Crailsheim Cinecity-Kino: Virtual Reality und Videospiele auf der Leinwand

Crailsheim / Frank Lutz 13.02.2019
Auch in der Region gehen immer weniger Menschen ins Kino. Viele Betreiber versuchen den Kinobesuch zum besonderen Event zu machen, um dem Trend entgegenzuwirken.

Ein Erlebnisbereich auf drei Ebenen sowie eine Café-Area, die ziemlich „crazy“ ausgestattet sein wird. So soll das Foyer des Crailsheimer „Cinecity“-Kinos ab diesem Sommer aussehen, kündigt Tilman Wagner, Geschäftsführer der Crailsheimer Kinos „Cinecity“ und „Kammer-Filmtheater“, an. „Sehr hohe Investitionskosten“ will er in den Umbau ab diesem Frühjahr stecken. Und das nicht nur, weil Wagners Herz „schon immer dem Kino gehört“ hat, wie der Mann sagt, der im Hauptberuf Rechtsanwalt mit eigener Kanzlei ist. Sondern auch, weil die Kinos deutschlandweit vor großen wirtschaftlichen Herausforderungen stehen.

Dramatischer Rückgang der Besucherzahlen

Verschiedenen Quellen zufolge gingen die Besucherzahlen in der ersten Jahreshälfte 2018 um bis zu 20 Prozent zurück. Ähnlich hoch waren die Einbußen in Wagners Kinos, wenn er sie auch – etwa durch Saalvermietungen und Liveübertragungen aus großen Opernhäusern – kompensieren konnte. Dennoch sagt Wagner: „Sie müssen sich in den letzten Jahren deutlich mehr anstrengen.“ Zwar seien die äußeren Faktoren im letzten Jahr für die Kinobetreiber besonders ungünstig gewesen: Während der Fußballweltmeisterschaft brachten die Verleiher bewusst keine Kassenschlager auf den Markt. Und der ungewöhnlich heiße Sommer lockte eher in die Badeparadiese als in die Filmpaläste.

Doch auch langfristige Entwicklungen bereiten Wagner Sorge: „Wir leben in der Bundesrepublik vom amerikanischen Markt, und der richtet sich zunehmend nach Asien aus.“ Viele Filme würden immer bildgewaltiger, aber ihr Inhalt immer weiter reduziert. Andere europäische Länder, die mehr einheimische Filme in ihre Kinos brächten, hätten nicht so starke Einbrüche erlitten. Ein Blick auf die „Top 10“ des letzten Jahres in den Crailsheimer Kinos gibt Wagner Recht: Mit „Dieses bescheuerte Herz“ und „Sauerkrautkoma“ erscheinen die erfolgreichsten deutschen Filme erst auf den Plätzen 9 und 10. An der Spitze liegt „Fifty Shades of Grey“ vor anderen US-amerikanischen Produktionen.

Kinos sollen das bieten, was Streaming-Dienste nicht können

Auch einen zunehmend starken Konkurrenten für die Kinos erwähnt Tilman Wagner: „Netflix hat natürlich Einfluss auf das Ausgeh- und Kinoverhalten. Die Serien machen uns zu schaffen, sie sind oft sehr aufwendig produziert.“ Doch biete das veränderte Zuschauerverhalten auch eine Chance: „Wir müssen das Kino neu definieren als Filmtheaterbetreiber und von unserer sehr bequemen Stellung runterkommen.“ Denn zumindest eines könnten Kinos den Besuchern bieten, was diese bei Streaming-Medien nicht finden: „Das Publikum geht ins Kino, um eine Abendgestaltung zu haben, um ein gesellschaftliches Erlebnis zu bekommen.“ Mit zahlreichen Innovationen versucht Wagner dieses Erlebnis zu bieten: Neben den bereits erwähnten Liveübertragungen und Saalvermietungen gibt es etwa im „Cinecity“ jede Woche eine Sneak-Veranstaltung, die als Event mit Moderatoren inszeniert wird.

