Schwäbisch Hall Vom Aschenputtel zum Schmuckkästchen

Schwäbisch Hall / ALBRECHT BEDAL 29.11.2014
Vor 20 Jahren wäre es fast der Abrissbirne zum Opfer gefallen. Bauhistoriker erkannten den Wert des Gebäudes in der Pfarrgasse 9 und erhielten es.

Die Pfarrgasse bildet nach dem ersten engen Schlund einen kleinen Platz vor dem ehemaligen Dekanat. Dort in einer Ecke hineingedrängt steht die Nummer 9, ein unscheinbares Haus mit seiner verputzten Fassade. An ihm fallen drei Dinge schon von außen auf: Einmal die historischen Fenster aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert, die hier nicht durch moderne dicke Rahmen das Auge beleidigen, sondern liebevoll erhalten wurden und zu Kastenfenstern umgebaut wurden. Zum anderen ist es die einfache Haustürüberdachung aus Glas mit einer zurückhaltenden Stahlkonstruktion, die zeigt, dass das Haus durchaus eine zeitgemäße Wohnqualität besitzt und dass sich Altes und Neues gut vertragen können. Und das Dritte fällt erst bei genauem Hinschauen auf - die Dachneigung des Giebels ist auf den beiden Seiten unterschiedlich - links ist sie deutlich steiler als rechts. Das hängt mit einem Umbau von vor über 600 Jahren zusammen, als das Nachbarhaus - die heutige Nummer 7 - im Jahr 1388 neu errichtet und dafür eine Hausecke der Nummer 9 abgeschnitten wurde. Das Haus Pfarrgasse 9 stand damals schon fünfzig Jahre. Seitdem ist das Dach am Straßengiebel ungleich.

Die Pfarrgasse 9 gehört damit zu den ältesten erhaltenen Bürgerhäusern der Stadt überhaupt. Diese Erkenntnis ist allerdings recht jung - noch um 1990 galt es als kaum sanierungsfähig und war einem Abbruch ziemlich nahe. Bei Innenbegehungen durch einen Bauhistoriker kamen erstaunliche Ausstattungsdetails zu Tage: eine Bohlenstube im Obergeschoss mit einer hölzernen Spundecke, Bemalungen auf Fachwerk und Verkleidung, eine urtümliche Fachwerkkonstruktion, die es so nur im 13. und 14. Jahrhundert gegeben hat, eine historische Lastenwinde im Dach, Reste eines offenen Rauchfangs und vieles mehr. Das veranlasste den damaligen Eigentümer und das Denkmalamt, hier eine archäologische Grabung während der Umbauarbeiten durchzuführen, die wiederum zu überraschenden Ergebnissen führte. Neben vielen aussagekräftigen Stücken aus zwei ehemaligen Latrinen wurde ein vollständig erhaltener kleiner Tonkrug geborgen, der mit seiner Vierpassöffnung typisch für das 15. Jahrhundert ist und wohl als Vase gedient hat. Im 18. Jahrhundert wohnten hier zwei ledige Schwestern - Anna Cordula im Obergeschoss und Maria Euphrosina Waldthier im kleineren Erdgeschoss. Sie haben vermutlich das Haus so modernisiert, dass auch im Erdgeschoss, was bis zu dieser Zeit in Schwäbisch Hall ungewöhnlich war, für die eine Schwester eine kleine Wohnung genutzt werden konnte. Das Haus kam dann in den Besitz von Handwerkern wie einem Küfer, später gehörte es einem Schneider.

Um 1900 wohnte darin eine Arbeiterfamilie. Karl Elser war Eisengießer bei Grossag. Seit dieser Zeit wurde im Haus nicht mehr viel erneuert, so dass es mit seiner langen Geschichte in unsere Zeit hinüber gerettet werden konnte. Heute kann sich niemand mehr vorstellen, das Haus jemals abzubrechen - vor 20 Jahren sah das ganz anders aus.

Der Autor Albrecht Bedal arbeitete mehr als 26 Jahre lang bei der Haller Stadtverwaltung. Zuletzt leitete er den Fachbereich Kultur und das Hohenloher Freilandmuseum. Er hat jetzt das "Haller Häuser Buch" herausgegeben. Es ist im Buchhandel erhältlich.

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