Arzt Voller Warteraum noch um 19 Uhr

Hausärztliche Untersuchung: Die Haller Allgemeinmedizinerin Elisabeth Koerber-Kröll (Mitte) untersucht Patient Wolfgang Scherl. Praxismitarbeiterin Andrea Gensmantel geht der Ärztin zur Hand.
Hausärztliche Untersuchung: Die Haller Allgemeinmedizinerin Elisabeth Koerber-Kröll (Mitte) untersucht Patient Wolfgang Scherl. Praxismitarbeiterin Andrea Gensmantel geht der Ärztin zur Hand. © Foto: Marc Weigert
Schwäbisch Hall / WOLF-DIETER RETZBACH 04.11.2014
Zwei Frauen geht es gesundheitlich schlecht. Sie suchen in ihrem Wohnort Hall einen Hausarzt, werden in vielen Praxen aber abgewiesen. Bei akuten Fällen sei das eine Ausnahme, betont die Haller Ärzteschaft.

An einem Sonntag Anfang Oktober geht es mit Bauchschmerzen, Übelkeit, Appetitlosigkeit los. "Am Montag war an Essen überhaupt nicht mehr zu denken", erzählt die Frau. Am Dienstag hätte sie wieder arbeiten gehen müssen, aber "Bauchkrämpfe und Übelkeit haben mir keine Chance dazu gegeben. Mir war schwarz vor Augen und schwindelig, ich musste dringend zu einem Arzt."

Sie habe in Hall "bestimmt zehn Ärzte" angerufen, "die mich alle, teilweise sehr unfreundlich, abgewimmelt haben". Die kranke 28-Jährige ruft bei Ärzten in Rosengarten an. Ihr wird gesagt, dass nur Patienten aus Rosengarten aufgenommen werden und sie sich bitte an einen Arzt in Hall wenden solle. Die Frau bekommt über eine Bekannte schließlich einen Termin bei einem Arzt in Ellwangen. Die Patientin, die kürzlich nach Hall gezogen ist, muss von einer Freundin gefahren werden, weil sie es wegen Krämpfen und Kreislaufproblemen nicht selber tun kann.

"Mir ging es sehr schlecht", erinnert sich eine andere Hallerin über ihren grippalen Infekt vor wenigen Wochen. Sie bekommt bei den beiden Hausärzten im Teurershof, nahe ihres Wohnortes, keinen Termin, "2015 wieder", sagt eine Sprechstundenhilfe. "Das hilft wenig, wenn es einem im Oktober 2014 schlecht geht", sagt die junge Frau. "Subjektiv war das für mich ein Notfall." Nach zwei Anrufen bekommt die Patientin in der Innenstadt einen Notfalltermin, "das war aber eher eine Abfertigung als eine richtige Untersuchung". Das sei allerdings auch verständlich, weil die Ärztin um kurz vor 19 Uhr noch immer "einen recht vollen Wartesaal" gehabt habe.

Dass Patienten in akuten Fällen - und ein Kreislaufproblem sei ein akuter Fall - abgewiesen würden, wundere sie und sei in Hall eine Ausnahme, sagt Elisabeth Koerber-Kröll. "In der Regel passiert so etwas nicht", so die Vorsitzende des Vorstands der Haller Ärzteschaft: "Ich bin sicher, dass ein Termin beim Hausarzt für Akutfälle im überwiegenden Fall noch am selben Tag zu bekommen ist." Kein Hausarzt werde einen "wirklichen Akutfall" grundlos abweisen. Allerdings sei es dem Patienten zumutbar, wenn er gebeten werde, "bei einem anderen Kollegen sein Glück zu versuchen, wenn gerade in der eigenen Praxis ,Land unter ist". In Hall jedenfalls bekomme sie "keine besonderen Klagen von Patienten", so Koerber-Kröll. Einzig in der Ferienzeit könnte es Engpässe geben.

Unabhängig von den Krankheitsfällen der beiden Frauen kritisiert die Ärztin die "enorme Anspruchshaltung der Patienten". Viele würden sich mit "Bagatellbeschwerden" und nach "mehrwöchig gepflegten Symptomen" abends in die Sprechstunde drängen. Es gebe den Typ Patient, der sich dann "noch beschwert, wenn er nicht rechtzeitig zu seiner geliebten Vorabend-Fernsehsendung zuhause ist".

Dabei stünden die Ärzte unter einem großen Druck. Sie hätten in der Regel eine 50- bis 60-Stunden-Woche. Trotz dieses hohen Arbeitspensums gebe es "natürliche Kapazitätsgrenzen". Die Hausbesuche bei nicht transportfähigen Patienten müssten außerdem oft noch nach der Sprechstunde oder an den Wochenenden zusätzlich geleistet werden. Hinzu kämen Nachtdienste, die Dokumentationspflicht aller Maßnahmen, Qualitätsmanagement, Fortbildungen, die Pflichten eines mittelständischen Unternehmers. "Die vielgerühmte Work-Life-Balance empfehlen wir zwar unseren Patienten, weil sie sinnvoll ist. Für uns selbst allerdings muss es leider meist ein Fremdwort bleiben", so Koerber-Kröll.

In den Kommunen des Landkreises Hall arbeiten 40 Hausärzte, in der Stadt selbst sind es 20. "In Schwäbisch Hall gibt es rechnerisch zu viele Hausärzte", sagt der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, Kai Sonntag, mit Blick auf die Reglementierung der Ärztezahl. Die sei ebenso gesetzlich vorgegeben wie die Zuweisung des Patientenaufkommens. "Wenn die Ärzte mehr Patienten behandeln, bekommen sie diese nicht mehr bezahlt."

Sonntag betont, dass Arzte Patienten abweisen dürfen, solange es sich nicht um einen Notfall handelt. Und nicht jede akute Erkrankung sei ein medizinischer Notfall.

"Ein Arzt hat auch nur eine begrenzte Kapazität", sagt Sonntag. Gerade für Hausärzte sei es schwierig, das Patientenaufkommen zu planen: "Ein Arzt weiß nicht, wie viele Patienten morgens um einen Termin bitten. Da kann es auch mal zu Engpässen kommen." Generell gebe es bei Hausärzten aber "keine flächendeckenden Terminprobleme", so Sonntag. Das zeigten Patientenbefragungen, "die durchweg bestätigen, dass die Wartezeiten bei den Hausärzten in akuten Fällen gering sind".

Info Die Haller Ärzteschaft hat von 18 Uhr an (und am Wochenende rund um die Uhr, auch für kinder- und augenärztliche und Hals-Nasen-Ohren-Akutfälle) einen Bereitschaftsdienst eingerichtet, Telefon 0791/19222.

Ambulante Psychotherapie: Sieben neue Stellen besetzt

Erhöhung Die Zahl der ambulanten Psychotherapeuten in Stadt und Kreis Hall ist 2013 um 13,5 Stellen erhöht worden. "Davon sind mittlerweile sieben besetzt", teilt der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, Kai Sonntag, mit. "Ein Drittel mehr Psychotherapeuten innerhalb eines Jahres - das ist enorm."

Wartezeit Trotz der neuen Stellen - "an den Wartezeiten von einem halben Jahr hat sich wenig geändert, weil der Bedarf so groß ist", sagt die Vorstandsvorsitzende der Haller Ärzteschaft, Elisabeth Koerber-Kröll. Laut der Allgemeinmedizinerin gibt es im Land mit den höchsten Gebrauch an Psychopharmaka in Deutschland.

WD

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