An ein älteres Publikum richtet sich das Seniorenkino, das der Crailsheimer Stadtseniorenrat alle zwei Wochen in Kooperation mit „Cinecity“ und der Volkshochschule anbietet. Dabei werden vor dem Film Kaffee und Kuchen angeboten. Zudem zeigt Wagner jede Woche einen aktuellen Film in der englischsprachigen Originalversion sowie einen „Arthaus“-Film für das „anspruchsvolle Publikum“.

Raus aus dem Alltag

Weitere Neuerungen will Wagner in naher Zukunft angehen: So soll ein „Virtual-Reality“-Bereich geschaffen werden, in dem die Besucher vor, zwischen und nach den Filmen in virtuelle Welten eintauchen können. Auch sollen ab der zweiten Jahreshälfte „Gaming“-Veranstaltungen möglich sein, bei denen Videospiele im Kinosaal gespielt werden können. Und nach dem Foyer sollen ab nächstem Jahr sukzessive auch die Säle im „Cinecity“ renoviert und mit noch moderneren Tonsystemen und Laserprojektion ausgestattet werden.

„Die Besucher sollen früher kommen, sich vom Alltag lösen und nicht bloß konsumieren“, fasst Wagner seine Vision vom Kino der Zukunft zusammen. „Sie sollen aufnahmebereit sein, sich mit dem Film identifizieren und das volle Erlebnis haben. Das Erlebnis muss beginnen, wenn sie die Türe öffnen und in eine andere Welt eintauchen.“

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Kinos gibt es nach Information der IHK in Heilbronn-Franken, acht davon im Haller Landkreis, vier im Hohenlohekreis, drei im Main-Tauber-Kreis.

Optimistisch trotz magerer Jahresbilanz

Andere Kinobetreiber in der Region sprechen ebenfalls von einem schwachen Jahr 2018: Beim Künzelsauer Prestige-Filmtheater gingen die Besucherzahlen gegenüber dem Vorjahr um 22 Prozent zurück, berichtet Geschäftsführer Nenad Tomasinjak. Die Werbeeinnahmen brachen sogar um rund 40 Prozent ein. Die Ursachen seien ähnlich wie in den Crailsheimer Kinos: „Der Ausnahmesommer war mit Sicherheit einer der Hauptgründe, warum das Kinojahr 2018 so schlecht war“, berichtet Tomasinjak und fügt hinzu: „Sicher gab es zusätzlich auch zu wenig zugkräftige Filmtitel. Während der WM gab es kaum Ware, weil die Filmverleiher hier ihre Filme nicht starten wollten.“ Dem Besucherrückgang versuche auch er mit „alternativem Content“, wie der Übertragung von Oper- und Ballettvorstellungen sowie Filmen in Originalsprache, entgegenzuwirken. Doch stehe das Kino hierzulande generell nicht hoch im Kurs: „Die Deutschen sind einfach Kinomuffel. Nur circa ein Drittel der Bevölkerung geht überhaupt ins Kino.“ Streamingdienste sieht Tomasinjak nicht als ernsthafte Konkurrenz: „Leute, die viel ins Kino gehen, nutzen auch Streamingdienste, sind in der Regel filmaffin und wissen beide Möglichkeiten des Filmkonsums zu schätzen.“

Auch Ralph Gläser, Geschäftsführer der Öhringer Kinos Scala und Holi, bezeichnet Kino als „Gemeinschaftserlebnis, das man zu Hause nicht haben kann“ und das daher durch Streamingdienste nicht ersetzt werden könne. Dass er in seinen Kinos im letzten Jahr trotzdem einen Rückgang von rund 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr bei Umsatz, Besucherzahlen und Werbeeinnahmen verkraften musste, sieht auch Gläser vor allem im langen und heißen Sommer begründet. Für die Zukunft des Mediums Kino allgemein bleibt Gläser entsprechend optimistisch und ist überzeugt, dass das Kino auch neben Streamigdiensten weiter bestehen wird: „Das Erlebnis Kino ist etwas Magisches, auf das man sich einfach einlassen muss, damit man es richtig genießen kann.“

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