Schwäbisch Hall Volles Haus beim Hospiz-Verein: Diskussion über "menschenwürdiges Sterben"

Schwäbisch Hall / ELISABETH SCHWEIKERT 18.11.2014
Gut 120 Besucher haben am Freitag in der Kunsthalle Würth eine Podiumsdiskussion verfolgt, die das Thema menschenwürdiges Sterben behandelte. Einzelne Diskussionsbeiträge rührten die Zuhörer zu Tränen.

Das Thema Sterben berührt - und so standen nach der Veranstaltung viele Gäste noch lange beieinander, um Erfahrungen bei der Sterbebegleitung von Freunden oder Angehörigen auszutauschen. Bei den teils sehr persönlichen Gesprächen kamen sich bis dahin Fremde nahe. Vorwiegend ältere Menschen im Alter von 60 plus waren gekommen, um die Diskussion zu verfolgen.

Keiner weiß im Voraus, wie man fühlt und handeln möchte, wenn es ans Sterben geht. Das vermittelte Rudolf Schmid, Vorsitzender des Kreisseniorenrats. Er erzählte vom langen Hinsiechen einer Freundin, die in gesunden Tagen eine Patientenverfügung aufgestellt hat. Sie wollte keine lebensverlängernden Maßnahmen. Jetzt, wo sie sich nur noch mit Augenbewegungen mitteilen kann, will sie von diesem Entschluss nichts mehr wissen. "Das hat mich sehr stutzig gemacht", so Schmid.

Ähnlich war es beim 2013 verstorbenen Tübinger Professor Walter Jens, der als Schriftsteller für selbstbestimmtes Sterben plädierte. Sein Sohn Tilman Jens berichtete, dass sein Vater in wachen Phasen seiner Demenz davon abrückte.

Keinen Frieden hat er damit geschlossen, dass sein Vater in den letzten zwei Lebensjahren durch Antibiotika immer wieder vom Sterbebett ins Leben zurückgeholt wurde. "Ich glaube nicht, dass mein Vater menschenwürdig sterben konnte." Leidenschaftlich forderte Tilman Jens Regelungen, die den Freitod von Schwerkranken erleichtern. Er zählte die jüngsten Freitode von Prominenten auf - blutig ausgeführt mit Waffen oder Sturz aus der Höhe. "Warum gewähren wir denen nicht das, was wir jedem Haustier gestatten."

Dr. Gerhard Hege-Scheuing, Leiter der Schmerztherapie am Bezirksklinikum Ansbach, vertrat dazu die Gegenposition: "Ich sehe es nicht als meine ärztliche Aufgabe an, dabei (beim assistierten Suizid; Anm der Red.) zu helfen - weder über das Ausstellen von Rezepten noch mit Hinweisen, wie's geht." Indes sei es selbstverständlich, dass Sterbenden medizinisch geholfen werden müsse.

Bernhard Amma vom Leitungsteam des stationären Hospizes St. Anna in Ellwangen hat beobachtet: "Diejenigen, die ins Hospiz kommen, hängen am Leben." In Gesprächen im Sterbezimmer falle allenfalls die Aussage "so will ich nicht mehr leben" - mit der Betonung auf "so".

Damit dieser Wunsch ein Stück weit erfüllt wird, braucht es eine gute medizinische Versorgung. SAPV heißt das Kürzel, das Sterbenden Linderung bringen kann. SAPV steht für eine "spezialisierte ambulante Palliativversorgung". Darunter versteht man, dass Ärzte und Pfleger Hilfen anbieten, die die Lebensqualität Sterbender verbessern, indem beispielsweise mit Morphium Schmerzen gelindert werden. Dabei wird teilweise auch in Kauf genommen, dass der Tod früher einsetzt. 20 Prozent der Heimbewohner brauchen im ersten Halbjahr eine palliative Betreuung, sagte Margarete Greiner, die unter anderem das Pflegeheim Sonnengarten in Hessental leitet. Einen Mediziner gebe es in der Stadt Schwäbisch Hall. Insbesondere auf dem Land sei es schwierig, Ärzte zu finden, die dabei mitmachen. Dass dies so ist, hänge auch mit der hohen zeitlichen Belastung zusammen, die nicht vergütet wird. Anerkennend sprach sie vom Einsatz der ehrenamtlichen Hospizbegleiter und Angehörigen, die im Pflegeheim mitwirken.

"Es ist Zeit, dass es ein flächendeckendes SAPV-Netz in Baden-Württemberg gibt", stellte Gerhard Hege-Scheuing fest. Er sieht das Haller Diakoniekrankenhaus als größte Einrichtung im Kreis in der Pflicht, nicht nur stationär Palliativmedizin anzubieten. Es müsse auch in die Fläche hinein wirken. "Das ist nicht zum Null-Tarif zu haben."

Exot in der Diskussionsrunde, die von Dr. Marcus Haas, Chefredakteur des Haller Tagblatt, moderiert wurde, war David Roth. Er ist von Beruf Bestatter aus Bergisch-Gladbach. Auf den Haller Bestatterskandal angesprochen (in Hall wurden Tote von teuren Särgen in billige umgebettet), sagte Roth, er habe diesen Skandal nicht verortet. Der Tod werde in der Gesellschaft ausgeklammert, klagte Roth. Er selbst vermittle den Trauernden, dass es nicht darum gehe, Ablasshandel zu betreiben. Sprich: mit einer teuren Beerdigung sich davon frei zu kaufen, was im Leben schief lief.

Quer durch alle Redebeiträge gab es an diesem Abend eine Konstante: Alle wünschten sich, am Ende des Lebens nicht allein zu sein, dass in den letzten Wochen und Tagen liebe Menschen da sind. Die Ehrenamtlichen dürfte dies mit Wohlwollen vernommen haben.

Viele Initiativen

Hospizstiftung Seit Oktober gibt es unter dem Dach der Sparkasse eine private Hospizstiftung. Dort sind 50.000 Euro einbezahlt worden. Für die Gründung eines stationären Hospizes braucht es rund zwei Millionen Euro.

Hospizdienste Zahlreiche Ehrenamtliche begleiten sterbende Menschen im Kreis. Hospizdienste für Erwachsene gibt es in Schwäbisch Hall, Crailsheim, Gaildorf, Braunsbach, Blaufelden, Kirchberg und Satteldorf. Auch für den Betrieb eines stationären Hospizes braucht es Ehrenamtliche.

Kinderhospiz Seit 2006 gibt es in Schwäbisch Hall einen Verein, der die Begleitung von Familien organisiert und finanziert, deren Kinder sterbenskrank sind.

SEL

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