlen und geraubt hatte. In Wirklichkeit war er eingesperrt worden, weil er in einer Stuttgarter Druckerei illegal für kommunistische Ideen agitiert hatte", macht Mahl deutlich. Erhard wurde in die Gefängnisanstalt am Kocher in Schwäbisch Hall eingeliefert. Zu der Zeit war der einzige Schriftsetzer-Gehilfe der Druckerei Mahl zum Militärdienst einberufen worden. Erwin Mahl, der Vater von Reiner Mahl, wurde 1937 als Gefreiter zur Wehrmacht eingezogen, hatte aber die Vergünstigung, dass er zum Bürodienst im hiesigen Wehrmeldeamt herangezogen wurde. "Er war quasi Beamter in Wehrmachtsuniform und kam mittags zum Essen und nach Dienstschluss nach Hause", so Mahl. Karl Erhard war gelernter Schriftsetzer und wurde dem Unternehmen zugeteilt. Gemeinsam mit Erwin Mahl und dessen Vater Oscar Mahl hielten die drei in der Zeit den Firmenbetrieb am Laufen.

Sein Essen brachte der Häftling in einem Militär-Kochgeschirr mit, und "meine Mutter wärmte es ihm in der Mittagspause auf, reicherte es ihm auf einem Teller mit Gemüse und etwas Fleisch an", erzählt Reiner Mahl.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Karl Erhard als politischer Gefangener aus dem Haller Gefängnis befreit. Erhard ging nicht in seine Heimat Stuttgart zurück, sondern blieb in der Kocherstadt, wo er heiratete, "bis Ende 1950 als freier Mensch als Schriftsetzer in unserer Druckerei arbeitete und mithalf, die Firma zusammen mit meinem Großvater über eine schwierige Zeit hinwegzubringen", sagt Reiner Mahl, der später gelegentlich bis zu dessen Tod Kontakt zu Karl Erhard hatte. Reiner Mahl erzählt dieses Stück Firmengeschichte vor allem, weil er "die heutige Generation darauf aufmerksam machen möchte, was es früher alles gab", als er jung war. Die Druckerei Mahl wird in der vierten Generation der Familie geführt. Der 80-Jährige kommt heute noch jeden Tag in die Druckerei, in der heute zu 80 Prozent Haftetiketten (eine Milliarde pro Jahr) hergestellt werden und die sein Großvater Oscar Mahl vor rund 175 Jahren in Hall gekauft hat. Reiner Mahl vergleicht als Controller Aufträge, sucht persönliche Gespräche mit den 100 Beschäftigten, die er alle beim Namen kennt.

Zur Person vom 7. November 2014

Reiner Mahl wurde am 20. Januar 1934 in Schwäbisch Hall geboren. Dort wuchs Reiner Mahl auch auf und wohnt er heute noch. Er hat mit seiner Frau Karin vier erwachsene Kinder und die beiden freuen sich über sechs Enkel. Er machte Abitur am Gymnasium bei St. Michael und absolvierte eine Ausbildung zum Drucker und Setzer in der elterlichen Druckerei Mahl, die von seinem Großvater Oscar Mahl 1829 in Hall gegründet wurde. Danach studierte er Jura und Publizistik in Heidelberg und Berlin, wo er einer der ersten Studenten an der Freien Universität Berlin war. Der unerwartete Tod seines Vaters Erwin Mahl im Alter von 54 Jahren zwang ihn zum Abbruch des Studiums und zum Einstieg in die Druckerei. Auch in der Stadt Hall war Reiner Mahl vielfach aktiv. Er war unter anderem Erster Hofbursche des Großen Siedershofes und ist heute noch im Haalrat der Haller Siederschaft. Er saß über zwei Jahrzehnte als Vorsitzender der FDP im Haller Gemeinderat, war aktiver Leichtathlet, Handballer und Vorsitzender der Sportfreunde, als sie Fußball in der Oberliga spielten. Mahl sitzt seit über 40 Jahren im Verwaltungsrat der Sparkasse, war Gründungsmitglied des Gewerbevereins, engagierte sich unter anderem bei den Rotariern, im Freundeskreis der Haller Bürgerstiftung. Für sein vielfaches Engagement bekam er die Wirtschaftsmedaille des Landes und die Theodor-Heuß-Medaille.

CUS

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