Würth-Philharmoniker Vielfalt von vier bedeutenden B

Ulrich Enzel 12.10.2017

Musiziert heute ein anderes Orchester? Das Experiment mit ständig wechselnden Dirigenten – es zeigt sich als Erfolgsmodell. Fast wie ausgewechselt spielen die Würth-Philharmoniker bei ihrem dritten Konzert unter dem wuchtig-markanten, aber auch beweglich-impulsiven Dirigat von Jean-Claude Casadesus. Bereits bei Ludwig van Beethovens Coriolan-Ouvertüre entdecken sie eine weite dynamische Variabilität vom sanft gehauchten Piano bis zur heftigen Fortissimo-Prägnanz.

Durchsichtige Passagen wechseln mit – den edlen, fast bis zum letzten Platz gefüllten Reinhold-Würth-Saal fast sprengender – Tutti-Wucht. Packend-beteiligt vermitteln die Philharmoniker gefühlsdicht Frevel und Tod des Helden.

Ruhig fließender, angenehm verhaltener Holzbläser-Wohlklang leitet das Violinkonzert von Johannes Brahms ein: genussvolles  Erzählen, Auskosten der langen Melodiebögen. Herb und markant setzt Maxim Vengerow – heute als Violinsolist – dagegen. Hell und Oberton-reich, Vibrato-arm und straff strukturiert meidet er hochromantische Süße. Aus seinen Geigen-Soli schimmert kühle winterliche kontraststarke Kahlheit durch das bunte Laub, den spätsommerlichen warmen Glanz, den das Orchester vermittelt. Dichte Erzählstränge im zweiten Satz. Klangintensive Vielfarbigkeit im Orchester. Kein Wechselgesang mit dem schroff antwortenden Solisten.

Jubelnder Beifall mit einem weiteren B belohnt: dem wundervollen 2. Satz aus Johann Sebastian Bachs d-moll-Doppelkonzert: Konzertmeister Catalin De­saga umschmeichelt vergebens Maxim Vengerow, der  erneut virtuos scharfkantig kontrastiert.

Doch bei Georges Bizets Studentenstreich, der Sinfonie in C-Dur explodieren die Musik der Philharmoniker geradezu. Herrlich, wie sie dieses jugendfrische Werk eines 17-Jährigen genießen, das sich unbeschwert durch die Klassiker stiehlt, von Schubert bis Mendelssohn und Rossini.

Jean-Claude Casadesus mutiert in dieser Vorstellung zum charmanten Solo-Tänzer, der sein Orchester geradezu entfesselt zu beschwingt spritzig bewegtem Musikantentum. Mit Bizet als Steigbügelhalter galoppieren sie davon in vitaler Lebendigkeit. Das schier nicht enden wollende Perpetuum mobile des vierten Satzes – kann es ein besseres Omen geben für dieses eben aus den Startlöchern zum Dauerlauf aufgebrochene Orchester?