Landkreis Hall gestärkte Leiharbeiter

Zeitarbeitnehmer gibt es in den verschiedensten Branchen – auch in der Metallindustrie. Inwiefern sich ihre Situation durch die Gesetzesreform verbessert, bleibt unklar. 
Zeitarbeitnehmer gibt es in den verschiedensten Branchen – auch in der Metallindustrie. Inwiefern sich ihre Situation durch die Gesetzesreform verbessert, bleibt unklar.  © Foto: Archiv
Landkreis Hall / Frank Lutz 15.02.2018
Vor fast 11 Monaten traten Regelungen zur Stärkung der Rechte von Leiharbeitern in Kraft. Dienstleister in der Region beklagen dagegen einen hohen Bürokratieaufwand und unklare Formulierungen.

Ein großer Wurf für die Zeitarbeitsbranche war vorgesehen: Am 1. April 2017 trat eine Änderung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes (AÜG) in Kraft, das die Rechte der Leih- und Zeitarbeiter stärken soll. Die Reform enthält vor allem zwei wichtige Neuerungen: Zum einen müssen Zeitarbeitskräfte übernommen werden, wenn sie länger als 18 Monate im gleichen Betrieb tätig sind. Zum anderen gilt bereits nach neun Monaten „Equal Pay“: Nach diesem Zeitraum müssen Leiharbeiter den gleichen Lohn erhalten wie Stammbeschäftigte. Die ersten neun Monate nach Inkrafttreten des Gesetzes waren Anfang Januar vorbei. Zeit also für eine Zwischenbilanz in der Region: Erreichen die Gesetzes­änderungen bisher ihre ambitionierten Ziele? Welche Erfahrungen machen Personaldienstleister in ihrer täglichen Arbeit?

Konkrete Auswirkungen

„Durch den Stichtag 1. April 2017 und den neun Monaten zum 1. Januar 2018 haben wir durch Kundenübernahme gute Mitarbeiter an unsere Kunden verloren. Aktuell über­­ ­­30 Prozent“, berichtet Uwe Schaubhut, Geschäftsführer des Crailsheimer Personaldienstleisters All-Jobs. Für die Mitarbeiter sei das natürlich erfreulich, doch befürchtet Schaubhut, dass viele nur aus Angst vor Strafen befristet übernommen wurden.

Die großen Zeitarbeitsfirmen spüren dagegen keinen Mitarbeiterrückgang: „Bisher haben die Gesetzesänderungen keine nachweislichen Auswirkungen auf unsere Mitarbeiterzahlen“, sagt Dr. Ralf Eisenbeiß, Marketingleiter und Pressesprecher des Crailsheimer Personaldienstleisters Franz & Wach. Und auch Bernd Rath, Geschäftsführer von Bera mit Hauptsitz in Schwäbisch Hall berichtet: „Lediglich der Fachkräftemangel allgemein hat Auswirkungen auf unser Geschäft. Die Bera könnte deutlich mehr Stellen besetzen, wenn wir die dringend benötigten Fachkräfte am Markt finden würden.“

 Der Grundgedanke der Gesetzesänderung sei durchaus richtig, meint Uwe Schaubhut: „Gleiche Arbeit – gleicher Lohn. Aber in vielen Branchen können Sie keine Übernahme nach neun beziehungsweise 18 Monaten erzwingen.“ Verunsicherten Kunden, die Zeitarbeitskräfte vorschnell übernehmen würden, stünden solche gegenüber, welche die Mitarbeiter aus Angst vor rechtlichen Konsequenzen vor Ablauf der neun Monate wieder abmeldeten: „Dies hat zur Folge, dass gut eingearbeitete und zufriedene Mitarbeiter ihren zum Teil wohnortnahen Arbeitsplatz verlieren, um dann wieder in einem anderen Unternehmen von vorne anzufangen.“ Auch Ralf Eisenbeiß registriert eine starke Verunsicherung bei vielen Kunden, aber auch bei anderen Zeitarbeitsfirmen. Grund sei vor allem die Definition von Equal Pay, bei der unklar bleibe, welche Zusatzleistungen dem Zeitarbeitnehmer zustehen und wie der Ausgleich aussehe, wenn er sie nicht bekommt. Diese Unklarheiten beklagt auch Bernd Rath: „Aktuell ist es teilweise noch recht knifflig, den korrekten Vergleichslohn zu berechnen, bei dem auch Leistungen wie Boni oder Sachbezüge zu berücksichtigen sind.“

Eine weitere Folge der Reform aus Eisenbeiß’ Sicht: „Der bürokratische Aufwand ist drastisch gestiegen. Dies gilt für den Dienstleister ebenso wie für die Zeitarbeitnehmer und die Kunden­unternehmen.“ Das gehe auf Kosten der Flexibilität: Die Dokumentationspflicht sei bereits vor dem Einsatz so hoch, „dass kurzfristige Hilfe bei Personalnotständen immer schwieriger wird“. Auch müsse die Branchensoftware der Personaldienstleister zur Lohnberechnung so programmiert werden, „dass alle Eventualitäten und denkbaren Einzelfälle abgedeckt werden“.

Kritik an der Gesetzesreform kommt unterdessen auch von den Gewerkschaften: Frank Bsirske, Vorsitzender der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, etwa beklagte, dass der Zeitraum sowohl bei der Höchstüberlassungsdauer als auch beim Equal Pay verlängert werden kann – etwa über Tarifverträge. Schaubhut schließt sich dieser Kritik an: „Es sollte für alle Branchen und Tarifparteien gleich gelten.“ Eisenbeiß dagegen meint, dass Tarifverträge „vor allem zur Berechnung des Equal Pay deutlichere Aussagen machen und damit für Sicherheit sorgen“. Auch die 18-Monats-Grenze bei der Höchstüberlassungsdauer sei willkürlich gesetzt worden – Tarifverträge könnten die Realität hier besser abbilden.

Welche Nachbesserungen am AÜG schlagen die Personaldienstleister vor? „Der extrem hohe Verwaltungsaufwand ließe sich verschlanken“, meint Bernd Rath, denn dieser koste „immense Ressourcen“ und schaffe Unsicherheit und Misstrauen. Eisenbeiß fordert, die Höchstüberlassungsdauer zu streichen und Equal Pay komplett den Tarifpartnern zur Einigung zu überlassen oder es zumindest eindeutig zu definieren. Auch er wünscht sich weniger Bürokratie und dafür höhere Kontrollen bei den bereits vor 2017 bestehenden Regelungen. Schaubhut schließlich kritisiert auch, dass das Gesetz zu wenig auf die Bedürfnisse von Mittelstand und Handwerk zugeschnitten sei: „Es gibt nicht nur Großbetriebe wie die Automobil-, Metall- und Elektroindustrie.“

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tausend Leiharbeitnehmer waren laut Arbeitsagentur 2016 bundesweit im Durchschnitt beschäftigt. Der Anteil an der Gesamtbeschäftigung lag unter 3 Prozent.