Buchvorstellung Viele Haller waren Teil der Migrationswelle nach Amerika

Schwäbisch Hall / Tobias Würth 15.06.2018
Während heute die Einwanderung nach Deutschland im Fokus steht, wollten einst viele Auswandern. 13 Autoren haben Lebenswege erforscht.

Persönliche Schicksalsschläge, Armut oder die Möglichkeit, einen ungeliebten Verwandten loszuwerden“, nennt Stadtarchivar Dr. Andreas Maisch als einige Ursachen für die Migration. „Man muss die Dimensionen klarmachen: 7,5 Millionen Menschen, die auf dem Territorium lebten, auf dem später das Deutsche Reich entstand, setzten nach 1816 nach Amerika über“, verdeutlicht er. Und dabei lebten damals noch weit weniger Menschen in Europa. Während heute von Flüchtlingswellen nach Deutschland die Rede ist, dominierten einst die Wanderbewegungen in die andere Richtung das Bild. Haller landeten in Australien oder auf Java.

Viele dieser Lebenswege sind im Buch „Migrationen. Zuwanderung nach und Auswanderung aus Schwäbisch Hall 1600-1914“ dokumentiert. Das Stadtarchiv hat es herausgegeben, unterstützt von dem Förderverein der Archive (Geschichtswerkstatt). 13 Autoren trugen die Fakten, Fotos und Tagebucheinträge zusammen. Für 25 Euro ist es beim Stadtarchiv und im Buchhandel erhältlich. Am Donnerstagabend wurde es im Haus der Bildung vorgestellt. 80 Zuhörer lauschten dem Gesang des „Internationalen Frauenchors“ und hörten sich die drei Reden an.

„Leichter leben, viel  Platz und billiges Land“, zitiert Annette Imkampe aus einem Auswanderer-Brief. Die Vorsitzende der Geschichtswerkstatt stieß als Pfarrerin in Bibersfeld auf die Muglers. „1884 haben sich Vorfahren mit neun der zehn Kinder auf den Weg nach Amerika gemacht“, hat sie herausgefunden. Doch die Briefe beschreiben auch die Not in der Neuen Welt: Missernten, Trockenjahre, Hunger. Zurück in die alte Heimat wollten sie dennoch nicht mehr. Heute noch steht an einem Bibersfelder Haus das Schild „The Muglers“. Nicht alle Familienmitglieder wanderten aus.

„Migration wird derzeit oft mit den Themen Sicherheit und Wirtschaft verbunden. Das kann man jeden Abend im Fernsehen erleben“, erläutert Maisch. Dabei würden andere Aspekte vergessen. „Haller Handwerker ermöglichten durch ihre Wanderungen einen Wissenstransfer. Das wirkte innovativ.“ Doch auch die zugewanderten Saisonkräfte brachten neue Techniken in die Stadt. „Die Wanderarbeiter aus Tirol wurden beim Hausbau bis Mitte des 18. Jahrhunderts eingesetzt.“ Obwohl bis zum 19. Jahrhundert keine Pass- und Visa­pflicht bestand, wurde den Wanderbewegungen Grenzen gesetzt. So kassierte die Stadt Hall für damalige Verhältnisse hohe Summen bei der Einbürgerung von Zugewanderten. Eine Zeit lang war auch die Religion ausschlaggebend. „Nur die Rechtgläubigen, also die Lutheraner, können Bürger der Stadt werden. Daher reisten die Tiroler wieder ab.“ Höchstens im katholischen Steinbach konnten sie sesshaft werden.

Bereits 2013 startete das Projekt der Auswanderer-Datenbank (www.mida-sha.de). In der werden die Geschichten der Migranten aus Hall zusammengetragen. Um diese auch auszuformulieren, wurde nun das Buch gedruckt. Den Autoren sei bei den Recherchen bewusst geworden, wie viele Auswanderer es vor allem nach Amerika gegeben hat. OB Hermann-Josef Pelgrim stellt in seiner Rede den Bezug zur aktuellen Situation her. „Das, was wir mit Migration heute in den Fokus nehmen, ist nichts Neues.“ Er nimmt das Buch und zeigt das vordere Drittel, das sich mit dem Thema Einwanderung beschäftigt. Dann deutet er auf die beiden hinteren Drittel des 404-seitigen Werks. „So viel nimmt das Thema Auswanderung ein. Wir sind froh und dankbar, dass es damals Länder gab, die notleidende Haller aufgenommen haben. Aktuell leben Menschen aus 120 Nationen in Hall. Ohne deren Einflüsse kann man sich das Leben nicht mehr vorstellen.“  Er nennt ausländische Restaurants. Stadtarchivleiter Andreas Maisch schließt mit den Worten: „Ich tue jetzt etwas, das ich als Historiker ungern tue. Ich sage etwas zur Gegenwart: Die Hetze gegen anders Aussehende und Andersdenkende ist nicht nur ein Vogelschiss, sondern großer Mist.“

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